Artikel mit ‘Journalismus’ getagged

Erlösungsrhetorik

Freitag, 16. März 2012

Sie kommentieren sich um Kopf und Kragen – unsere journalistischen Adabeis, die nicht einsehen wollen, dass sie jahrelang auf falsche Pferdchen gewettet und dazu ein höchst seltsames Kraut geraucht haben. So kommt es zu wirren endzeitlichen Visionen, wo erst Angela Merkel untergehen muss, damit die Welt von weißen Rittern gerettet werden kann, von Rittern, die andere bisher nur als Pat und Patachon auf der Rechnung hatten. Ein leicht militaristischer Zungenschlag, der an die Bismarckzeit, an Churchill, an den ‘Bonker’ und sonst noch so mancherlei erinnert, kommt hinzu – kurzum: Es ‘wagnert’ in deutschen Kolumnen:

Mit Blut, Schweiß und Tränen können [Röttgen und Lindner] sich bewähren – für die Stunde Null von CDU und FDP. … So oder so haben sie die einmalige Chance, sich … in den Herzen der jeweiligen Basis festzuketten. Es geht nicht um das nächste Jahr. Es geht um das nächste Jahrzehnt. … [So könnte] die NRW-Wahl für CDU und FDP … als Menetekel für das Ende der Herrschaft Angela Merkels in die Geschichte eingehen. Gleichzeitig markiert sie nicht weniger als die Vorbereitung auf einen personellen Neuanfang nach dem Scheitern der bisherigen Koalition im Bund.”

Festgeschweißt in den Herzen der Basis darf also diese Rasselbande, Muttis Klügster und Möllemanns Bambi, mächtige Ketten türmend ihrer Anhängerschaft jahrzehntelang die Aorta verstopfen. Ein solches Sprachbild hängt dort in einem deutschen Qualitätsmedium an der Wand des Salons, wo es die Hausfrau vermutlich noch für Kunst ansieht.

Meinerseits, um mich dieser Wortgewalt umgehend anzuschließen, markiert dies publizistische Menetekel die überfällige Vorbereitung auf einen personellen Neuanfang im deutschen Journalismus nach dem Scheitern der bisherigen Koalition aus INSM-Sektierern und zunehmend bildgestörten Metaphernschändern.

Apropos – werden ihre Sprachbilder schief, zeigt sich, dass eine alternde Ideologie nicht mehr zur Wirklichkeit passt.

Das Lob der Auto-Scooter

Freitag, 16. März 2012

Wer an der Qualität unserer Politiker verzweifelt, der sollte froh sein, dass er nicht von unseren Journalisten regiert wird. In der ‘Welt’ versucht sich jetzt ein Torsten Krauel an der Quadratur des Kreises, er unternimmt es, uns das erratische Verhalten der Liberalen unter Rösler als höhere Staatsweisheit anzudrehen:

“Trotzdem ist der Sturz der nordrhein-westfälischen Minderheitsregierung nach der Durchsetzung Joachim Gaucks bereits das zweite Mal, dass die Liberalen 2012 der deutschen Politik einen sichtbaren Stempel aufgedrückt haben. Der dritte Schauplatz ist das Bundeskabinett. Dort setzt Philipp Rösler bei der erwogenen Abschaffung der Praxisgebühr ziemlich viel auf eine Karte.”

Tschaja: eine Woche Chaostage, aber der ‘Stempel’ sitzt – dank Drei-Wetter-Philipp! Dumm nur, dass die NRW-Liberalen vom unabsichtlich herbeigeführten Regierungssturz selbst am meisten überrascht wurden. Und ebenso überrascht würden sie aus der Wäsche gucken, wenn in der Hauptstadt die Koalition an der Praxisgebühr zerbräche. Was bei Merkels Chuzpe ja nicht völlig unwahrscheinlich ist. Beide Eklats hätten die Schrumpfliberalen sich nicht gewünscht – beide aber wider Willen erreicht.

Das künftige Ziel liberaler Politik wäre – dem Welt-Schreiber zufolge – das voluntaristische Herbeiführen alles Unerwarteten und Ungeplanten. Wer sich mit einer durch diese journalistische Methodik siegreich wiederbelebten FDP verbünde, der platziere so etwas wie eine rollende Kanone auf schlingerndem Schiff an Bord seiner Koalition. Was zwar nicht zielführend, wohl aber schlagzeilenträchtig wäre. Er gewönne an Remmidemmi statt an Politik.

