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Fightin’ the Obvious

Donnerstag, 08. September 2011

Bestreiten, was niemand je behauptete – das zählen erfolgreiche Populisten zu ihren vielversprechenderen Strategien. Den meisten Menschen ist es bspw. unmittelbar klar, dass die moralisierenden Grünen nicht zu den Egomanen, zu den Soziopathen und zu den Narzissen zu zählen sind, zu jenen also, die sich selbst gern als ‘Liberale’ bezeichnen, weil sie sich auf ihrem Karrierepfad einen Dreck um die Gesellschaft kümmern. Alexander Grau verkündet uns das im Cicero als Sensation:

“Liberale gehen davon aus, dass der Mensch frei ist, autonom und selbstbestimmt. Er hat das Recht, sein Leben gegebenenfalls egoistisch, verantwortungslos und alles andere als nachhaltig zu führen. … Politik darf aus liberaler Sicht nicht den Versuch darstellen, einen Lebensstil durchzusetzen und sei er noch so umweltschonend, tolerant, multikulturell, kinderfreundlich und am Gemeinwohl orientiert.”

Und deswegen, weil Grüne eben nicht so lebten wie die immobilienmakelnde Kokainschwuchtel mit SUV und FDP-Bapper vor der Tür, deswegen seien – tätä! – die Grünen auch nicht ‘liberal’. Dolle These, niemand hätte je gedacht, dass dies der Fall sein könnte. Im ‘Cicero’ aber wird aus einer Null-News ein Zwei-Seiten-Bericht.

Faktisch war es doch seit jeher so: Die Grünen setzten die bürgerliche Elternpädagogik auf nachhaltiger Ebene fort, nur dass es nicht mehr hieß “Hast du dir die Hände gewaschen?”, “Hast du die Hausaufgaben gemacht?”, sondern “Hast du den Müll getrennt?” und “Hast du Fair-Trade-Kaffee gekauft?”. Kurzum – jeder bürgerliche Sprössling fühlte sich schon zu meiner Sturm-und-Drang-Zeit bei den Grünen gleich wieder wie zu Hause.

Gefährlich wäre – Alexander Grau zufolge – dieser zutiefst bürgerliche Lebensstil, wie ihn die Grünen propagieren, deshalb, weil sich unter seiner Ägide die Menschen nicht länger ‘wie die Wildsau’ verhalten dürften. Grau sieht diese Beschränkungen, die nebenbei auch ursächlich für das Strafgesetzbuch und andere Einrichtungen sind, als unzulässige Beschneidung einer grenzenlosen Freiheit durch korporative Regeln. Im Grunde – dies der Kern seiner Argumentation – will er uns den Anarchismus als Liberalismus verkaufen:

“Liberalismus wird vom grünkonservativen Mainstream so lang toleriert, wie er für Bürgerrechte kämpft, gegen Diskriminierung oder gegen den Überwachungsstaat. Schwierig wird es jedoch, wenn Liberale sich konsequenterweise auch für das individuelle Recht einsetzen, nicht nachhaltig zu sein, nicht sozial, nicht verantwortungsvoll oder auch nur nicht emanzipiert.”

Liberalismus wäre demnach das Recht jedes Einwohners, so doof, asozial und verantwortungslos zu sein, wie er will. Und mit dieser zutiefst antibürgerlichen Einstellung wundert sich Grau, dass die FDP abkackt?

Schimmelgeruch

Montag, 05. September 2011

Wenn eine Ideologie auf die abschüssige Bahn geraten ist, dann beginnt die große Zeit der ‘Eigentlichen’. Erstmals lernte ich deren typische Argumentation bei den versprengten K-Gruppen meiner Uni-Zeit kennen. Die verteidigten unverdrossen den Sozialismus, indem sie ihn als nicht von dieser Welt verklärten: Der Sozialismus resp. Kommunismus, sagten sie, hätte doch mit den Kukident-Riegen der Breschnjew und Andropow nichts zu tun, auch nichts mit einem millionenfachen Bauern-Mörder wie Mao Tse Tung, der ‘eigentliche’ und wahre Kommunismus sei ganz etwas anderes, nämlich eine fortdauernde Utopie. Im Grunde sei seine Idee doch von jenen Figuren verraten worden, die sich in der Realität als Kommunisten bezeichnen.

