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Von Zeit zu Zeit

Dienstag, 19. Juli 2011

Die Zeit ist die größte Entfernung zwischen zwei Orten”, sagt Tennessee Williams. Ein wenig erinnert mich diese Aussage an Heraklits Diktum, wonach kein Mensch zweimal in denselben Fluss steigen kann. Kehren wir an den Ort einer Kindheitserinnerung zurück, dann ist der Ort zwar noch da, doch die Kindheit ist verschwunden. Dazwischen liegt die Zeit.

Natürlich hat Frank Schirrmacher recht, wenn er das Internet als irreversibel bezeichnet, als ein Faktum, gegen das zu kämpfen einer Don-Quichotterie gleichkäme. An der Uhr hat aber trotzdem niemand gedreht, obwohl alle retardierten und überholten Strukturen durch das Netz zunehmend größere Probleme bekommen werden. Gegen das Netz kann man sich längst nicht mehr wehren, man kann es nur mehr oder minder sinnvoll in sein Leben integrieren. Das Netz ist der Hase im Märchen, es ist immer schon da, auch auf dem Zeitstrahl kann es niemand ausbremsen oder überholen.

Die neue, netzgenerierte Zeitebene bildet folgerichtig den Kern des Schirrmacher’schen Philosophierens – es ginge doch gar nicht um Print vs. Online, auch nicht um private vs. öffentlich-rechtliche Medien, es sei die Zeit selbst, die sich verändert habe, die durch das Internet revolutioniert würde, und zwar keineswegs nur durch die immer schnelleren Quantensprünge bei der technologischen Entwicklung:

“Jeder Mensch wird künftig in seinem persönlichen Leben mindestens so viele verschiedene Zeitzonen haben, wie es sie heute auf dem Erdball gibt. Irgendwo in seinem Leben wird es sechs Stunden früher sein – nämlich dort, wo er die Facebook News der letzten Stunden liest; irgendwo sechs Stunden später, dort, wo er sich mit Googles „predictive search“ die Gegenwart berechnen lässt (wie wird das Konzert, wann muss ich losfahren, was will ich suchen?), die zum Zeitpunkt der Suche noch Zukunft ist. … Die Überforderung durch digitale Technologien ist im Wesentlichen der Konflikt zwischen verschiedenen, in Konflikt stehenden Zeitebenen.”

Da ist etwas dran – zugleich ist so auch nichts daran. Einerseits fühle ich mich – wie ich im Vorläufertext ausführte – vom Internet keineswegs überfordert, auch nicht durch den Temporärspagat, der mich an verschiedene Zeitzonen anpasst. Jeder Frankfurter Bankmanager musste dies früher auch schon tun, dann, wenn er den Kollegen in New York anrufen wollte, und zwar lange vor Beginn jeder Digitalisierung. Natürlich kann ich heute Fernsehsendungen zeitversetzt sehen, was aber dann doch eher einer ‘Entformatierung der Zeit’ gleichkäme. Die Zeitpunkte gewünschter Information sind liquide geworden, es gibt keine Ankerpunkte im Tagesablauf mehr, so wie dies einstmals der Tagesschau-Termin um 20:15 Uhr war. Man könnte aber auch von einer Befreiung von Zeitzwängen sprechen, statt zur Alarmtrompete zu greifen.

Etwas anderes ist sehr viel wesentlicher: Derzeit dynamisiert, multipliziert und beschleunigt sich das Informationsgeschehen ins Ungeheure, in den alten wie in den neuen Medien. Die müde Sau, die einst durchs mediale Dorf getrieben wurde, ist zu einer Schweineherde auf Speed geworden – und trotzdem (oder deshalb) geht nichts mehr wirklich voran. Paul Virilio hat einmal vom “rasenden Stillstand” gesprochen. Die Welt gleicht einem verrückt gewordenen Flipper-Tisch: Bunte Ereignisse und Events wohin man blickt – bis uns nichts mehr wirklich wichtig ist, weil wir zu recht oder unrecht in dem unaufhörlichen Geflacker keinen Sinn mehr erblicken. Medien verschlingen unsere Zeit, sie gelten als blankes Amüsemäng, sie wirken als Mittel gegen die Langeweile, sie sind aber keine Konsensmaschinen mehr. Sie formieren uns nicht, auch tangiert uns nichts mehr – dank eines unaufhörlichen medialen Dopings, das in immer kürzeren Zeitabständen nach einem neuen Schuss verlangt – von Gott-weiß-was angetrieben.

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Das große Vergessen?