Kurzum: All unsere herumdengelnden Meinungsschmiedemeister in Deutschlands Redaktionen, die dem werten Publikum jetzt im Vorfeld der NRW-Wahlen binnen 60 Tagen eine Renaissance der Möllemänner herbeischreiben müssen, weil ihre Verleger den schwarzgelben Zossen reiten, all diese Honks versuchen faktisch nur, mit ihren Gummihämmerchen auf einem eisernen Amboss Eindruck zu schinden. Im Grunde klingt’s noch nicht mal hohl …

Journalismus gescheitert

Mittwoch, 14. März 2012

Unisono schallt es uns jetzt aus den großen wie aus den kleinen Medien entgegen: Beim “Scheitern der rot-grünen Minderheitsregierung” sei “Rot-Grün gescheitert” – aber so was von! Ein schlichtes  “Aus für Rot-Grün in NRW” klingt da schon angenehm objektiv …

Seltsam nur, dass die beiden Verlierer-Parteien einer ‘gescheiterten’ Minderheitsregierung vor Kraft – wie auch ohne Kraft – kaum laufen können. Die Rede ist natürlich von der SPD und den Grünen. Jene beiden Parteien dagegen, die Rot-Grün ‘scheitern’ ließen, die haben mit ihrem Niederstimmen des Haushalts ein politisches Selbstmordprogramm gestartet.

Die FDP ist seit Monaten auf Buchheim-Kurs, alle Nieten fliegen aus dem sinkenden Boot, so dass ich glatt vermuten würde, unsere Tigerenten könnten nur aus zufälliger Blödheit gegen den Haushalt gestimmt haben, weil sie nämlich noch einen Wahlgang erwarteten. Die Linke, die in NRW alle Mühseligen, Durchgedrehten und Prinzipienreiter dieser Welt umfasst, von den Trotzkisten über die Stalinisten und Querulanten bis hin zu den Syndikalisten und sonstwie Verrannten, die hat sich so gründlich als apolitisch entpuppt, dass auch sie den Landtag künftig wieder von außen betrachten dürfte.

Nach Lage der Dinge hat also Röttgen, selbst wenn er wider Erwarten ein wenig stärker als die Kraft-SPD werden könnte, nirgendwo eine realistische Machtoption. Aus der bisherigen Minderheitsregierung wird also im Mai eine Mehrheitsregierung werden. Punkt.

Die gesamte Presse aber sabbelt von einem ‘Scheitern’ absehbarer Gewinner …

Gerade sehe ich, dass unter all den Blinden auch ein Sehender wandelt – der Roland Nelles bei ‘Spiegel Online’ stößt in die gleiche Vuvuzela: “Die miesesten Zocker Deutschlands.”

Die Sache mit der Paywall

Dienstag, 13. März 2012

Tscha, doppelt gekniffen! Das Schlimmste aber ist, dass die gleichen Leute, die künftig kaum noch wahrgenommen werden, trotzdem Loblieder in die Tastatur hämmern müssen, wie superdupertoll doch dieses neu(gierig)e Leserbeglückungssystem aus dem Hause Madsack sei, vor allem für jenen Leser, der – lässt er sich drauf ein – prompt in Werbemails ersäuft wird:

“Als Journalist würde ich Zeter und Mordio schreien. Die Redakteure, deren Inhalt künftig nur noch von einem winzigen Staubkörnchenanteil der Bevölkerung gelesen werden, können ihre weitere Karriere in die Tonne kloppen – denn sie existieren im öffentlichen Diskurs nicht mehr. Madsack dürfte das nicht unrecht sein: So lassen sich Entlohnungen drücken.”

Aber was erwarten wir: Wo ‘Content’ zum ‘King’ wird, können Kunden und Leser nicht mehr König sein – und Schreiber nicht mehr Großvezire.

Praktische Seriosität

Samstag, 10. März 2012

Weil’s so schön zu der vielbeschworenen Seriosität im Journalismus passt: Nachdem Hitler 1934 die halbe Führung seiner uniformierten Schlägertruppe massakrieren ließ, hievte die ‘Frankfurter Zeitung’ die höchst seriöse Überschrift “Personelle Veränderung in der SA” auf die Titelseite.