Wenn sie sich ins Himmelreich oder ins Reich der Theorie verflüchtigt, fängt jede Ideologie an, in der Praxis stark nach Schimmel zu riechen. Ähnliches lässt sich heute beim Liberalismus beobachten. Der ‘eigentliche’ Liberalismus hätte doch mit Finanzkapitalismus, mit FDP und Sozialdarwinismus gar nichts zu tun, der ‘eigentliche’ Liberalismus sei ganz etwas anderes und auch nur im ideologischen Himmelreich zu finden – oder ersatzweise in der amerikanischen Tea Party, so missionieren uns bspw. derzeit die Ideologiewächter in Springers ‘Welt’:

“Tatsächlich erliegt Schirrmacher einer in Deutschland relativ weit verbreiteten Fehlannahme, wonach Liberalismus und Wirtschaftsnähe das gleiche seien. Das ist aber nicht der Fall. … Echter Liberalismus muss sich ständig mit etablierten Wirtschaftsinteressen anlegen, um wirklichen Wettbewerb zu ermöglichen. … Man kann die Wucht, mit der die Tea Party die politische Landschaft Amerikas umwälzte eigentlich nur verstehen, wenn man sie als Bewegung begreift, die gegen die Eliten des Landes auf der Moral des Liberalismus besteht, wonach nicht die Steuerzahler für die Fehler der Reichen geradezustehen haben.”

Tscha – eine elitäre Ideologie wird egalitär umgedeutet. Nur dass der real existierende Liberalismus sich in der Praxis so gar nicht mit ‘etablierten Wirtschaftsinteressen anlegen’ mag, wie es die Theorie dieser Himmelshausener fordert. Im Gegenteil – die Tea Party lässt sich mit Fug und Recht sogar als ‘milliardärsbetriebene Veranstaltung’ kennzeichnen. Diese anti-etatistischen L-Grüppchen zeichnen sich heute durch die gleichen weltfernen Radikalisierungstendenzen aus, die wir einst bei den sektiererischen K-Gruppen beobachten konnten. Auch sie wollten lange nicht einsehen, dass ihre große Zeit vorüber ist. Wo Milton Friedman gründlich gescheitert ist, kommt heute eine Sarah Palin mit bunten Patchwork-Argumenten hinterhergeklappert, notdürftig in Sprache gehüllt. Man könnte auch von einem intellektuellem Zerfallszustand des Liberalismus sprechen …

Nachtrag: Hier noch ein erfahrungsgesättigter Bericht aus der Vorhölle des real existierenden Liberalallas – “Gemeinsam hatten sie alle den Wohlstand, der meist ererbt war und die damit verbundenen Privilegien, die nur allzu gerne demonstriert wurden.”

Die Konservativen und Mr. Hyde

Sonntag, 21. August 2011

Kaum dachte der Leser, ein Frühlingshauch von Selbstreflexion durchwehte die konservative Welt, schon trällert uns ein alter Fahrensmann den konservativen Evergreen von der ewigwährenden Unfehlbarkeit, deshalb, weil wahre Konservative immer einen Kompass statt einer Seele in der Brust zu tragen pflegen:

“Konservative wissen, woher sie kommen. Und wohin sie gehen. Sie haben einen Kompass. Deshalb verlieren sie sich auch nicht in den Wanderdünen des Zeitgeists.”

Oha, Peter Hahne – auch bei den Konservativen bleibt also die dürre Wüste ringsum, nur eben das Navi käme hinzu? Berechtigt wären demnach die Klagen der Charles Moore, Konstantin Seibt und Frank Schirrmacher über die große Weg- und Steglosigkeit, und über jene Absenz eines christlichen Master-Plans, der ja nicht darin bestehen kann, plötzlich jene Zocker heilig zu sprechen, die Jesus noch mit Fußtritten zum Tempel hinauskomplimentierte?

Das konservative Denken mag zwar einen Kompass haben, was nützt dies aber, wenn der Magnetpol fehlt? Auch die Konservativen funzeln mit ihren Taschenlämpchen derzeit in einer großen intellektuellen Saharanacht herum – und sie wissen nicht, ob ringsum überhaupt Wanderdünen zu finden sind, oder aber Salzseen, Felsenformationen oder gar das Himmlische Jerusalem. Keine Orientierung nirgends … und auch jene kindlich schlichte Definition, Herr Hahne, dass der Konservative halt eben immer ein wenig retardiert wäre, die hilft da nicht weiter. So etwas wie einen Plan haben derzeit allein die Ultra-Liberalen, von denen die Konservativen sich allzulange vereinnahmen, ja unterwandern ließen …