Montag, 18. Juli 2011

Unsere Erinnerung wird doch nur von jenem Teil unaufhörlich eintreffender Daten und Ereignisse geformt, die für uns zum Erlebnis und damit ‘subjektiv’ werden konnten. Das Resultat, jedenfalls dort, wo es zu Praxis und aktivem Handeln wird, nennen wir dann gern Erfahrung oder Wissen. Es sind überaus zwiespältige Gefühle, die mich bei der Lektüre von Frank Schirrmachers neuem Artikel bewegten, womit er die Thesen seines Payback-Buches fortsetzt. Gleich anfangs schreibt er, auf einen Science-Bericht Bezug nehmend:

“Das Papier, das in der Zeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde, bestätigt andere Forschungen, die belegen, dass die Menschheit damit begonnen hat, ihr Gedächtnis nach außen zu verlagern, und dafür den Preis der Vergesslichkeit zahlt.”

Gleich mit mehreren Kategorien habe ich dort logische Schwierigkeiten: Wann hätte der Mensch oder gar ‘die Menschheit’ ihr Gedächtnis je im Inneren getragen? Spätestens seit der Aufklärung haben die Menschen ihr Gedächtnis nach außen verlagert, oder, um mit Einstein zu reden: “Wissen heißt wissen, wo es geschrieben steht.” Die Wissensforschung, nicht erst seit Peter Burke und seiner ‘History of Knowledge’, hat beschrieben, wie grundlegend das menschliche Gedächtnis durch die Institutionalisierung der Bibliotheken und der akademischen Forschungsstellen von der Steißpaukerei eines wortwörtlich memorierten und kanonisierten Wissens entlastet wurde.

Seit jener Zeit wissen wir alle nur noch ‘wie von ungefähr’, und wenn wir’s mal genauer wissen wollen, schreiten wir zum Regal, um oberschlau das ungefähr Erinnerte im Wortlaut zitieren zu können, dort, wo wir uns damals den Bleistiftstrich an den Rand gemalt haben. Kaum jemand von uns könnte aus dem Stand einen luziden Vortrag über die Relativitätstheorie oder Marshall McLuhans Kommunikationstheorie halten – und bis auf weiteres glaube ich auch nicht, dass Frank Schirrmachers Artikel ohne Zuhilfenahme ‘externalisierter Information’ verfasst worden ist.

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Jeremias Jörges

Freitag, 14. Mai 2010

Seit einiger Zeit läuft in der ‘Süddeutschen Zeitung’ eine Serie zur Zukunft des Journalismus. Zuletzt stellte in diesem Rahmen der starke Mann des ‘Stern’, Hans-Ulrich Jörges, seine Sicht der Dinge klar. Nur leider nicht mir. Vieles finde ich sogar überaus fragwürdig. Mit dem üblichen großen Glaubensbekenntnis der medialen Orthodoxie beginnt erwartungsgemäß dieser Text:

“Journalismus bleibt unersetzlich – gerade in Zeiten der Leserreporter.”

Ein durch nichts begründetes Apriori steht also am Anfang des Textes – denn an die ‘Unersetzlichkeit’ des Journalismus glauben selbst die Verleger, betrachten wir bloß ihr faktisches Handeln, nur noch an hohen Festtagen. Auf den Redaktionsetagen regiert längst ein anderer Geist, der alles durch ‘billig und viel’ ersetzbar glaubt. Jörges’ Mantra ist schlicht ein Glaubensbekenntnis, vielleicht auch eine These, wobei zu hoffen ist, dass er uns im folgenden Text einige Argumente für seine Zuversicht liefern wird. Auch die “Zeiten des Leserreporters”, in die Jörges uns hier zurückversetzt, diese ‘Golden Days of Dreams and Roses’, die waren doch eher eine Schnapsidee der Vereinigten Verlegerschaft, als diese von immer noch billigerem Content träumte, wozu ein printmedial aufgeguseltes Bild-Zeitungs-Publikum mit seinen Handy-Kameras druckbare Resultate für ‘fast umsonst’ in die Redaktionsstuben liefern sollte. Von Leserreportern als publizistischer Idee ist heute nirgends mehr die Rede, der Praktikant – vormals ‘Volontär’ – hat ihre Aufgaben längst mit übernommen.

