Artikel mit ‘Neologismus’ getagged

Apropos …

Montag, 30. November 2009

Wer der Moderne oder der Incrowd angehören will, beweist die Zugehörigkeit unter anderem durch einen korrekten und hippen Sprachgebrauch. Daher immer daran denken: ‘Reklame’ oder ‘Werbung’ heißt heute Partnerangebot

Das Konken

Montag, 27. Juli 2009

Ich möchte ein neues Verb in die deutsche Sprache einführen. Durch das erhöhte Aufkommen ahnungsloser Internet-Trolle benötigen wir dringend das Wörtchen ‘konken’. Wer auf diese Art lauthals vor sich hin konkt, der füttert mal wieder rhetorisch sein virtuelles Feindbild, allerdings auf eine Art, die umgangssprachlich bisher annäherungsweise nur das ‘Honken’ beschrieb, er ‘hupt’ also krawallmäßig herum, statt sich um Argumente zu bemühen. Der Bedarf für diesen Neologismus zeigt sich übrigens auch hier

via: Jörg Wittkewitz

Neue Wörter sind Alltag

Freitag, 26. Juni 2009

Manche Zeitgenossen machen um neue Wörter viel Gewese. So hat der Kollege Detlef Guertler ein eigenes Blog dem Phänomen der Neologismen gewidmet – die Wortistik. Dabei spuckt doch die Sprache wie ein Vulkan ständig Neubildungen aus, zumindest dann, wenn man an den richtigen Stellen nachschaut, dort, wo die Kruste des Sprachgebrauchs dünn ist und die Magma des Neusprachlichen unbehindert an die Oberfläche treten kann. Die Rede ist natürlich von der Literatur. Ich habe mir einfach einmal einen Band Matthias Beltz aus dem Regal gegriffen [M.B.: Gut. Gesammelte Untertreibungen, Bd. I, 2004] und ihn an einer beliebigen Stelle aufgeklappt. Es war die Seite 78. Dort fand ich die folgenden Neubürger der Sprache:

1. Haßreklame
["Statt zu hassen, macht er öffentlich-widerrechtliche Haßreklame".]
2. vandalieren
["Ob Fußballfans nach Spielschluß durch die Stadt vandalierten, überall sei Haßanwendung festzustellen."]
3. Schmunzeldienst
["Nicht das Kabarett, das politischen Parteien und Bewegungen Schmunzeldienste leistet ..."]
4. Knallchargerei
["Die Komödie des kommunistischen Klassenhasses, der heute nur noch banalste, schauerlichste Schmiere ist, Knallchargerei einer untoten Kultur ..."]

Vier Neuwörter allein auf einer Seite – ich finde diesen Befund recht beachtlich. Noch erstaunlicher finde ich es, dass unser aller Denkapparat so eingerichtet ist, dass wir unmittelbar und ohne Erläuterung solche Neuprägungen auch verstehen. Nicht eines dieser Wörter überfordert uns – im Gegenteil: Sie wecken uns auf, amüsieren uns und fesseln unsere Aufmerksamkeit.

Dass also Neologismen allgegenwärtig sind, das kann – so sehe ich das – nur Journalisten wirklich erstaunen. Denn dort herrscht das große Dogma, wonach der Schreiber den Leser nicht überfordern dürfe, da sitzt der Redakteur mit der Schere im Kopf, der alles beschneidet, was ihm noch nie unterkam, dort wird ausschließlich auf das Bewährte zurückgegriffen, dort tanzen die Stanzen ihren Ringelreihen. Was aber gewonnen ist, wenn der Leser nicht überfordert wird, sondern permanent unterfordert, was also erstrebenswert daran sein soll, wenn er uns bei der Zeitungslektüre einschläft, das habe ich bis heute nicht begriffen …

Leben Modewörter ewig?

Donnerstag, 02. April 2009

Heute morgen blätterte ich in einem Band Friedrich Spielhagen (‘Das hast du auch noch nie gelesen’ lautete der Auslösereiz) und ich stolperte gleich über den ersten Satz: “Durch den Wald schlenderte lässig ein schlanker Knabe“. Gut, dieser Text ist derart daneben, das er fast wie eine Parodie auf seine Zeit wirkt – ‘schlendern’ kann man schließlich nur im urbanen Raum, nicht aber in einem Wald, wo alle Naslang Stubben. Äste und Brombeeren das beschwingte Schlendern ausbremsen. Mir aber ging es hier um das Wörtchen ‘lässig’. Denn der Roman ‘Das Sonntagskind’, worin dieser Satz sich findet, der erschien schon 1893. Irgendwann im frühen Wilhelminismus also entstand dieses Modewort ‘lässig’, damals, als erstmals ein junger Lebemann sich über die steife zeremonielle Art des Umgangs in der feinen gutbürgerlichen und adligen Gesellschaft ‘lässig’ hinwegsetzte. Das Wort klang für mich ein wenig nach ‘Oscar Wilde’, nach ‘Joris Carl Huysmans‘ oder generell nach einer Bohème, also nach großstädtischen Literatenzirkeln.

Gleichzeitig aber lebt das Wort in unserem Sprachgebrauch ungebrochen fort: ‘Lässig’ heißen bspw. diese PVC-Wickeltaschen, die umrahmt von den Endlosschleifen einer Belanglos-Musik auf sich aufmerksam machen möchten.  Satte 1,2 Mio. Treffer liefert uns Google für dieses Wörtchen ‘lässig’. Sterben also Modewörter am Ende gar nicht wieder aus, wenn ihre Zeit vergangen ist?

