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Stehen oder Gehen?

Freitag, 28. Oktober 2011

Merkel erwartet noch viele Schritte im Kampf gegen die Euro-Krise.”

Beste Frau Merkel, Schritte muss man (oder frau) auch machen. Wer, wie an einer Haltestelle, lässig und fahrplanfixiert den Bus nach Irgendwo im krisengeschüttelten Eurostan “erwartet”, der erwartet schlicht ein Niemals – ganz wie die Jungs im Theater den Godot. Allerdings kann Ihr sprachlich prognostiziertes Fehlverhalten natürlich wieder mal am bildfernen Focus-Stil und dessen burdadaistisch dahingehuschten Headlines liegen. Dem Verfasser, diesem “hei/dapd/dpa/AFP” aus dem Stamme der Patschwörker prophezeie ich jedenfalls eine große Karriere – da klingt schon alles haargenau wie die Zukunft des Journalismus …

Lustiges Headline-Klempnern

Donnerstag, 22. September 2011

Sieg der Piraten ist in Wahrheit ein Sieg der FDP.”

Warum Ihre Miezekatze in Wahrheit ein Mäuschen ist.

Das Essen, das eher ein Trinken war.

Ihre Frau liebt Sie nicht, sie ist nur schwul.

Auch die Hölle ist ein Zeichen der himmlischen Liebe.

In Wirklichkeit ist der Fisch der Vogel des Meeres.

Islamhasser lesen den Koran nur verkehrt herum.

Das Blau des Sommerhimmels ist eigentlich ein Grün.

Wenn es Gott nicht gäbe, weshalb stünde er dann in der Bibel?

Eigentlich gewann Hitler den Zweiten Weltkrieg.

In Wahrheit bringt uns die Sprache der Wahrheit kein Stück näher.

Headline-Klempner unter sich

Montag, 25. Juli 2011

Norwegen versinkt in haltloser Trauer”

“Die Tränen trocknen nicht”

“Ein Land weint”

“So bewegt von der Tragödie”

“Ein verwundetes Land”

Usw., usf. Mit einem Wort: mediales Sprachversagen auf Grüne-Blätter-Niveau … Kitsch as Kitsch can.

Welches Schweinderl darf’s sein?

Samstag, 25. Juni 2011

Verkehrsminister löst wilde Spekulationen aus” – mit dieser Headline macht die ‘Süddeutsche’ derzeit ihr Online-Portal auf. Vorangegangen war ein Bericht in der ‘Berliner-Frankfurter-Zeitung-Rundschau’, wonach der Verkehrsminister Hermann gesagt haben soll, dass die Bahn den Stresstest für Stuttgart 21 “wohl irgendwie bestehen” würde. Der Minister dementierte prompt:

Sein Sprecher sagte sueddeutsche.de, ein entsprechendes Interview der beiden Zeitungen mit dem Minister habe “nicht stattgefunden”, die zitierten Aussagen seien “nie gefallen”. Berichte über einen möglichen Ausgang des Stresstests seien momentan “reine Spekulation”.

Qualitätsjournalistisch liegt der Fall für mich jetzt so: Eine der beiden Seiten schwindelt, welche dies aber ist, das ist für jedermann derzeit noch völlig unentscheidbar; das Ergebnis des Lügendetektors bleibt abzuwarten. Korrekterweise hätte die Headline folglich lauten müssen:

“Verkehrsminister oder Medien lösen wilde Spekulationen aus.”

Von mir aus auch, weil’s stilistisch einfach besser klingt: “Spekulationen um Stresstest”. Einem Journalisten aber kommt es nur selten in den Sinn, dass der Ball auch mal im eigenen Strafraum liegen könnte. Die Folge sind dann solche Eigentore.

Zappelphilipps

Montag, 20. Juni 2011

Eindeutig schwang in den Headline-Schmieden deutscher Leitmedien heute die Kreativität das Zepter, bis ich bei all dem Gezappel den Bedarf für Meinungsvielfalt nicht mehr sah:

“Euro-Minister lassen Griechenland zappeln.”

“Euro-Finanzminister lassen Griechenland zappeln.”

“Euro-Staaten lassen Griechen zappeln.”

“Brüssel lässt Griechen zappeln.”

“Die Finanzminister der Euro-Zone lassen Griechenland zappeln.”

Im Kern geht es doch wohl darum, dass sich hier Marionetten unverdrossen für diejenigen halten, welche noch die Fäden ziehen …

Nachtrag: Immerhin – der ‘Spiegel’ hat etwas bemerkt, und die Dutzendware aus der Headline ins Lead gestellt …

Die Fragewörteritis

Donnerstag, 30. September 2010

Draußen vor der Tür müssen die Verirrten im Publikum sich wohl meterhoch stapeln, anders ist eine Unsitte in Deutschlands Wirtschaftsredaktionen nicht zu erklären. Dort versuchen sich die Schreiber in Permanenz an einer Art von Ratgeberliteratur. Solange, bis der werte Kunde den Wald vor lauter Bäumen und die einfachen Wahrheiten vor lauter ökonomischer Steißpaukerei nicht mehr erblickt. Grammatisch äußert sich dieses Phänomen u.a. im maßlosen Gebrauch von Fragewörtern in nahezu jeder Headline. Hier einige Beispiele aus einem einzigen Online-Auftritt der Wirtschaftswoche vom 30. September 2010:

Worauf Profis jetzt setzen
Wie gefährdet sind die Dax-Konzerne?
Wie Deutschland eigentlich funktioniert
Was der Bund Hausbesitzern aufbürdet
Wo Deutschlands schlechteste Autofahrer wohnen
Was die Stütze nicht leisten kann
Welche Frauen die deutsche Autoindustrie kontrollieren
… usw. usf.