Die folgende (durchaus zutreffende) Lagebeschreibung verpackt Jörges unerfindlicherweise in rhetorische Fragen, dort, wo er die Gründe für die schwindende Macht des Journalismus aufzählt. Wovor sollte der Journalist also Angst haben:

“Vor der Werbewirtschaft, die Anzeigen abzieht und anders – auch anderswo – nach Aufmerksamkeit fischt? Vor Verlegern, die beim Grenzgang zwischen Modernisieren und Zerstören die Balance, Maß und Ziel verlieren? Vor Heuschrecken, die sich renditehungrig in Medien verflogen haben, dort alles kahl fressen – und dann verhungern? Vor dem Internet schließlich, das alles an Information zu bieten scheint, was der Mensch zum Denken braucht – und das kostenlos, rund um die Uhr und teils in Echtzeit, live? Ist Journalismus also ein verlorener, ein aussterbender Beruf – hoffnungslos überholt wie der Kohlenschaufler auf der Elektrolok?”

Fasste ein Feld-Wald-und Wiesen-Journalist die Gründe für seine Angst vor der Zukunft mal zusammen, so würde er all diese Fragen mit ‘Ja!’ beantworten. Wie eine gelenkige Katze beißt sich Jörges Text im Folgenden selbst in den Schwanz: Durch eine vorangestellte Captatio benevolentiae – ja, alles ist ja wirklich so schlimm wie beschrieben, “aber trotzdem” – tröstet er uns dann erneut mit dem großen Glaubenssatz vom Anfang des Textes:

Ja, natürlich ist unsere Gewerbe unter Druck. So stark wie noch nie zuvor. Zu Resignation oder Kapitulation aber gibt es keinen Anlass. Denn Journalismus ist und bleibt unersetzlich – auch wenn sich sein Kosmos in Organisation und Technik revolutionär verändert, auch verändern muss.

So gewunden und redundant möchte ich auch mal argumentieren – nur erheben meine Logik und meine Vernunft zumeist Einwände und hauen mir die Tippfinger blau. Jörges kommt in der Folge auf die vorgeblichen Aufgaben des Journalismus zu sprechen, eine Liste, wie aus dem Lehrbuch:

“Informationen zu erschließen, zu filtern, zu erklären, zu ordnen und zu interpretieren – das geht nicht ohne Redakteure, ohne Rechercheure, ohne Reporter, ohne News Anchor, ohne Kommentatoren.”

Ja, wenn’s doch so wäre! Ich erinnere nur an den Fall der überaus harmlosen Schweinegrippe, wo uns nahezu alle Medien unter Einschluss des ‘Stern’ und vor den darob erstaunten Augen der Bevölkerung eine mediale Riesensau durchs Dorf trieben, als stünde Gevatter Tod mit seiner Hippe schon vor der Tür. Mit Fug darf ich vermuten, dass hier – statt zu ‘erschließen’, zu ‘filtern’, zu ‘ordnen’ und zu ‘interpretieren’ – schlicht die PR-Texte interessierter Pharma-Unternehmen von atemlosen und informationsgehetzten Redakteuren als lautere Wahrheit verkündet wurden. Auf solche ‘Informationen’ können Bevölkerung wie Staat allerdings verzichten – uns ginge es besser! Zumindest wäre mehr Geld in der Kasse. Auf weitere Beispiele eines geradezu desinformierenden ‘Qualitätsjournalismus’ hat Albrecht Müller hier jüngst hingewiesen.

Jörges beschreibt also einen Zustand, der gar nicht existiert. Der real existierende Journalismus widerspricht seiner Zustandsbeschreibung nahezu Tag für Tag. Er steht in der Regel konträr zu verkündeten Idealen – einige wenige ehrenhafte Gegenbeispiele bestätigen dies nur. Kurzum: Es sind eben nicht nur die Verleger mit ihren Herzen aus Excel-Tabellen, es sind auch die Journalisten selbst, die sich in ihre Lage hineingeschrieben haben. Einen publizistischen Bedarf muss man wecken, nicht vergraulen, sonst fliehen die verbliebenen Leser in Scharen.

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Mythen des Qualitätsjournalismus

Montag, 18. Januar 2010

Objektive Berichterstattung – das ist das große Ideal aller Journalistenschulen nicht nur in Deutschland. Um diesem Ideal näherzukommen, müssen die Journalisten – wiederum idealerweise – die Regeln des altehrwürdigen Qualitätsjournalismus bimsen. Als da wären:

1. Information und Meinung müssen scharf getrennt sein – jede Meinung des Verfassers wird klar gekennzeichnet und möglichst in einen separaten Text (Leitartikel, Kolumne, Glosse) abgedrängt.