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Der FDP ins Stammbuch:

Montag, 04. April 2011

Die Sozialdemokratie ist, politisch angesehen, der Liberalismus der Masse. … Der bürgerliche Liberalismus ist die Mittel- und Oberschicht der neuen Linken. … Und das Problem der Zukunft heißt: Ablösung der Zentrumsherrschaft durch eine neue deutsche Linke.”
(Friedrich Naumann: Werke (ed. Th. Schieder, IV, S. 18 ff)

Grabrede auf die Demokratie

Sonntag, 02. Januar 2011

Mit Jesuitismus kennt er sich ja aus – Rainer Hank, der Wirtschafts-Guru der ‘Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung’ (FAS). Schließlich lehrte er fünf Jahre beim ‘Cusanuswerk’, der Elitenschmiede des Vatikan in Deutschland. Weshalb er sich aber ins Gebiet der politischen Theorien verstieg, bleibt sein Geheimnis: Si tacuisses …

Interessant aber ist dieser Text, der jetzt im Führungsorgan der deutschen Großbourgeoisie erschien, um einmal zu verfolgen, wie sehr sich solche Großmeister des Elitarismus inzwischen von demokratischen Positionen verabschiedet haben. Rainer Hank hält dort eine “Grabrede auf den Liberalismus”, aber nicht um in das allgemeine Westerwelle-Bashing einzufallen, sondern um uns zu zeigen, wie sehr doch der Liberalismus seine antidemokratischen Wurzeln verraten habe, zu denen es dann wohl zurückzukehren gelte.

Wie üblich im konservativen Diskurs umgibt er sich zu diesem Zweck mit einer Reihe ‘historischer Kronzeugen’, auf die er sich als zitateliefernde Autoritäten stützt. An erster Stelle natürlich Friedrich Naumann, nach dem die Restliberalen noch heute ihre Stiftung benennen. Wobei Hank aber ganz vergisst, dass Naumann nicht nur ein Annexionist und Defaitist war, sondern innen- und sozialpolitisch den Ausbau des Sozialstaates forderte, und für jenes Bündnis aus Arbeiterbewegung und demokratischem Bürgertum stand, das heute bei der FDP so ganz in Vergessenheit geraten zu sein scheint – trotz Lindners “mitfühlendem Liberalismus”, der aber bisher eher eine Papierformel bleibt, die keinerlei Taten zeugt.

Der ‘Schrumpfzustand’, konstatiert Hank, sei für den Liberalismus eher ein Normalzustand, weil der wahre Liberalismus doch antidemokratisch sei und auf eine Herrschaft weniger Besitzender hinauslaufe. Seine ganze Moral bestünde deshalb in der Ablehnung allen Zwangs beim Wirtschaften, euphemistisch und aus Wählbarkeitsgründen auch ‘Freiheit’ genannt. Offene Worte!

Mit einem solch negativen Freiheitsbegriff könne aber die blöde Menge, diese ‘swinish multitude’, nun mal nichts anfangen, deshalb wende sie immer eine mächtige und destruktive Waffe gegen dieses höchst vernünftige Prinzip – die verderbliche Moral:

“Der Antiliberalismus und Antikapitalismus der Mehrheit stört sich nicht nur an der Glanzlosigkeit der negativen Freiheitsidee, er bestreitet ihr auch die moralische Existenzberechtigung. Moral ist überhaupt die stärkste – sollte man sagen: brutalste oder vulgärste – Waffe der Gegner des Liberalismus. Denn Moral bietet kübelweise positiven Inhalt. Und das kommt immer gut an, besser jedenfalls als die negative Freiheitsidee.”

‘Kübelweise’, ‘brutalst’, ‘vulgär’ – es ist nicht schwer zu erraten, was unser Muster-Katholik von einer moralischen Beschränkung wirtschaftlich handelnder Subjekte hält. Folgerichtig kommt er auch zu einem politischen Schluss, der faktisch auf den Umsturz der Demokratie hinausliefe – eine qualifizierte Minderheit müsse wieder über die Mehrheit herrschen, auf Grund eines durch Alter und Gewohnheit legitimierten Rechtes, das allemal höher zu setzen sei als eine skandalöse neue Rechtsetzung durch eine unqualifizierte Mehrheit:

“Dafür aber ist der Liberalismus smart, elitär, nie ohne eine Prise Arroganz und zuweilen sogar versetzt mit einem Schuss Demokratieverachtung, jedenfalls dann, wenn Demokratie nichts als die Tyrannei der Mehrheit meint. Schlimm sei es, von einer Minderheit unterdrückt zu werden, wusste der britische Liberale Lord Acton, ein Katholik, schlimmer noch sei es, von der Mehrheit in seiner Freiheit eingeschränkt zu werden. Rechtsstaatlichkeit ist in der Hierarchie der Werte des Liberalismus der Demokratie vorgeordnet.”

