Artikel mit ‘Ironie’ getagged

Der Abgesang

Samstag, 02. Juli 2011

Weil der Zug des Zeitgeistes nun mal ohne ihn abgefahren ist, begibt sich der enttäuschte und betroffene Fahrgast in die nahegelegene Kapelle, um dort im schönsten Pastoralton auf seiner Heimorgel noch ein wenig hin und her zu präludieren:

“Jede Zeit hat ihr Recht, und es ist immer sinnvoll und nötig, mit den Optionen von gestern sorgsam umzugehen. Vielleicht gab es ja gute und noch immer gültige Gründe, auf das Atom zu setzen. Weil Menschen fehlbar sind, mag diese Option falsch gewesen sein – aber auch die Abkehr von ihr könnte nicht richtig sein. Es ist eine Tugend, Türen nicht zuzuschlagen.”

Tschaja – und auch jedem Kommentator schlägt irgendwann die Stunde der Einkehr, wo er wieder zu sich finden muss, um in der Stille über Maß und Wert zu kontemplieren: Habe denn auch ich immer recht geurteilt, schlug ich nicht verblendet vom Zeitgeist jene Türen zu, durch die ich jetzt gern wandeln würde? Gibt es nicht einen Moment des notwendigen Innehaltens, eine Phase des Nichtssagens, wo das Schweigen zu uns nachdrücklicher sprechen würde als die Fanfaren der Ideologie?

Ach nee, Kinners … wat is dat scheun!

Studiert Ökonomie!

Mittwoch, 04. Mai 2011

Das Studium der Ökonomie bietet jungen, aufstrebenden Menschen eindeutige Vorteile, nicht nur materieller Natur. Hier die zehn wichtigsten Gründe:

1. Kein vernünftiger Mensch wird einen Astrologen wegen seiner Horoskope verklagen. Also wird dich für deine Prognosen auch niemand zur Rechenschaft ziehen.

2. Verglichen mit dir können die Navy Seals einpacken: Die Hand, die deine Waffen führt, bleibt immer unsichtbar.

3. Du musst auch nicht erwachsen werden: Ein Leben lang darfst du mit dem Besitz anderer Leute spielen.

4. Die Tugend trage ihren Lohn in sich, sagt der Pöbel. Für Auserwählte wie dich gilt: Der Lohn trägt seine Tugend in sich.
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Nutzen der Füllwörter

Montag, 05. Juli 2010

Wolf Schneider ist einer der größten Eiferer gegen jeden Einsatz von Füllwörtern. Nicht ohne Grund: Kehrte doch mit ihrem Einsatz Verpöntes in den ‘objektiven Qualitätsjournalismus’ zurück: die Wertung, der Sarkasmus, die Ironie, manchmal gar der Humor. Betrachten wir zunächst den unnötigen Einsatz von Fürwörtern.

Auf geplante Steuerersenkungen musste Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten” – das wäre ein ganz normaler Schnarchsatz aus jeder provinziellen Redaktionsschmiede in Deutschland. Ein kleines ‘hinweisendes Fürwort’ aber, eine Deixis, und schon zeigt der Finger auf den notorisch Erfolglosen: “Auf geplante Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten“. Eine sarkastische Note ist dadurch in den Text hineingeraten, nur deshalb, weil der Schreiber plötzlich fürwortgestützt mit dem Finger auf den Übeltäter zeigt, ihn sozusagen persönlich in die Verantwortung nimmt. Mit einem weiteren ‘besitzanzeigenden Fürwort’ ließe sich ihm die Niederlage noch fester ans Bein binden: “Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten“.

Noch schlimmer wäre der Einsatz eines weiteren färbenden Füllworts namens ‘auch’, dass den Vorgang in eine Reihe von vergleichbaren Niederlagen einbände: “Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig auch verzichten” … die Nachricht über ein Faktum verwandelt sich prompt in den Abschluss einer mitgedachten polemischen Aufzählung. Richtig rund würde dies Verfahren durch ein zusätzliches ‘noch’: “Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig auch noch verzichten“. Jetzt ist der Gipfel erreicht, den Eisbecher krönt die Kirsche, dieses letzte Ereignis in einer ganzen Kette setzt dem Nichtskönner die Eselsmütze aufs Haupt.

