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‘Wording’?

Dienstag, 22. Juni 2010

Der Leiter des FAZ-Hauptstadtbüros, Günter Bannas, hat sich über die ‘mangelnde Akzeptanz’ im Volk für politische Reformvorhaben höchst elitäre Gedanken gemacht. Er schiebt die Schuld auf ein unpassendes ‘Wording’ der geplanten Einschnitte. Wobei das ‘Wording’ jenen Irrglauben politischer Marketing-Fachleute bezeichnet, die unverdrossen der festen Überzeugung sind, man müsse nur ein perfekt ‘designtes’ Vokabular verwenden, um jede Schweinerei im Volk durchsetzen zu können. Alles Scheitern oder Gelingen in der Politik wäre demnach eine Frage des einheitlichen Wortgebrauchs. Der grundlegende Fehler Angela Merkels sei es beispielsweise, dass sie unvernünftigerweise von einem ‘Sparpaket’ spreche, statt vernünftigerweise von einem ‘Zukunftspaket’, wie es der brave Herr Kauder tut:

“Selbst im sogenannten „Wording“, also der Verbalisierung politischer Ziele, werden Differenzen deutlich, wenn es nicht abgestimmt ist. So bezeichnete unlängst der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Kauder in einem Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ die Verabredungen der Regierungskoalition ausdrücklich als „Zukunftspaket“ – offenbar um dem Ganzen überwölbende Hoffnung zu geben. Frau Merkel benutzte im Gespräch mit dieser Zeitung den Begriff „Sparpaket“. Äußerungen in der Bundesregierung gibt es, Frau Merkel tue sich mit ihrer zur Rationalität neigenden Rhetorik schwer, für die in Aussicht genommenen Projekte zu werben und Sympathien zu wecken. In der Gesundheitspolitik habe die Koalition den Streit um Begriffe schon verloren – weil und solange die CSU, ganz im Widerspruch zur Bundeskanzlerin, diffamierend von einer „Kopfpauschale“ spreche.

Es wäre demnach das Geklingel der Worthülsen, das die Verhältnisse zum Tanzen bringen kann, ein recht platziertes Wort, und die ungerechtesten Vorhaben würden wahr. Dies ist eine idealistische, ja geradezu klippschülermäßige Sicht der Dinge, weil sie den Aspekt der menschlichen Erfahrung völlig außer acht lässt. So weiß bei einer rosarot und positiv dahergesülzten ‘Reform der Unternehmensstruktur’ heute sogar der dümmste Arbeitnehmer – und zwar aus eigener, bitterer Erfahrung -, dass er schon bald massiven Arbeitsplatzabbau und Lohnverschlechterung am eigenen Leib verspüren wird.

Man könnte geradezu eine Gegenthese formulieren: Durch das überhandnehmende ‘Wording’ werden die Ziele, die kommuniziert werden sollen, dem ‘Volk’ immer verdächtiger und fadenscheiniger. Aus Erfahrung haben die Menschen gelernt, dass aus wohlklingenden Wörtern selten etwas folgt, was ihnen auch wohl tut. Diese Wörter sind für sie längst ins Lager der Lüge gewechselt. Deshalb ist ein Wort wie ‘Reform’ heute verbraucht wie ein ausgelutschtes Kaugummi. Die ‘Frames’, die Muster im Gehirn der Menschen, sind inzwischen so gepolt, dass der hageldichte Verbal-Dreck eines weichgespülten Himbeertoni-Gewäsches nur noch Aversion erzeugt und die Alarmglocken schrillen lässt. Dieser einst so probate Sprachgebrauch ist längst ‘durchschaut’.

Man könnte es auch so ausdrücken: Durch die faktischen Resultate des gesellschaftlichen Handelns hat sich das verschleiernde politische Phrasen-Gebimmel, fachgerecht ‘Wording’ genannt, selbst all seiner Wirkungsmöglichkeiten beraubt. Dank der Macht gegenteiliger und realer Erfahrungen: Je schöner es klang, desto hässlicher waren regelhaft die Folgen … und genau deshalb wirken die verführerischsten Schalmeienklänge der Rattenfängerzunft nicht mehr. Das Volk pfeift sich längst einen eigenen Reim darauf.

Diese Arbeit ist nicht jene Arbeit

Dienstag, 06. Oktober 2009

Ein Wort bedeutet keineswegs das, was im aktuellen Lexikon steht. Sondern immer nur genau das, was ein Hirn zu einem gegebenen Zeitpunkt mit diesem Wort verbindet. So verläuft eben Information – sie haust nicht in den Wörtern, sie steckt in den Köpfen.

