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Fakten vs. Erzählung

Samstag, 05. September 2009

Auch große Sprachmeister liegen gelegentlich neben der Spur mit ihrem Gespür. So steht bei Helmut Heißenbüttel eine Goethe-Parodie am Anfang seiner Erzählung von ‘D’Alemberts Ende’: “Eduard – so nennen wir einen Rundfunkredakteur im besten Mannesalter – Eduard hatte im D-Zug München-Hamburg …“. Das ist natürlich bis zur Namensgleichheit hin eine Parodie auf diesen berühmten Beginn der ‘Wahlverwandtschaften’:

“Eduard – so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter – Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Stämme zu bringen”.

Wo aber bei Goethe alles im Ungefähren verbleibt – wir erfahren zum Beispiel nicht, welche Stunde an einem beliebigen Aprilnachmittag denn wohl die schönste sei, wo die Handlung überhaupt spielt etc. – da geht es bei Heißenbüttel viel präziser zu. Und es ist wiederum diese Faktizität, die den Text erzählerisch in meinen Augen schon von der Startlinie weg lahmen lässt:

“Eduard – so nennen wir einen Rundfunkredakteur im besten Mannesalter – Eduard hatte im D-Zug München Hamburg (Ankunft Hauptbahnhof 21.19) die schönsten Stunden eines Julinachmittags (25. 7. 1968) zugebracht und betrachtete mit Vergnügen die Gegend zwischen Lüneburg und Harburg”.

Ankunftszeiten, der Ort, das exakte Datum – Heißenbüttel flutet seinen Text geradezu mit journalistischen Tatsachen. Wir erfahren sogar von einem allwissenden Verfasser, dass sein Held ‘mit Vergnügen’ aus dem Fenster schaut. Zugleich zerbröselt unter dem informationellen Störfeuer all dieser Fakten unsere Teilnahme am Text. Weshalb ist das so?

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Literatur und Journalismus

Montag, 27. Juli 2009

Das folgende Gebritzel macht keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Es sind nur einige Definitionen, die ich mir für den Privatgebrauch gebastelt habe, um selbst klarer zu sehen. Wer’s ebenso sieht, der darf das allerdings gern tun:

Ein Schriftsteller erzählt. Der Journalist nennt sein Erzählen hingegen ‘Berichterstattung’. Was zeigt, dass er sich willentlich in eine Bürokratie geflüchtet hat – vor allem wohl um des Pensionsanspruches willen.

Alle journalistischen Stilformen sind bloße Gebrauchs-literatur – unter dem Diktat ihrer unmittelbaren Verkäuflichkeit: Ob nun Artikel, Reportage, Feature, Feuilleton usw.

Journalismus ist damit – ganz altmodisch und marxistisch formuliert – ‘Literatur als Ware’.

Zwischenruf: “Journalisten nennen die Einförmigkeit und Plattheit ihrer Eindrücke Erfahrung und sie sind stolz darauf, dass sie nicht mehr vor der Welt stehen, wie vor einem Rätsel, sondern wie vor einem Schundroman in Fortsetzungen” (Horkheimer).

Kommunikation ist immer eine Schwundstufe des Erzählens. Der Kommunikation unserer Kommunikationsexperten wurde – erzählerisch gesehen – alle Sinnlichkeit und Bildlichkeit systematisch ausgetrieben, unter anderem durch Abstraktion (wie zum Beispiel in diesem Satz).

Journalismus besteht aus automatisierten Schreibvorgängen. Der Lego-Stein jeder medialen Realitätskonstruktion ist hierbei die Phrase, also das, was man sich gar nicht mehr vorstellen mag: “Deutschland kämpft mit der Rezession.

Die Phrase ist die abgedankte Vorstellungskraft zugunsten des Wohl- und Klingklangs. Gewissermaßen ein ‘Sprachkrebs’, der bspw. Politikern hilft, eine Realität zu beschreiben, die sie gar nicht in der Lage sind, zu erfassen.

Im Journalismus darf keine Formulierung ganz und gar ‘unerhört’ sein. Die resultierende Monotonie der Stanzenproduktion wird gern ‘Nähe zum Publikum’ genannt.

Im Interview trifft die Fachblindheit des Experten auf das naive Vorwissen eines Fragers. Ist der Anverwandlungsprozess gelungen, wurde aus dem ‘Wissen’ ‘Information’. Letztere wiederum ist die publizistische Ware überhaupt, die dank eines weltweiten Überangebots inzwischen so wohlfeil ist wie Sand in der Sahara.

Für Journalisten sind literarische Mittel so etwas wie das Zeitungspapier, mit dem die gewieften Informationsbroker ihren Fisch umwickeln. Der Fisch bleibt Fisch. Und das Ornament bleibt immer nur ein totes Ornament.