Erst fällt also irgendwie und irgendwo ein ewiges Recht vom Himmel, an dessen unwandelbaren Säulen dann keine Mehrheit mehr deuteln dürfe. Und daraus würde dann – ausgerechnet bei einer eingeborenen Zahnwalts- und Klientel-Partei wie der FDP – wie von selbst schon eine Abkehr vom Klientelismus folgen, den doch immer nur die anderen betrieben.

Was Rainer Hank der FDP in seinem Text empfiehlt, ist also nicht mehr und nicht weniger als der Abschied von der Demokratie, die in seiner Theorie doch nur dubiose Mehrheitsentscheidungen produziere. Und dies zugunsten eines Staates ewiger Rechte der Ohnehin-schon-Privilegierten. Kurzum – Stuttgart 21 und die ‘Wutbürger’ tragen längst auch bei unseren Eliten Früchtchen. Und jawollja – ich freue mich schon auf die ersten der neuen FDP-Plakate mit dem eingängigen Slogan: “Freiheit statt Moral!” …

Liberale Geschichtsklitterung

Sonntag, 31. Oktober 2010

Da geht es einem Schreiber also um den Aufstieg von eher unangenehmen Figuren wie Geert Wilders oder meinethalben hierzulande auch dem verblichenen Jürgen Möllemann. Was fällt diesem Zeit-Besinnungs-Journalisten Paul Scheffer aber dazu ein: Er hält uns eine Trauerrede auf “das Ende des liberalen Jahrhunderts”. Unter solchen Leuchtturm-Vokabeln tut er’s nicht.

Ja – rekapitulieren wir doch mal: Vor genau 100 Jahren, im Jahr 1910, hatten wir hierzulande den Wilhelminismus. Der Liberalismus war damals eine komische Trachtengruppe, die sich in ihren Freimaurerlogen tummeln durfte, im Parlament waren sie eine verschwindende Minderheit – faktisch regiert haben Adel, Junker und Militärs. Das zog sich hin bis 1918.

Danach hatten wir die Weimarer Republik. Auch hier regierten die Liberalen – wenn man einen Stresemann unbedingt dazu zählen will – nur einige wenige Jahre, zumeist in Nebenrollen. Nach einigen sozialdemokratischen Jahren (meist in Koalition mit dem Zentrums-Klerikalismus), regierten dann wieder die gleichen Gruppen wie im Kaiserreich – nur diesmal ohne Kaiser, ersatzweise dafür mit Reichspräsident. Null Liberalismus also auch hier.

Dann kamen Adoof und seine Nazi-Goldfasanengarde. Wer liberal war, hielt damals entweder die Schnauze und berief sich auf die “innere Emigration” – oder er wurde als Teil der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung außer Landes oder in die KZs gejagt. Wieder zwölf Jahre, die uns hier am Wolkenkuckucksheim eines “liberalen Jahrhunderts” fehlen.

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Vorrevolutionäre Situationen

Mittwoch, 04. August 2010

Zu den drei hellsichtigen Denkern, die wesentliche Entwicklungstendenzen der Moderne prophetisch erkannten, gehört neben Karl Marx und Max Weber auch Alexis de Tocqueville. In seinem Buch ‘Der alte Staat und die Revolution’ findet sich die folgende Passage:

“Die Menschen sind nicht mehr durch Kasten, Klassen, Korporationen und Geschlechter miteinander verbunden und sind daher nur zu geneigt, sich bloß mit ihren besonderen Interessen zu beschäftigen, immer nur an sich selbst zu denken und sich in einen Indidualismus zurückzuziehen, in dem jede öffentliche Tugend erstickt wird. …