Der ganze Unsinn erweist sich, wenn man die angedeutete Frageform mal in einen klaren Aussagesatz überführt: ‘Einige Frauen kontrollieren die deutsche Autoindustrie’. Ja – ich huste dir gleich was!

Als ABC-Schützen sehen diese Wirtschaftsredakteure ihre Leser wohl an. Denen sie als geborene Erklärbären unter dem monotonen Klippklapp einer vorhersagbaren Titelei dann die Fibel-Ware ihrer Artikel in die Hand drücken müssen, um ihnen erfolgreich den Weg durchs Leben und durchs Geschäft zu weisen. Obwohl doch die meisten der Leser geschäftlich erfolgreicher sein dürften, als ausgerechnet diese Schreiber. Was mir wiederum nicht nur erneut zeigt, dass der Schuster immer die schlechtesten Schuhe trägt, sondern auch, welches überhöhte Selbstbild dieser Journalismus ‘ex cathedra’ und insgeheim noch immer pflegt …

Metaphern-König der Woche:

Samstag, 28. November 2009

Die Finanzkrise schlägt mit platzender Immobilienblase in Dubai zu.” Solch unübertroffene Sprachgewalt und überbordende Bildlichkeit setzt dem Fass doch einfach die Krone auf …

Gut gemeint …

Samstag, 28. März 2009

Es gibt Anliegen, die ich ohne weiteres unterstützen könnte. Inhaltlich, meine ich. Die aber trotzdem sprachlich jedes aktivierende Niveau derart seditativ unterschreiten, dass mir an meiner eigenen Ermüdung ihr Schicksal vorab klar wird. Zu dieser Kategorie zähle ich auch jenen Aufruf, den knapp vierzig Akademiker, vor allem aus Berlin, gestern in der taz veröffentlichten. Darunter viele der üblichen Verdächtigen: Konstantin Wecker, Hannes Wader, Prof. Grottian, Johano Strasser usw. Der Aufruf ist – bezeichnend für seinen steinzeitlichen Charakter – noch nicht einmal im Netz zu finden. Einen Artikel aus Holzhausen fand ich, der sich mit diesem Gallimatthias befasst – und bei Indymedia steht auch noch was. Das nenne ich mediale Breitenwirkung!

Gut gemeint ist nicht gut gemacht“, pflegte mein weiser Opa zu sagen. Schon in der Headline geht es schnurstracks ans Eingemachte: Weil jeder Beteiligte ‘sich im Aufruf wiederfinden muss’, bekanntlich Sinn und Zweck aller Aktionsbündnisse, gilt es zunächst einmal, das assortierte Gute vielzeilig zu umschlingen. Nur dass leider jede Headline auf den Marathon-Strecken ihre Griffigkeit und Schlagkraft komplett verliert. Statt schlicht zu sagen “Gerechtigkeit ist machbar!” oder etwas anderes maximal Dreiwörtiges, was sich ein Mensch auch merken könnte, da heißt es im schönsten Bots-Stil:

“Aufstehen zu einem langen Frühjahr der Politisierung und Mobilisierung – für soziale Mindeststandards: Menschen-würdige Grundsicherung, gesetzliche Mindestlöhne, solidarische Arbeitsumverteilung – mit Demonstrationen, Streiks und zivilem Ungehorsam!”.

Viele Worte, wenig drin ...

Viele Worte, wenig drin ...

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Galoppierender Sensationismus

Donnerstag, 12. März 2009

Die letzten Sekunden des Amok-Killers

Amok-Tim wollte noch mehr töten

Nur eine Frage: Warum?

Finaler Gruß an die Amok-Freunde

Schießen war sein Hobby

Die letzten Sekunden des Amokläufers

Die letzten Minuten des Killers von Winnenden”

usw.

Welch ein Gelechze und Gesabber – wie die Koberer auf Sankt Pauli: Für vieles findet die Presse einfach keine Worte mehr, sie verliert jedes Maß und versagt sprachlich vor dem Geschehen der Welt. Das große Defizit nimmt fast täglich zu – und zwischen BILD und Stern macht die Überschrift schon längst keinen Unterschied mehr …

Hello, Dolly!

Donnerstag, 05. Februar 2009

Manchmal wähne ich mich von Klonschafen umzingelt: Da präsentiert also Google uns am Montag unter der irre kreativen Headline “Google taucht ab” das neue Google Earth 5.0, ein Gadget, das den Betrachter sogar auf den Grund der Weltmeere entführen kann. Rasend interessant – allenfalls jedenfalls!

Und mit welchem Einfallsreichtum präsentieren uns die Mitglieder der schreibenden Zunft diese Sensation und Attraktion im großen Zirkusrund des Web 2.0?

Google Earth 5.0 taucht ab
Google taucht ab
Google Earth 5.0 taucht ab
Google taucht in die Weltmeere ab
Google geht tauchen
Google taucht ab
Google taucht ab
Google Earth 5.0 taucht ab
Google “taucht ab”

Usw. usf. etc. pp. ppp.

Hej, ist das nicht neu? Ist das nicht ungeheuer kreativ? Ist das kein gutes Beispiel für den deutschen Qualitätsjournalismus? Sind das etwa keine bärenstarken Headlines aufstrebender Publizisten, die sich mit all ihrer Wortgewalt zum Sturm auf den Henri-Nannen-Preis rüsten?

(Aber rumquaken, wenn die Leser stiften gehen …)