Zwar wurde der Satz durch jedes dieser ‘Füllwörter’ länger, aber er wurde dadurch eben nicht schlechter, allen journalistischen Ratgebern und Stiltröstern zum Trotz. Nur die ganz hartgesottenen FDP-Parteigänger fänden ihn wohl mit jedem Füllwort empörender. Selbst ‘schwammigste’ Worthülsen gewinnen in diesem wert(ungs)steigernden Füllwort-Verfahren ihren Sinn, oft sogar geradezu polemische Durchschlagskraft. Nehmen wir folgendes Faktum: “Angela Merkel regiert die Bundesrepublik Deutschland mit einer schwarzgelben Koalition seit Oktober 2009“. Es genügt hier ein einziges Füllwort, das an die Girlande angehängt wird wie eine Narrenschelle, um die Ironie erblühen zu lassen: “Angela Merkel regiert die Bundesrepublik Deutschland mit einer schwarzgelben Koalition seit Oktober 2009 irgendwie” …

Ein Albtraum

Freitag, 23. April 2010

Ich träumte letzte Nacht, dass plötzlich ausnahmslos alle Menschen etwas Nützliches tun wollten: Die Berater schlossen ihre Consulting-Unternehmen; Öchsperten hängten Jobs und Titel an den Nagel; die Banker wollten keine Junk-Bonds mehr entwickeln; die Physiker jagten nicht länger dem Urknall hinterher; in den Kirchen standen alle Kanzeln verwaist; Ökonomen sattelten auf Hufschmied um; die Talkshows fanden weder für Geld, noch für Ruhm, noch für gute Worte prominenzwillige Gäste; niemand suchte mehr den Superstar, niemand wollte einer werden; die Boulevard-Presse lutschte mangels Schreibern an den Tatzen; die Wellness-Studios staubten menschenleer vor sich hin – und selbst in den Parteien, diesen Talentschmieden der Nation, brach das virulente Nachwuchsproblem jetzt in nie gekannter Schärfe aus. Die ganze Welt war öde, unmenschlich und überaus erholsam geworden. Am unerträglichsten aber war die Ruhe. Angesichts dieses Fortschritts wachte ich schweißgebadet auf. Im Fernsehen lief irgendeine Late-Night-Show. Gott sei Dank!

Diese Regierung taugt was!

Sonntag, 25. Oktober 2009

Das Gemoser über Schwarzgelb allerorten – ich kann es schon nicht mehr hören! Tut diese Regierung etwa nichts für ihr Volk? Hat sie nicht einen leibhaftigen Gute-Laune-Bär als Vizekanzler und Außenminister installiert, damit wir immer etwas zu lachen haben – auch wenn harte Zeiten kommen sollten? Ist nicht vieles, von dem, was die neue Regierung sagt und beschließt, am nächsten Tag schon blanker Dadaismus – und damit Teil des lustigsten Literatur-Genres, das in Deutschland je existierte? Was also soll die ewige Miesepeterei? Lachen ist die beste Medizin, wenn der Arzt zu teuer wird.

Schon kommen überall diese Moralisten aus ihren Löchern gekrochen, diejenigen, die es vor vier Wochen versäumten, SPD zu wählen – ‘Entsolidarisierung’ wispert es von ihrer Seite, geraunt wird von ‘sozialer Kälte’ und ‘Umverteilung’. – Ja, Herrgott nochmal, Moral zu haben, das ist billig, das ist die leichteste Übung von der Welt! Zur Moral führt eine breite, vorgewärmte und eingeseifte Konsens-Rutschbahn mitten hinein ins bürgerliche Leben. Auf Moral kann sich jeder Trottel einlassen, ohne deshalb in Gefahr zu geraten, aus der Bahn zu fliegen. Wie viel schwerer aber ist die Unmoral: Meterhohe Hecken aus stacheligen Skrupeln gilt es zu überspringen, den Alpdruck des besseren Ich abzuwerfen. Durch das Nadelöhr des Zynismus passt alles, aber in Ewigkeit kein Kamel. Dagegen ist der Weg in den Himmel mit Sprichwörtern und Gemeinplätzen stolperfrei gepflastert, und an jedem Kirchentor wartet eine bequeme Ruhebank fürs gute Gewissen. Kurzum: Mehr Menschlichkeit, das muss jetzt auch und vor allem für unseren Umgang mit schwarzgelben Amoralisten und den hart arbeitenden Leistungsträgern des Egoismus gelten!

Freibier, das allerdings wäre etwas, was die Koalition nachträglich in den Koalitionsvertrag hineinschreiben sollte. Erstens käme das – so hört man – den Interessen unseres neuen Wirtschaftsministers entgegen. Und zweitens sind Besoffene zwar schon von Barhockern gefallen, aber noch nie von einer Barrikade. Mit zwei Promille knüpft auch niemand mehr einen Henkersknoten.

