Die gedachte Realität
Freitag, 17. Dezember 2010Martin Lindner (FDP), der Mann mit dem Burschenschaftsschmiss in den ewig verächtlich herabgezogenen Mundwinkeln, lamentierte gestern bei Maybrit Illner über die zahlreichen neuen Bürgerproteste, die das Land von Stuttgart bis Gorleben immer flächendeckender erfassen. Sinngemäß sagte er, dass es sich bei diesen demonstrierenden Figuren vor allem um Wohlstandsbürger reiferen Alters handele, die sich für 500.000 Euro ein Anwesen in Stuttgarter Bahnhofsnähe als Altersruhesitz gekauft hätten und die es aus purem Egoismus nicht hinnehmen wollten, dass zehn Jahre lang Baulärm ihren Pensionsschlaf und dazu auch noch den Grundstückswert erschüttere. Und wegen diesen Leuten kämen alle Vernunft und aller Fortschritt zum Stillstand.
Ist das, was dieser Herrenreiter des Monetarismus daherparlierte, also falsch? Nun, nach Ansicht der vernünfigen Mehrheit im Lande sicherlich. Lindner wurde wegen seiner steilen Thesen zum Demonstrationsgeschehen ja auch von der Runde gebührend ausgelacht.
Richtig aber ist diese Ansicht natürlich aus der Sicht eines solchen Ultraliberalen. Denn ein echter FDP-Haudegen kann es sich ja nicht vorstellen, dass gesittete Bürger aus anderen als aus ökonomischen Gründen zum Protest zu bewegen wären. Prompt überlegt er, was um Himmels Willen wohl ihn höchstpersönlich auf die Straße treiben könnte – und schon ‘konstruiert’ er sich eine Situation herbei, die auch ihn zum Revoluzzer machen würde. Einen beherzten Griff zum Demo-Plakat könnte in Lindners Weltsicht allein der allzeit dräuende Sozialismus rechtfertigen, also ein Werteverfall des Eigentums. Schon hat er die wahren Ursachen des Bürgerprotestes erkannt – denkt er …
So eben arbeiten die ‘Frames’, die festverdrahteten Überzeugungen unseres Gehirns. Die Realität wird von uns immer passend gedacht – und wer uns seine Wirklichkeit beschreibt, erzählt immer auch von sich.