Journalismus + Wissenschaft

Samstag, 03. März 2012

Die Berichterstattung in den Boulevard-Medien habe Mitarbeiter seines Teams zur Verzweiflung gebracht.”

Man könnte auch von einem Unverhältnis sprechen. Heute hat die Wissenschaft jene Ergebnisse zu liefern, die den Medien ihre Auflage und das Überleben garantieren, sonst taugt die Wissenschaft wissenschaftsjournalistisch gesehen nichts und kommt auch nicht ins Blatt. Zumindest, seitdem der Dieter E. Zimmer kaum noch was schreibt. Immerhin konnte der Mann noch trockenes Knäckebrot in Schwarzwälder Kirschtorte verwandeln. Bei den Heutigen kommt nur ein bunt behängtes Vorurteil dabei heraus, was publizistisch bekanntlich darauf hinausläuft, dass das Publikum als ‘Wissenschaft’ nur noch das rezipiert, was es eh schon zu wissen meinte. Auch der Stephen Jay Gould ist längst tot …

Zahlendreher

Mittwoch, 22. Februar 2012

Die Blödverkaufe bei der ‘Welt’ nimmt oft schon groteske Züge an. So liest der geneigte Interessent in dichter Folge dort derzeit folgendes:

“Im neuen Wahltrend legen Union, Grüne und Piraten zu. … Die FDP verharrt dagegen im Umfragetief. Die Union setzt nach einer Forsa-Umfrage ihren Höhenflug in der Wählergunst fort. Im neuen Stern-RTL-„Wahltrend“ kommen CDU und CSU zum dritten Mal in Folge auf 38 Prozent … “

Ich resümiere: Die Union ‘legt’ also deshalb ‘zu’, weil sie schon zum dritten Mal in Folge sich nicht weiter verbessern kann. Und das Ganze wäre dann prompt als ein veritabler ‘Höhenflug’ zu betrachten. Manches möchte ich einfach nicht schreiben müssen … aber formulieren wir’s, um der armen Fakten willen, mal halbwegs sachkonform:

“Den größten Sprung in der Wählergunst machten, folgen wir dem neuen Forsa-Wahltrend, die Bundesgrünen mit plus zwei Prozent. Mit einem Prozent Zuwachs zählten auch die Piraten zu den Gewinnern der Woche. Die FDP verharrt dagegen am Rande der politischen Nachweisgrenze, auch die Union kann sich nicht weiter verbessern. Die Linke verliert einen Prozentpunkt, ebenso wie die SPD.”

Süsswoll – und schon wird allmählich ein Schuh daraus …

Miles apart

Montag, 20. Februar 2012

Wieder mal hat dem Malte Lehming jemand Fremdstoff in den Tee getan. Die Angela hätte – unserem wirrsten aller Kolumnisten zufolge – nämlich schon immer den Gauck gewollt. Jetzt endlich sei sie am Ziel ihrer mehr oder minder feuchten Träume angelangt:

“Oh ja, mein ist die Rache, spricht Angela Merkel. Der Schalk sitzt ihr im Nacken, und sie lacht sich ins Fäustchen.”

Klar – deshalb sah sie am Bildschirm bei der Verkündigung auch so ganz anders aus wie vom Lehming beschrieben: beide Mundwinkel auf Fünf vor halb Acht heruntergeklappt. Und deshalb, weil dieser raffinierte Plan der Uckermärkerin so langfristig angelegt war, hat unsere hochweise Frau Bundeskanzlerin zwei Jahre zuvor erst einmal mit aller Macht den Krischan Wulff gegen den Joachim Gauck durchgeboxt, um alle über ihre wahren Absichten zu täuschen. Eine echte Strategin, die weit über den Tag hinaus zu denken pflegt und sogar das Scheitern des piefigen Osnabrückers vorausgesehen hat!

