Artikel mit ‘Neologismus’ getagged

Praxistest für Neologismen

Mittwoch, 25. Januar 2012

Vor allem, wenn es sich um ein gelenkiges Verb handelt, muss sich ein neues Wort problemlos allen grammatischen Anforderungen fügen. Viele fremdsprachliche Kandidaten scheitern an dieser umgangssprachlichen Hürde einer flexiblen und zugleich eindeutigen Verwendung (s. ‘geupdatet’ vs. ‘upgedatet’ usw.) – nicht so das schöne neue Tätigkeitswörtchen ‘wulffen’, nur echt mit dem kerndeutschen ‘ff’.

Historische Brauchbarkeit ist zunächst wichtig – das Wort muss im Ohr des heutigen Lesers sinnvoll klingen, auch dann, wenn es auf Ereignisse der Vergangenheit angewandt wird: “Leckt mich im Arsch”, wulffte Götz von Berlichingen den Abgesandten der Obrigkeit entgegen. Für die Schreibpraxis interessant ist zudem die nahezu beliebige Verfügbarkeit des Stammwortes zur Konstruktion zusammengesetzter Verben: ‘entgegenwulffen’, ‘anwulffen’, ‘niederwulffen’ usw.

In der Wissenschaft wiederum kommt es darauf an, dass der sprachliche Neubürger auch zur Bildung akademischen Vokabulars veranlagt ist: “Die Wulffikation des öffentlichen Diskurses trägt zu einem eher konfrontativen Habitus in der Gesellschaft bei“. Paralleles Vokabular, dem die akademische Weihe ebenfalls nicht versagt werden kann, formt sich daran anschließend nahezu problemlos: das Wulffeske, wulffatorische Überkompensation, die notwendige Entwulffung der Welt usw.

Dort, wo Sprache auf den Alltag der Menschen trifft, kommt es hingegen auf die problemlose und schnelle Handhabbarkeit an: “Glaub’ bloß nicht, dass du mit deinem Gewulffe bei mir was erreichst, ej!”, “Du kannst dir hier ‘nen Wolf wulffen – ich mach das nicht!”, “Ob Wulff oder Wuffel – das geht mir am Mors vorbei!“. Wir sehen also, auch den Praxistest beim ‘Sixpack Joe’ besteht das neue Verb problemlos. Kurzum – dieses Wort wird es vermutlich länger geben als den Bundespräsidenten.

Willkommen in der deutschen Sprache!

Scheininnovation

Mittwoch, 11. Januar 2012

So heißt im Pharmabereich die Methode, einen Ladenhüter in leicht veränderter Verpackung als ‘dernier cri’ anzupreisen, um satte Windfall-Renditen weiterhin einzustreichen. Ähnlich geht jetzt der Cicero vor, wenn er uns das ‘Wachstum’ als NEUE und brandheiße liberale Leitidee andienern will, so als ob die Liberallas nicht seit Jahrzehnten schon an den Fetisch Wachstum so fest glauben, wie der Katholik an die Jungfrauengeburt:

“FDP-Parteichef Philipp Rösler kann die neue liberale Leitidee „Wachstum“ nicht richtig verkaufen.”

Das Problem liegt doch wohl eher darin, dass noch nicht einmal ein Weizsäcker oder ein Obama die ausgeleierte Wachstumsplatte den Bürgern als ‘neue’ Leitidee und als kommenden Hit verkaufen könnte …

Schuldenschnitter

Samstag, 29. Oktober 2011

Dass der Schieberramsch, denn unsere Bankster dort mit ihren längst komplett wertentwerteten Junk-Papieren spielen, jetzt auch noch als ‘Schuldenschnitt’ geadelt wird, das ist die dreisteste Sprachlüge seit langem.

Wieder was gelernt:

Dienstag, 12. Juli 2011

Das heißt jetzt gar nicht mehr ‘Schuldenschnitt’, ‘Haircut’, ‘Bankraub’, ‘Gelddrucken’ oder ‘Müllabfuhr’ – das heißt ab jetzt ‘Quantitative Easing’ … damit nicht mehr ersichtlich sei, wo irgendein ‘Bailout’ dabei.

Hirnschmelze?

Mittwoch, 25. Mai 2011

Corium – wie schön, mal wieder ein neues Wort für meine Sammlung! Es klingt nach fachlicher Kompetenz und weißen Laborkitteln, ähnlich wie Aluminium, Deuterium oder Helium. Leider suggeriert es diese klinisch-aseptischen Eigenschaften nur: Corium ist schlicht ein Kunstwort, das – abrakadabra! – aus dem ‘Core’ für den Reaktorkern und einer latinisierenden Endung hervorzaubert wurde, um wissenschaftliche Beherrschbarkeit vorzugaukeln. Jenes Corium, das es jetzt am Reaktorboden zu kühlen gilt, ist nachwievor nichts anderes als eine wilde Mischung aus radioaktiven Isotopen, die sich wie glühende Lava durch die Druckbehälter von Fukushima nagen. Dem gemeinen Volk ist dieses Corium übrigens längst als “Kernschmelze” bekannt … was zugegebenermaßen nicht ganz so nett klingt.