Nehmen wir als Beispiel das Wörtchen ‘Arbeit’. In meiner Jugend definierte sich kaum ein Mensch über die Arbeit, zumindest nicht unter uns Lehrlingen, Schülern und Studenten. Die Arbeit war ein notwendiges Übel, das uns lebenslang begleiten würde, sie nervte, aber es war nichts, was den Wert eines Menschen unter uns festlegte. Ob jemand Heizungsmonteur, Bauer, Historiker oder Bankkaufmann war, das spielte keine Rolle. Wichtig war, ob jemand ein Freund und guter Kumpel war, oder ein A…loch. So verlief die soziale Skala. Das eigentliche Leben fand nach 18.00 Uhr und am Wochenende statt. Da zeigte sich, aus welchem Holz jemand geschnitzt war. Das Karrieregefasel überließen wir den Eltern …

Heute hingegen umtanzen nicht nur die Parteien das goldene Kalb der regelmäßigen Arbeit, so, als sei sie der eigentliche Lebensinhalt. Auch die Selbstdefinition der arbeitenden Menschen verläuft heute entlang dieser Schiene – alle sind im Sinne unserer Eltern ‘erwachsen’ geworden. Dabei existiert nicht nur die Grenze oder Fundamentaldifferenz, Arbeit zu haben oder arbeitslos zu sein. Es geht längst viel tranchierter zu: Die Art der Arbeit und der Name des Berufes verleihen den Status, die Bezahlung der Arbeit bestimmt den zwischenmenschlichen Rang. Da darf heute ruhig jemand Makler sein, Schönheitschirurg oder GEZ-Eintreiber, Berufe, bei deren Wortklang es uns früher geschüttelt hätte. Die soziale Regel im Neoliberalismus heißt: Hauptsache Cash – egal womit …!

Nach einem goldenen Schlüssel richtet sich im Kindesalter schon die ‘Karriereplanung’ – auch so ein Wort, dass es damals nicht gab: Wir lernten etwas, gingen in die Ausbildung oder auf die Uni, lavierten uns durch, und wo wir später mal landen würden – ja, Herrgott, das Leben ist doch bunt! Vielleicht lande ich später mal als Schmuckverkäufer in Goa. Hauptsache, etwas erleben!

Nun aber meldet ein junger Mensch sich als Teenager bei Karriereportalen an, kein unvorteilhaftes Bild darf in die Community gelangen, die Assessment-Center der Unternehmen kommen zu den Proseminaren mit Arbeitsverträgen in den Hörsaal gestürmt, am Ende der Ausbildung verlassen charakterliche Klonschafe, personifizierte Wirtschaftserwartungen die Prägeanstalt. Und wenn jemand glücklich – sagen wir mal – Banker wurde, dann verbringt er anschließend auch die ‘Blue Hour’ (früher FREIzeit genannt) immer nur unter seinesgleichen. Inzucht, soziales Unwissen und Snobismus prägen folgerichtig eine Generation, deren Lerneffekt in Sachen Lebenstauglichkeit gleich Null ist.

Später dann wundern sie sich, weshalb sie auch auf teuersten Fernreisen nichts wirklich erleben, weshalb jede Lebenserfahrung ihnen zeitlebens fremd bleibt und wieso sie immer öfter in Depression verfallen. Kein Wunder, sie haben das Erleben nie gelernt, sondern immer nur Robotten und Bizziniss. Tscha – und im Alter heißt es dann: “Und das soll jetzt alles gewesen sein?”. Sie können vor Gevatter Hein noch nicht einmal eine Lebensbilanz ziehen, weil sie kein Leben führten, sondern immer nur an Arbeit, Arbeit, Arbeit dachten …

So viel Wandel und auch Macht über uns steckt in dem kleinen Wort ‘Arbeit’ drin – man sieht es ihm gar nicht an.

Information

Samstag, 01. November 2008

Der Mann hatte es im Leben weit gebracht: Er sah und hörte – ‘beschäftigt’ wie er war – nichts mehr selbst, er erfuhr nichts aus eigenem Erleben. Aber allmorgendlich, wenn der Chauffeur vor dem Vestibül ihm die Tür aufriss, da wurde er kurz darauf von seiner Sekretärin und anderen bürokratischen Zuträgern ‘über die anstehende Sachlage eingehend informiert‘. So konnte ihm nichts, was wichtig war, entgehen …

Erfinder am Werk

Samstag, 25. Oktober 2008

Von Georg Christoph Lichtenberg kommt die gute alte Schreibregel, die da lautet: “Erfindet, wenn ihr wollt gelesen sein“. Diese Regel nahm sich wohl auch Jawaharlal Nehru zu Herzen, der erste indische Ministerpräsident nach der Unabhängigkeit des Subkontinents im Jahr 1947. Auch wenn Nehru, der Erfinder des Begriffs ‘Dritte Welt’, seine Weisheit vermutlich nicht aus Europa, sondern von einem indischen Aufklärer bezogen haben dürfte.

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