Der Bügelfaltenstil
Mittwoch, 06. Juli 2011Thomas Mann gehört zu jenen Schriftstellern, die beim Publikum immer mehr Achtung genossen als unter Kollegen. “Buddenbrooks ist ein verdammt gutes Buch. Wäre er ein großer Schriftsteller, wäre es prima“, schrieb Ernest Hemingway an F. Scott Fitzgerald (Briefe, 119). Auch Tucholsky mochte das “sanfte Arschloch” (GA XXI, 297) nicht, sein Stil sei das “erschwitzte Produkt tiefster Sterilität” (GA XIX, 231). Bert Brecht gewann bei jeder Begegnung den Eindruck, “3000 Jahre schauen auf mich herab” (FA, 29, 211). Und das böse Wort vom “Bügelfaltenstil” stammt meines Wissens von Alfred Döblin: “Man schläft dabei ein“, lautet jedenfalls sein Verdikt (Briefe, 217). Was aber macht diesen Stil eigentlich aus?
“Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?” – so beginnt bspw. der vierbändige Josephs-Roman. Eine Banalität wird hier in raunende Worte gefasst. Denn klar ist doch eins: Schreibe ich über die Französische Revolution, dann ist dieser ‘Brunnen der Vergangenheit’ nun mal ziemlich genau 225 Jahre tief, und tauche ich ein ins alte Ägypten, dann sind es 3000 Jahre und mehr. Aber unergründlich, so wie es diese rhetorische Frage gleich eingangs suggeriert, ist er nun mal nicht, jedenfalls würde dies kein Archäologe je behaupten. Hier hubert also einer nach Bedeutung – die eigentliche Spezialität des schreibenden Kaskadeurs folgt daher jetzt:
“Dies nämlich sogar und vielleicht eben dann, wenn nur und allein das Menschenwesen es ist, dessen Vergangenheit in Rede und Frage steht: dies Rätselwesen, das unser eigenes natürlich-lusthaftes und übernatürlich-elendes Dasein in sich schließt und dessen Geheimnis sehr begreiflicherweise das A und O all unseres Redens und Fragens bildet, allem Reden Bedrängtheit und Feuer, allem Fragen seine Inständigkeit verleiht. Da denn nun gerade geschieht es, daß, je tiefer man schürft, je weiter hinab in die Unterwelt des Vergangenen man dringt und tastet, die Anfangsgründe des Menschlichen, seiner Geschichte, seiner Gesittung, sich als gänzlich unerlotbar erweisen und vor unserem Senkblei, zu welcher abenteuerlichen Zeitenlänge wir seine Schnur auch abspulen, immer wieder und weiter ins Bodenlose zurückweichen.”
Äh, Ägypten? – Inhaltlich wäre an dieser Schichttorte aus getürmten Nebensätzlichkeiten so ziemlich alles zu bestreiten. Dass die Geschichte des alten Ägypten für uns unergründlicher sei als diejenige des frühchristlichen Mittelalters beispielsweise. Denn das Licht, das für uns auf eine beliebige Vergangenheit fällt, ist zumeist abhängig davon, ob wir aus jener Zeit Schriftzeugnisse besitzen oder nicht. Insofern bleibt der Papua-Insulaner vor hundertfünfzig Jahren uns genauso rätselhaft wie der Cro-Magnon-Mensch der Champagne. Mit der Zeitachse und der ‘Brunnentiefe’ aber hat das alles nichts zu tun. Und dass die ‘Anfangsgründe des Menschlichen’ bei den Maya oder in der Prähistorie deutlicher zutage getreten seien als heute bei einer rappenden Straßengang aus Hamburg-Mümmelmannsberg, das ließe sich auch mit Fug bezweifeln. Angesichts der zahllosen Menschenopfer damals möchte ich das sogar hoffen. Kurzum – es handelt sich um eine bloß vorgespielte Tiefe, um sprachliches Tandaradei.