“Nicht geliefert”

Mittwoch, 13. April 2011

Die Jungunternehmerin sitzt dort in jener Talkrunde, wo es um den Niedergang der Liberalen geht, und sagt, die FDP habe nach der Wahl “nicht geliefert”. Auch die Fraktionschefin sieht das übrigens ähnlich: “Nach der Bundestagswahl habe die FDP bei Themen, die uns wichtig waren, nicht geliefert.” Selbst die Wirtschaftsmedien haben die neue Wortperle längst für die eigene Analyse entdeckt: “Das Problem sei daher eher, dass die FDP nicht geliefert habe”, sagt Gabor Steingart, der Handelsblatt-Chef.

Dieser Neologismus, der bisher eher der Beschwerdestelle von Versandunternehmen vorbehalten schien, grassiert derzeit nicht ohne Grund in einem FDP-affinen Umfeld. Weil er dem instrumentellen Politikverständnis jener Menschen das passende Wort verleiht: Ihrer Sichtweise zufolge habe der Wähler mit der Währung seiner Stimme im voraus für eine Leistung bezahlt, die er dann aber auch stante pede zugestellt bekommen möchte. Sollte dieser, sein imaginierter Vertrag nicht erfüllt werden, dann sucht er sich eben einen anderen Lieferanten.

Politik erhält damit einen Warencharakter, die Zeit der ‘Milieu-Parteien’ und festen Wählerbindung ist in der Upper Class vorbei, zwischen Wählern und Gewählten herrscht jetzt ein reines Geschäftsverhältnis. Da fehlt eigentlich nur noch der Gang vors Gericht, sofern nicht prompt ‘geliefert’ wird … die Demokratie wird als ein System von Austauschbeziehungen verstanden. Obwohl kein Mensch jemals zuvor Wahlprogramme für realisierbare Utopien und Textsorten hielt. Faktisch fallen diese doch eher in das Genre der Science Fiction, wobei das Wörtchen ‘science’ hierbei höchst fragwürdig bleibt.

Nachtrag zum Text (wegen einer Mail, die mich erreichte): Es ist Quatsch, zu glauben, die FDP wäre heute erfolgreicher, wenn sie ‘geliefert’ hätte, wenn also das Land heute unter Kopfpauschalen, unnötigen Steuergeschenken und weiterer Deregulierung noch stärker ächzen würde. Die FDP wäre wohl in diesem Falle auch dort angelangt, wo sie heute steht. Denn sie wurde ja nicht wegen ihres Programms gewählt – das zu verhindern, traute man der Merkel schon zu – die FDP wurde 2009 allein aus strategischen Gründen gewählt, um nämlich einer erneuten großen Koalition zu entgehen, die viele bürgerliche Menschen, auch unter dem Eindruck des großen medialen Trommelfeuers damals, als ‘Lähmung’ des Landes betrachteten. Was faktisch nicht der Fall war. Deshalb, um ein erneutes schwarzrot zu verhindern, machten sie diesmal ihr Kreuz bei der FDP statt bei der CDU. Die Umsetzung des FDP-Programms aber haben – außer ein paar Zahnwälten – nur ganz wenige gewünscht. Die Bedingung des FDP-Erfolgs also war gerade, dass sie ‘nicht liefern’ würde. Und ihr Abstieg erfolgte, als sie unbeirrt und lautstark unbedingt liefern wollte, und als die Menschen erkannten, dass dies am Ende furchtbarerweise der Fall sein könnte: “Alle Forderungen des FDP-Wahlprogramms wurden in der Koalitionsvereinbarung umgesetzt – versprochen, gehalten!” (Westerwelle). Da begann der absehbare Abstieg – die Schreckensmänner der neoliberalen Revolution entpuppten sich in der Folge dann als windbeutelige Verbal-Pinocchios, was ihnen auch nicht mehr auf die Beine half …

GAU und GNU

Dienstag, 15. März 2011

Mir stieß schon immer auf, dass der ‘Größte anzunehmende Unfall’, der GAU, nochmals hypersuperlativisch zum Super-GAU gesteigert werden kann, was wiederum die geschundene Grammatik lauthals jammern lässt. Letzteres wäre immer dann der Fall, wenn radioaktives Material aus dem Reaktorgefäß plötzlich ungeschützt unter freiem Himmel lodert, was laut Risikoanalyse gar nicht möglich schien. Wenn also schon der ‘Größte Anzunehmende Unfall’ derjenige ist, der zuvor als technisch eben noch ‘beherrschbar’ galt, dann schlage ich vor, für die Steigerung dieser Situation, wie sie jetzt in Japan eingetreten ist, den Ausdruck GNU zu verwenden, den ‘Größten Nichtanzunehmenden Unfall’ …

Der Reinheitsgebieter

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Verkehrsminister Peter Ramsauer, der in der Regierung sonst eher selten dumm auffällt, um mich hier mal eines Euphemismus zu bedienen, der will also jetzt den ‘Laptop’ durch den ‘Klapprechner’ ersetzen. Ich frage mich, was dann aber aus der schönen, multilingual angelegten Vokabel ‘Schlepptop’ würde?

Neologismen

Sonntag, 07. November 2010

In Gorleben erweisen sich die schwatzgelben Politiker als Verfüllungsgehilfen der Industrie.

Apropos …

Montag, 30. November 2009

Wer der Moderne oder der Incrowd angehören will, beweist die Zugehörigkeit unter anderem durch einen korrekten und hippen Sprachgebrauch. Daher immer daran denken: ‘Reklame’ oder ‘Werbung’ heißt heute Partnerangebot