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Prämissen erfinden

Dienstag, 30. August 2011

Worauf vertraut der Jan Fleischhauer bloß? Darauf, dass es seine Leser auch nicht besser wissen, als er es zu wissen vorgibt? In dieser Woche widmet er sich dem Thema des überschätzten Charisma bei Angela Merkel, der es bekanntlich ein wenig an rhetorischen Gaben mangelt. Um sich zwecks ihrer Verteidigung zu folgendem, geradezu ahistorischem Statement zu versteigen:

“Leider gehen oratorische Begabung und gutes Handwerk selten Hand in Hand. Willy Brandt konnte mitreißende Ansprachen halten, wofür ihn die intellektuelle Klasse nachhaltig verehrte. Seine innenpolitische Leistung allerdings war eher dürftig, weshalb der Sozialdemokrat das Regierungshandwerk bald lieber seinem vergleichsweise kurz angebundenen, aber dafür entscheidungsfreudigen Finanzminister Helmut Schmidt überließ. Auch Kurt Georg Kiesinger, der als begabtester Redner seiner Generation galt, war ein eher unrühmliches Ende beschieden, wie man sich erinnert.”

Was für ein Bullshit! Die Sozialdemokratie hatte zu jener Zeit das Glück, gleich drei überragende Rhetoriker zu haben: einen Herbert Wehner, der aus einem Malstrom ineinanderverflochtener Nebensätze heraus seine Suada plötzlich in einer Reihe tödlicher Invektiven gipfeln ließ; einen Willi Brandt, der das Humanistische und Allgemein-Menschliche ohne Kitsch und Pathos beschwören konnte; und eben jenen Helmut Schmidt, der als “Schmidt-Schnauze” und gefürchteter Debattenredner dank seines Sarkasmus und seiner tödlichen Ironie mit jedem beliebigen Gegner den Boden des Plenarsaals feudeln konnte. Mitnichten ist es also so, dass auf einen rhetorisch begnadeten Polit-Schwächling – wie es Willi Brandt gewesen sein soll – dann ein rednerisch eher unbegabter Pragmatiker und Polit-Profi wie Helmut Schmidt gefolgt wäre. Auch mit der Mär von der Redekunst eines Kurt-Georg Kiesinger ist es nicht weit her – das alles sind nur Fleischhauers Erzählungen, fern jeder Realität. Denn Partizipialwürstchen und substantivierte Verben kennzeichneten den Kiesinger’schen Schlafwagenstil:

“Aus den dadurch notwendig gewordenen Koalitionsverhandlungen ist die neue Regierung der Großen Koalition hervorgegangen. Die Verhandlungen der Parteien haben zu der wohl bisher gründlichsten Bestandsaufnahme der Möglichkeiten und Notwendigkeiten deutscher Politik vor einer Regierungsbildung geführt.”

Das also ist der Kiesinger’sche O-Ton. Was also bleibt uns von den Fleischhauer’schen Behauptungen der Woche? Steile Thesen ohne Fundament. Weder steht Angela Merkel rhetorisch in einer Reihe mit Helmut Schmidt, noch steht Kurt-Georg Kiesinger auf Augenhöhe mit Willi Brandt. Was Fleischhauer praktiziert, ist schlicht ein Journalismus, der sich wie sein Ahnherr ständig am eigenen Schopf aus dem selbstgequirlten Sumpf zu ziehen trachtet …