2. Informierende Textsorten sind hingegen wertungsneutral verfasst, sie berichten strikt nur von Fakten und Äußerungen anderer.

3. Es gibt eine neutrale Sprache für die Berichterstattung.

4. Ein Faktum gilt nur dann als bestätigt, wenn es von mindestens zwei Quellen bestätigt wird. Usw.

Mit nahezu allen Erkenntnissen der Hirnforschung (Kognitionswissenschaft) stehen diese bemoosten Ansichten im Widerspruch. Der Reihe nach:

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Knapp daneben ist auch vorbei

Mittwoch, 09. Dezember 2009

Natürlich finde ich es gut, wenn mal ein Blogger im ‘Spiegel’ auf die kulturkonservative Panik-Attacke des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher antworten darf. Nur hätte ich mir von Sascha Lobo mehr versprochen als Diskrepanzen in der Argumentation und unzutreffende historische Beispiele, garniert mit windschiefen Wortbildern.

Schirrmacher hatte bekanntlich die immerfort wachsende Informationsmüllhalde des Internet dafür verantwortlich gemacht, dass sich die Menschen verändern, und er hatte die Folgen dann – unter anderem – am eigenen Beispiel festgemacht. Er käme einfach ‘nicht mehr mit’, zwischen Mensch und Maschine sei ein ‘darwinistischer Wettlauf’ entstanden. Er würde von der allgegenwärtigen Informationsüberflutung ‘aufgefressen’.

Als Hintergrundfolie zu seiner Tirade dient die wohlgeordnete Welt des ‘Qualitätsjournalismus’, wo nichts älter wurde, als die jeweils aktuelle Ausgabe einer Zeitung: Informationen kamen und gingen – ach, Kinners, wie war dat schön! Heute aber würde alles aufbewahrt – was die Hirne (zumindest seines) komplett überfordere. Hierbei beruft sich Schirrmacher u.a. auf den Philosophen Daniel Dennett, der den Menschen als ein evolutionär höchst defizitäres Wesen fasst, dessen Funktionen allesamt bloß instrumentell und intentional ausgerichtet seien, was ihn bei überbordender Information entscheidungsunfähig mache. Gut, so etwas kann man mal schreiben, will man ein wenig Endzeitstimmung verbreiten oder Katastrophenszenarios in Höllenfarben ausmalen.

Sascha Lobo durfte jetzt im ‘Spiegel’ auf dieses apokalyptische Zukunftsbild antworten, wo er es als Ikarus der Blogosphäre unternimmt, auf gleicher geistesgeschichtlicher Flughöhe das düstere Mordor-Panorama Schirmachers aufzuhellen. Zunächst stellt er die Jeremiade des FAZ-Herausgebers in eine zeitlos lange Reihe der Klagen alter Männer über eine verdorbene, nachwachsende Jugend – und landet unversehens mit Plato, Sokrates und auch uns Lesern im alten Ägypten. Der attische Straßenphilosoph hätte als Kulturkonservativer und als Geistesverwandter Schirrmachers ebenfalls einen Medienwandel, nämlich den ‘modernen’ Buchstabenglauben und die ‘aufkommende’ Schriftkultur beklagt:

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Was ist eine Information?

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Das Wesen der journalistischen Nachricht glossierte Kurt Tucholsky im Jahr 1924, als er für die ‘Weltbühne’ ein Buch von Siegfried Bryk besprach (GA VI, 411 ff). Nehmen wir an, sagt Tucholsky, ein Bankier träume eines Nachts ganz intensiv von einer Goldmine. Mit der Geschichte von diesem Traum ginge er am nächsten Tag auf eine Redaktion – und er würde dort ein paar Scheinchen auf den Tisch des Hauses legen.

Dass er Geld gegeben hat, das sei dann ganz und gar keine journalistische Nachricht, sagt Tucholsky. Auch nicht, dass er das alles nur geträumt habe. Aber die Existenz der Goldmine, das sei eine waschechte journalistische Information … das wird gedruckt.

Informationshäppchen

Mittwoch, 09. September 2009

Nein, ich werde hier das hochbedeutsame ‘Internet-Manifest’ nicht nochmals verlinken. Der Text ist trotzdem ein Schulbeispiel dafür, wie man mit überholten Anschauungen eben keine Welt aus den Angeln heben kann. Auch nicht online. Am Beispiel des Informationsbegriffs will ich versuchen, das zu erklären. Bei den Berlinern heißt es:

“Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen.”