Wissen Sie, Herr Lehming, Liebedienerei im Journalismus lässt sich weit treiben, sogar zu weit – dann nämlich, wenn Volksverdummung daraus zu werden droht. Und weshalb ausgerechnet diese leicht verdruckste Reformerin im Unions-Lager sich jetzt über den angeblich “konservativsten Präsidenten aller Zeiten” freuen sollte, das müssen Sie uns auch noch näher erklärbären …

Ergänzung: Ach Gott, ach Gott – ich sehe gerade, dass nahezu alle neoliberal-altkonservativ oszillierenden Medien in hellem Aufruhr sind. Auch dieses Ex-Cicero-Gewächs hat den Eimer mit der Tünche aus der Garage gewuchtet und will uns die Welt neu streichen:

“Wenn bei Brüderle, Gabriel und Trittin der Testosteron-Spiegel gesunken sein wird, werden sie merken, dass Angela Merkel die einzige Siegerin des Kandidatenlaufs um das Amt des Bundespräsidenten ist.”

Tscha, bisher kenne ich nur einen Sieger – und der heißt Joachim Gauck. Warten wir doch die erste Rede des Herrn in Ruhe ab … ich bin mir sicher, sie fällt ganz anders aus, als wir alle es erwarten.

Im Griff der Würgebengel

Dienstag, 07. Februar 2012

An die unwiderstehliche Wirkung der Personificatio glauben unsere Journalisten so fest wie die Kinder an den Weihnachtsmann. Aus dem derzeitigen Isobarengeschehen sibirischen Ursprungs haben sie sich ein Monster geknetet, das ganze Länder wochenlang zu würgen vermag: “Horror-Kälte hat Deutschland weiter im Griff”.

Diese Headline aber ist journalistisch gesehen noch schwach, dem eisigen Griff fehlt das unvermeidliche Adjektiv ‘fest’, das den Leser erst wahrhaft nach Luft schnappen lässt: “Dauerfrost soll Deutschland weiter fest im Griff behalten.”

Selbst das ist zu überbieten – zu einem Vokabular geradezu Godzilla’schen Ausmaßes greift unsere Bild-Zeitung, denn nur die Überbietung rettet den Ruf: “Kälte-Kralle hat uns fest im Griff”. Da wird uns das eisige Monster aus den Tiefen der Tundra leibhaftig vor Augen gestellt, mindestens so wie schrecklich wie Kunos ‘Killerkralle’ in ‘Neues aus Büttenwarder’.

Dieses unaufhörliche Gedüdel und Genöle hat derzeit alle Medien ‘fest im Griff’, obwohl das verehrte Publikum es schon längst nicht mehr hören mag: “Kälte hat Europa weiter fest im Griff”, “Klirrende Kälte hat Schleswig-Holstein im Griff”, “Mallorca im Griff der Kälte”; “Kälte hält Europa im Griff”

Der Leser wundert sich bloß, dass dieser Kaltfront bei ihrem würgerischen Tun nicht die Finger abfrieren, oder ersatzweise gern auch die ‘Krallen’.

Wer hat die Kokosnuss geklaut?

Montag, 06. Februar 2012

Stefan Niggemeier versucht sich an einer Verteidigung von Wolf Schneiders Internet-Kompetenz, ein Unternehmen, das der Quadratur des Kreises gleichkäme, wenn es Aussicht auf Erfolg besäße. Entsprechend laut schallt ein rezeptives Hallo durch jenen halben Kilometer Kommentarkorridor, der sich prompt nach diesem Wagnis geöffnet hat. In gereizten Wortmeldungen heißt es gleich mehrfach, an den Statements der jeweils anderen Partei könne man doch sehen, wie empfindlich diese zarten Blogger-Seelen gestrickt seien. Bis zum Horizont aber – von Detlef Gürtler über Christian Jakubetz bis hin zu Ulrike Langer, vom Heddesheim-Porthmann bis zu Stefan Niggemeier himself – tummeln sich vor meinen Augen dort nur gestandene Journalisten, die allerdings alle auch ‘online’ zu finden sind. Auf den Punkt gebracht: Hier streiten On-Off-Liner miteinander, ob ein nativer Offliner wie Wolf Schneider, der sich ohne Not aufs Glatteis des Web 2.0 begab, trotz notorischer Anfälle von Größenwahn immer noch Pietät verdient.

Sobald unsere Kombattanten auf andere Diskutanten wie Mimosen wirken, müssen sie sich Bloggerseelchen schimpfen lassen; bringen sie faktengestützte Argumente vor, umschmeicheln sie sich wechselseitig als wahrhafte Journalisten. Was aber der gemeine Nur-Blogger draußen auf der weiten Prärie zur großen Beckmesserei am Journalistenstammtisch sagt, das erfahren wir mal wieder nicht …