Da in einer derartigen Gesellschaft nichts feststeht, fühlt sich jeder, teils durch die Furcht herunterzukommen, teils durch den Drang, sich emporzubringen, in beständiger Aufregung, und weil das Geld, welches zugleich das Hauptmerkmal geworden ist, das die Menschen klassifiziert und in ihrem Rangunterschied bedingt, hier eine außerordentliche Beweglichkeit erlangt hat, indem es unaufhörlich aus einer Hand in die andere geht, die Lage der Individuen verändert, die Familien erhebt oder erniedrigt, so gibt es hier fast niemanden, der nicht genötigt wäre, verzweifelte und fortwährende Anstrengungen zu machen, um es sich zu sichern oder zu erwerben. Die Begierde, um jeden Preis reich zu werden,  die Neigung, Geschäfte zu machen, die Gewinnsucht, das Streben nach Wohlleben und sinnlichen Genüssen sind daher hier die üblichsten Leidenschaften. … Diese schwächenden Leidenschaften kommen [dem Bestehenden] zu Hilfe, sie lenken die Leidenschaft der Menschen von den öffentlichen Angelegenheiten ab, beschäftigen sie fern von denselben und lassen sie bei dem bloßen Gedanken an Revolutionen erzittern.”

Was uns hier so ‘heutig’ in den Ohren klingt, das ist keinesfalls die Beschreibung einer modernen Gesellschaft, wie sie aus der französischen Revolution erst erwachsen sollte. Alexis de Tocqueville beschreibt hier das ‘Ancien Régime’, eine ‘alte Gesellschaft’ also, die ihrem Untergang entgegentaumelt. Es ist ein Bericht über ‘vorrevolutionäre Zustände’, aus denen heraus die Revolution folgerichtig entspringen wird. Die Guillotine begann erst dann zu klappern, als die Menschen dieser allgemeinen Geldsucht überdrüssig wurden und gründlich mit der Selbstsucht eines grassierenden Individualismus und Egoismus aufräumten.

Bei allen Mustern, die demnach das Scharnier zwischen damaligen und die heutigen Gesellschaften zu bilden scheinen, bleibt für mich die Frage, worin denn der heutige ‘Despotismus’ besteht, der unsere Öffentlichkeit knechtet, die Gewinnsucht antreibt und die Gesellschaft zusehends zersetzt? Und ob wir am Ende erneut in ‘vorrevolutionären Zeiten’ leben, wo die Eliten zunehmend von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nichts mehr wissen wollen? Liest man gewisse Pamphlete der Jungen Liberalen, dann liegt der Gedanke nicht allzu fern …

Life’s a Carousel

Montag, 08. März 2010

Die Sprache mit ihrem starken Magen mag sich vom Wortschatz her verändern. Hie und da wird eine neue sprachliche Pretiose – bspw. ‘Benchmarking’, ‘Leistungsträger’ oder ‘Volatilität’ – dem alten Bluff aufgepfropft, die Tiefenstruktur der Argumentation aber bleibt sich gleich. Oft über Jahrhunderte hinweg. Ein Beispiel:

Am Beginn der Industrialisierung herrschte in England eine beispiellose Armut, der sog. ‘Pauperismus’, verschärft noch durch Missernten, hohe Kornzölle im Interesse der Gentry und die massenhafte Einwanderung von Iren. Angesichts der Überlastung der traditionellen Armenfürsorge setzte die britische Regierung 1832 eine ‘Königliche Kommission’ ein, bestückt mit den Sinns und Rürups der damaligen Zeit. Sie sollten die Ursachen dieses Elends ‘erforschen’.

Diese Kommision kam zu wahrhaft revolutionären Folgerungen, die einer bisher noch immer christlich fundierten ‘Caritas’ geradewegs ins Gesicht schlugen: Die Arbeiter würden deshalb nicht arbeiten, weil die öffentliche Fürsorge ihnen mehr eintrüge als die real existierenden Hungerlöhne auf Englands Farmen und in der Industrie. Die Handlungsempfehlungen lauteten jetzt nicht etwa, dass die Löhne steigen müssten, nein, die ‘Experten’ kamen zu dem Schluss, “dass die Unterstützung gesunder Arbeiter mit öffentlichen Geldern die Wurzel allen Übels” sei. Das englische Parlament beschloss daraufhin im Jahr 1834 das “Poor Law”, um dem faulen Pack Beine zu machen. Die Alternative für einen Armen lautete jetzt, Arbeit auf dem ‘freien Markt’ für ungenügenden Lohn, oder aber Arbeit für ‘Sachleistungen’ in einem Armenhaus bei Wasser und Brot – mit anderen Worten: Sie gingen ins Gefängnis, weil aus der Armut ein Verbrechen wurde. Im Kern ging es diesen Experten darum, “das Los des von den steuerzahlenden Bürgern erhaltenen Paupers weniger begehrenswert zu machen als das des ärmsten für sich sorgenden Arbeiters“. Das Lohnabstandsgebot war geboren.