So eben ist es nicht: Informationen sind nichts, was außerhalb eines menschlichen Kopfes wie ‘Dingliches’ umherfliegt – also bspw. wie ‘Kokosnüsse’, ‘Regenschauer’ oder ‘Tastaturen’. Auf diese Weise existieren Informationen nicht. Auch in den großen ‘Informations- und Datenspeichern’ finden sich vor allem Buchstaben und Zahlen, die sinngebende Instanz kommt erst als Leser oder Programmierer hinzu. Dort außerhalb von uns gibt es nur Ereignisse, Geschehnisse, ‘Perturbationen‘, ‘Reize’, von mir aus auch ‘Fakten’ – aber eben keine Informationen: Ein Blitz schlägt in eine Platane ein, ein Tsunami rollt auf die Küste Javas zu, äthiopische Panzer rollen über die somalische Grenze, einer Frau in Detmold fällt die Blumenvase aus der Hand usw.

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Fakten vs. Erzählung

Samstag, 05. September 2009

Auch große Sprachmeister liegen gelegentlich neben der Spur mit ihrem Gespür. So steht bei Helmut Heißenbüttel eine Goethe-Parodie am Anfang seiner Erzählung von ‘D’Alemberts Ende’: “Eduard – so nennen wir einen Rundfunkredakteur im besten Mannesalter – Eduard hatte im D-Zug München-Hamburg …“. Das ist natürlich bis zur Namensgleichheit hin eine Parodie auf diesen berühmten Beginn der ‘Wahlverwandtschaften’:

“Eduard – so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter – Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Stämme zu bringen”.

Wo aber bei Goethe alles im Ungefähren verbleibt – wir erfahren zum Beispiel nicht, welche Stunde an einem beliebigen Aprilnachmittag denn wohl die schönste sei, wo die Handlung überhaupt spielt etc. – da geht es bei Heißenbüttel viel präziser zu. Und es ist wiederum diese Faktizität, die den Text erzählerisch in meinen Augen schon von der Startlinie weg lahmen lässt:

“Eduard – so nennen wir einen Rundfunkredakteur im besten Mannesalter – Eduard hatte im D-Zug München Hamburg (Ankunft Hauptbahnhof 21.19) die schönsten Stunden eines Julinachmittags (25. 7. 1968) zugebracht und betrachtete mit Vergnügen die Gegend zwischen Lüneburg und Harburg”.

Ankunftszeiten, der Ort, das exakte Datum – Heißenbüttel flutet seinen Text geradezu mit journalistischen Tatsachen. Wir erfahren sogar von einem allwissenden Verfasser, dass sein Held ‘mit Vergnügen’ aus dem Fenster schaut. Zugleich zerbröselt unter dem informationellen Störfeuer all dieser Fakten unsere Teilnahme am Text. Weshalb ist das so?

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Bullshit macht selten fit

Mittwoch, 04. Februar 2009

Wenn jemand aus Gründen der Angeberei so redet oder schreibt, wie es kein normaler Mensch jemals tun würde, dann haben wir es bekanntlich mit dem berüchtigten “Bullshit” zu tun, dem Sich-um-Kopf-und-Kragen-Reden. Da dieser Bullshit wiederum den Gesetzen der Mode unterliegt, deshalb können ganze Unternehmensbesatzungen, die zur Teilnahme an obskuren Jubel-Meetings verurteilt wurden, mit dem genormten Trend-Wortschatz ihrer Vorgesetzten “Bullshit-Bingo” spielen. Die Teilnehmer streichen einfach aus den “Buzz Words” des “Keynote Speakers” alle diejenigen Begriffe heraus, die von einem solchen Effekthascher auch zu erwarten waren, weil sie schlicht unverständlich, hohl oder für zwei Monate trendy sind. Wer zuerst auf seinem Zettel eine festgesetzte Anzahl dieser Begriffe ankreuzen durfte, darf laut “Bingo!” rufen, auch wenn der sabbelnde Trend-Junkie diesen Zwischenruf noch als Lob für sich betrachten wird.

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Information

Samstag, 01. November 2008

Der Mann hatte es im Leben weit gebracht: Er sah und hörte – ‘beschäftigt’ wie er war – nichts mehr selbst, er erfuhr nichts aus eigenem Erleben. Aber allmorgendlich, wenn der Chauffeur vor dem Vestibül ihm die Tür aufriss, da wurde er kurz darauf von seiner Sekretärin und anderen bürokratischen Zuträgern ‘über die anstehende Sachlage eingehend informiert‘. So konnte ihm nichts, was wichtig war, entgehen …