Zwischenruf:Keinen Gedanken haben, aber ihn ausdrücken können, das macht den Journalisten” (Karl Kraus).

Die Wahrheit gibt es weiterhin nur in der Literatur.

Dramatischer und epischer Stil

Sonntag, 21. Juni 2009

Wodurch sich diese beiden typischen prosaischen Stilformen unterscheiden – diese Frage lässt alle Sprachseminare für einen Moment stumm werden. Der Gebrauch des Dialogs und derjenige der wörtlichen Rede, das seien doch eher typisch dramatische Stilmittel, heißt es dann tastend, während der Epiker über die Stoffmassen gebiete, notfalls ganze Gespräche ergebnishaft in einem Satz zusammenraffe, damit er sich dann wieder detaillistisch in einer endlosen Landschaftsschilderung verlieren dürfe. Daran ist vieles richtig – nur gibt es die wörtliche Rede auch in den epischen Gefilden:

“Die unendliche Steppe. Der dünne schräge Fadenregen zog hinter ihnen her, überrieselte sie, legte einen grauen Schleier vor sie. Paars Pferd drängte sich an seins, Paar drängte sich verlangend, Hände hinlangend an ihn, rief etwas dem Mann zu, der den Kopf auf die Brust vor dem Wasser senkte. Die Sätze verschluckt, die Stimme schrie, beschwor den andern, suchte ihn vom Pferd zu bewegen. Um des Heilands willen nicht zurück, er möchte vertrauen, oh vertrauen. Von drüben die Worte: “Wo ist die Jagd? Führt mich zurück. Ihr seid verloren sonst.” Immer weiter in die rieselnde Dämmerung. Die lautlosen Pferde. Hinter dem Kaiser zu seiner Seite, jagte Paar. In dem Kaiser stieg die Angst, saß an seinem Rücken, auf seinen Schultern: “Der Satan ist da”. Gehölz zur Rechten, schwellendes federndes Moos” (Alfred Döblin: Wallenstein, 23)

In dieser Szene, wo der deutsche Kaiser Ferdinand am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges den Tross der Jagdgesellschaft verliert und an der Seite eines dubiosen Edelmanns durch den Regen reiten muss, da geht es dem Autor des Textes um die Angst als ewige Begleiterin aller Mächtigen jener Zeit. Der Tischnachbar war stets ein potenzieller Attentäter, jeder Mensch war des Menschen Wolf. Aus der Konstellation allgegenwärtigen Misstrauens wächst in der Folge die besondere Brutalität dieses Krieges. Das ist der ‘Sinn’ solcher Passagen in diesem Roman, der – das nur nebenbei – höchst lesenswert ist.

Döblin als allwissender Autor schaut seinem Kaiser also direkt in den Kopf, er sieht die kirchlich geprägten Vorstellungen vom Satan, die den Kaiser schauern lassen. Dieser Satz – “Der Satan ist da” – der ist trotz aller Anführungsstriche nur scheinbar wörtliche Rede, es ist viel mehr ein Gedankenfetzen des Potentaten, womit Döblin die Gedankenwelt und den Aberglauben dieser Zeit auf den Punkt bringt. Die gesellschaftlichen Führungsschichten stecken mental noch in einer tiefen katholischen Nacht, die keine Aufklärung je erhellte. Der “graue Schleier” des Regens wird zum unterstützenden Symbol, das die überall herrschende Blindheit und Kurzsichtigkeit unterstreicht; auch die Landschaft und ihr Wetter haben eine Funktion. Kurzum: Wir sehen hier geradezu das Schulbeispiel einer “epischen Passage”.

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Der ‘Godlike Modus’

Freitag, 31. Oktober 2008

Die beim Publikum beliebteste Schreibhaltung des Autors ist zugleich die unwahrscheinlichste: Der Schriftsteller fingiert, wie ein kleiner Dämon direkt im Denkapparat seiner Figuren zu stecken, um uns als literarischer Reporter – sozusagen ‘live aus dem Seelenleben’ – von den geheimsten Gedanken und Sehnsüchten seiner Helden zu künden.  Die auflagenstärkste Literatur überhaupt, die sogenannten Heftchenromane, die verfahren meist genau so:

“Graf Kunibert wusste sofort, als er dort in den Reihen des buntgekleideten Volkes diese bezaubernde Gestalt sah; ein Feenwesen, das sittsam den schlichten Feldblumenstrauß vor die jugendfrische Büste drückte; er wusste da, dass diese Klothilde die seine werden müsse. Soll doch die Mutter wüten, dachte er, ich bin der künftige Herr auf Schloss Ehrenstein und handle so, wie es mir das Herz gebeut. Sie soll die neue Herrin werden!”

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