Das “Poor Law” wirkte dann allerdings anders als gedacht: Es kam zu blutigen Straßenunruhen, die Unterschichten organisierten sich erstmals, und das Gesetz wurde zur Geburtsstunde der Chartisten, einer Bewegung, die mittelfristig mit der Forderung nach einem freien und gleichen Wahlrecht auch die Privilegien der geld- und grundbesitzenden Eliten hinwegfegen sollte.

So gesehen, sind Westerwelle und Consorten heute immerhin schon – oder noch immer – auf dem politischen Bewusstseinsstand von 1832 angelangt. Die sprachlichen Moden wechselten, die Argumente blieben. Ob unsere ‘Liberalen’ allerdings die absehbaren Folgen im Kopf haben, die in England schon einige Jahre später einsetzten, das glaube ich nicht. Man sieht aber, dass vieles, was heutzutage unter dem Etikett ‘Reform’ segelt, blanker Traditionalismus ist, liberaler Traditionalismus sozusagen …

Liberalismus wie Sozialismus

Dienstag, 16. Februar 2010

Im Kern unterscheiden sich die beiden politischen Theorien weniger, als dies die Kontrahenten wohl meinen: In beiden Fällen erleben wir den Versuch von Systembestandteilen, sich als Beobachter über ihr System zu stellen, in dem sie doch intellektuell befangen sind, sie versuchen also im imaginierten God-Like-Modus, die Wirklichkeit an abstrakte Ziele eines einzigen Systembestandteils anzupassen.

Die Maschine kann sich aber nicht außerhalb ihrer selbst stellen, selbst eine intelligente Waschmaschine könnte über nichts anderes als das Waschen ‘nachdenken’, auch nicht die Waschtrommel als ein Teil von ihr, selbst die Ökonomie hat aufgrund ihrer fundamentalen Selbstreferentialität nichts anderes als Ökonomisches im Kopf. In der Folge solcher Geistesverwirrung setzen sich dann der Markt oder die Gesellschaft absolut. In der Kybernetik spricht man vom Problem des Beobachters zweiter Ordnung, man kann nur adäquat über die eigene Situation reflektieren, wenn man sich der systemischen Begrenztheit seiner Perspektive und seiner Lösungsansätze, wie auch seiner Position ‘im System’, ständig bewusst ist.

Der ‘materiell-moralische’ Sinn derartiger Selbstüberhebung von Individuen ist in beiden Fällen wiederum gleich, es ist der Impetus des Privilegs: In der DDR hieß dieser Sinn Wandlitz, in der Bundesrepublik Crédit Suisse.

Übersetzungshilfe

Donnerstag, 05. November 2009

Heute geht es um Begriffe auf der FDP-Homepage, die ohne eine solche Übersetzungshilfe von bloß Deutschsprachigen am Ende falsch verstanden werden könnten:

Freiheit: Die Lizenz, ungestört Geschäfte zu machen, ohne von lästigen Gesetzen, Verbraucherschutzbestimmungen oder Datenschutz-regelungen daran gehindert zu werden.

Leistungsträger: Menschen, die vormittags Golf spielen, um ihre Leistungskraft zu erhalten, weil ihnen dank Kapitaleinkünften eine regelmäßige, produktive Arbeit verwehrt ist. Sie müssen sich stattdessen mit muße- und verdauungsförderlichen Vorstandsposten begnügen. Arme Säue, sozusagen …

Pflegequalität: Füttern, Waschen, Ruhigstellen.

Bürgergeld: Populistischer Trickbegriff zur Senkung von Hartz IV und Sozialhilfe.

Privat: Haupteigenschaft einer himmlischen Welt, die allen Nichtzahlern, Nichtberechtigten und sonstigen Minderleistern endlich konsequent den Zutritt verwehrt. Der Gegensatz lautet ‘öffentlich’, womit ein düsteres Reich ‘Mordor’ beschrieben ist, in dem die Teufel der ‘Bürokratie’ allen Leistungsträgern (s.o.) das Fell bei lebendigem Leib über die Ohren ziehen. Die Schmerzensschreie sind bis tief hinein in den Bereich der Qualitätsmedien zu hören.

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