Es gibt einige Indizien für diese These. Das Allerweltswörtchen ‘geil’ für jene Lebenslagen, in denen die Menschen einer Generation zuvor vielleicht noch ‘knorke’ riefen, das gibt es nun schon, solange ich denken kann. Das hiphoppende ‘phat’ will auch so recht nicht wieder weichen, ebenso wie dieses ‘krass’ (Komparativ: ‘voll krass’; Superlativ ‘total krass’). Die bequeme Vorstellung also, wonach modische Sprachperlen auch mit der Mode kommen und gehen würden, die hinkt zumindest.

Es gibt allerdings auch Gegenargumente. So klingt ein Adjektiv wie ‘pfiffig’ derartig gestrig und nach miefigster Heinz-Rühmann-Zeit, das höchstens eine Änderungsschneiderei aus Bruchhausen-Vilsen es noch auf ihre Werbetafel setzen würde. Auch ‘schick’ oder ‘chic’ will nicht mehr so recht ziehen, wie überhaupt alles ‘Französische’. Jedenfalls imaginiere ich beim Adjektiv ‘schick’ die Botox-Blondine jenseits der Menopause gleich mit – samt Pelzstola und Perlenkette.

Vermutlich also – das war dann meine Schlussfolgerung, bei der ich mich wieder beruhigte – vermutlich sterben Modewörter zusammen mit jenen Sprechern aus, die sich dabei etwas denken können. Manchmal allerdings erweisen sich ‘Modewörter’ für die folgenden Generationen weiterhin als praktisch. Dann werden sie eben tradiert und am Ende gehen sie sogar in den allgemeinen Wortschatz über. Alle historischen Sprachwissenschaftler mögen mir mein hilfloses Gebrabbel hier verzeihen … oder das Gesagte besserwisserisch ergänzen.

Auf die Zwölf, ihr Sprachnörgler!

Freitag, 16. Januar 2009

Herzlich willkommen in unserer Gesellschaft, einer Anlaufstelle für schwache Verben und hässliche Substantive aller Sprachen, denen der Weg aus dem Regelmaß erlirchten werden soll”, so schallt es einem gleich auf der Homepage der ‘Gesellschaft zur Stärkung der Verben” entgegen.

Den Besucher erwartet eine herrlich dadaistische Angelegenheit, die endlich jene Faktoren in die Sprache zurücktrugen wullt, die ihr bei den Regelpaukern und Steißtrommlern à la Sick und Schneider abhanden kamen: als da wären Spaß, Freude und Spiel. Was schon zeigt, dass es auch im Reich des etymologisch begründeten Dadaismus nicht ohne Regeln geht, nur sind es eben Spielregeln, ohne die kein Jeu unter uns sprachbegabten Menschen möglich wäre. Es gibt jedoch keinerlei Zeugnisnoten und Beckmessereien wie bei den Sprachnörglern, die sich meist ja nur deshalb im falschverstandenen Interesse der Sprache ereifern, damit sie anderen vom Parnass des Bildungsbürgertums aus auf den Kopf spucken dürfen.

Wie anders, wie rätselhaft, wie durch und durch verspielt klingen dagegen solche Sätze von geradezu Arno Schmidt’scher Freiheit:

“Man ratt aber nicht nur dem Dativ und des Genitivs, sondern auch wieder einige von der Abschwächung gefuhrdene Verben: bestäuben, heften, schöpfen, taugen, wachen, weiden und das neu entdockene Präteritum spunn zu spannen fog Karsten der Roten Liste hinzu, die schon gar nicht mehr verbrittenen starken Verben berinen, bewellen, boßen, dehsen, delben, dimpfen, drinden, eren, erblinsen, erlaffen, glinden/glinzen, grinnen, griten, kalen, krien, lingen, nesen, phrangen, schwiechen, seben, staffen, stingen, teichen, trinnen und turren sowie neu entdockene Formen von bagen, belgen, blanden, breiden, breisen, bresten, bretten und brimmen der Schwarzen Liste. Karsten war es auch, der das unserer Kausativ-Abteilung neustzugegangene Bildungsmuster entdak: Analog dem Paar lernen/lehren bald er die Kausative entfehren, hahren und tuhren, Agricola die Ipsive abwernen und vermernen, Kilian den Ipsiv fürnen.”

Neutöner (1)

Dienstag, 02. Dezember 2008

Das ist wirklich ein schönes, neues Wort: Es spricht sich gut, es macht – anders als das verwandte ‘Plutokratie’ – den gemeinten Sachverhalt jedermann anschaulich und es schöpft aus der immer reich sprudelnden Quelle eines populären Sprachgebrauchs (Kommentar # 20):

Knetokratie

Denkfutter

Sonntag, 16. November 2008

Um einen Schriftsteller in Bezug auf Stil zu beurteilen, muß man ihm besonders auf die Freiheiten passen, die er sich mit der Sprache nimmt, und untersuchen, ob dabei auch Freiheit stattfindet.”
Friedrich Hebbel

Neue Wörter braucht der Verstand

Dienstag, 04. November 2008

Alldieweil ich just darauf stieß, halte ich dieses schöne Zitat zum Thema ‘Neologismus’ für alle Verbaltradtionalisten und Sprachnörgler hier umgehend fest. Denn es ist immerhin der allseits hochverehrte Herr von Goethe, der den Dudenaposteln derart die Luft aus den Reifen lässt:

Wenn einem Autor ein Lexikon nachkommen kann, so taugt er nichts“.