Unsere hervorragende neue Regierung sollte bei allen ihren Maßnahmen daher immer die gute Laune des Volkes im Blick behalten. Dann klappt das auch mit den Schweinereien wie von selbst …

Suhrkamps Umzug

Montag, 09. Februar 2009

Der Umzug der größten deutschen Intellektuellenschmiede von Frankfurt nach Berlin, für den sind wahrhaft strategische Überlegungen verantwortlich, wenn wir der Frau Unseld-Berkéwicz und ihrem immensen historischen Wissen in diesem Punkt glauben dürfen:

“Berlin knüpfe als Hauptstadt wieder da an, wo es nach 1945 zum Aufhören gezwungen wurde, erklärte die Verlegerin zu ihrer Entscheidung dem Magazin “Kulturzeit” des TV-Senders 3sat.”

Damals war vor allem noch eine zutiefst toitsche Geistesgröße wie der Joseph Goebbels für Kulturfragen zuständig …

Tüddel oder Anführungszeichen

Dienstag, 06. Januar 2009

Satzzeichen haben die Funktion, dem Leser einen Text verständlicher zu machen. Indem sie die Sätze denkgerecht vorstrukturieren. Doppelte Anführungszeichen – so die Konvention – dienen hierbei dazu, die wörtliche Rede kenntlich zu machen – oder aber direkte Zitate aus herangezogenen Quellen. So weit, so gut.

Schwieriger ist der Umgang mit den einfachen Anführungsstrichen, die ‘eigentlich’ nur Binnenzitate kennzeichnen sollten, also Zitate in einem Zitat. Mit ihnen pflegt fast jeder Schreiber einen individuellen Umgang, der nicht in den Wörterbüchern steht, und er lässt dabei den Konrad Duden einen guten Mann sein. Wenn ich z. B. ‘aus dem Ungefähr’ zitiere, oder noch nicht ganz das richtige Wort gefunden habe, oder aber meine persönliche Distanz zu dem verwendeten Begriff signalisieren will, dann greife ich zu diesem Mittel: Wenn man unsere NPD-Bonzen auf den Marktplätzen so reden hört, dann sind sie natürlich alles ‘gute Demokraten’ … So in etwa – hier gebraucht als ironisch gebrochenes Zitat, um den Leser komplizenhaft in meine Gegnerschaft zu den mentaldefizitären Rattenfängern einzubinden.

Es gibt aber auch durchaus nützliche und eingeführte Begriffe, die ich nur ‘in Tüddelchen’ gebrauche: So setze ich sie, sobald ich den Begriff einer literarischen ‘Wahrheit’ gebrauche, um deutlich zu machen, dass diese Wahrheit mit der üblichen gerichtsfesten Wahrheit nur wenig gemein hat. Trotzdem gibt es natürlich eine literarische ‘Wahrheit’, die in meinem Denkregal keinesfalls unterhalb der alltäglichen Wahrheiten aus Mathematik oder ‘Wer wird Millionär?’ zu stehen kommt.

Tscha – und diese komplexen Regeln oder Gewohnheiten, die ich beim Schreiben angenommen habe, die lassen sich eben nur schlecht in die ‘Gesetze’ des Dudens fassen. Trotzdem sind auch solche einfachen Anführungsstriche nützlich – ähnlich wie die Klingel am Fahrrad …

Pfui!

Dienstag, 09. Dezember 2008

Wie könnt ihr bloß glauben, dass unsere Politiker, dass die Politjournalisten und die Talkshow-Experten alles ideologische Wendehälse wären? Sie haben sich nur eine andere, eine konsensfähigere Stelle im großen sozialen Sprachraum gesucht, weil es am bisherigen Platz von der Wirtschaftskrise her kalt hereinzog und man dort plötzlich ganz allein in unvorteilhaften alten Begriffen herumsaß.

Information

Samstag, 01. November 2008

Der Mann hatte es im Leben weit gebracht: Er sah und hörte – ‘beschäftigt’ wie er war – nichts mehr selbst, er erfuhr nichts aus eigenem Erleben. Aber allmorgendlich, wenn der Chauffeur vor dem Vestibül ihm die Tür aufriss, da wurde er kurz darauf von seiner Sekretärin und anderen bürokratischen Zuträgern ‘über die anstehende Sachlage eingehend informiert‘. So konnte ihm nichts, was wichtig war, entgehen …