Artikel mit ‘Öffentlichkeit’ getagged

Halböffentlich?

Dienstag, 31. August 2010

Die ersten Sätze entscheiden, ob ein journalistischer Text für mich überhaupt lesbar ist. Denn hier breitet der Autor seine Prämissen vor mir aus. Ein Tisch aber, der auf wackeligen Füßen steht, bricht zusammen, wenn man sich an ihn setzt. Da mag er noch so lecker gedeckt sein. Und vom Fußboden mag ich nicht essen …

Im aktuellen Spiegel (35/2010) findet sich ein Artikel von Reiner Klingholz, immerhin Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, in dem er sich mit dem leidigen Thema unseres selbsternannten Genetik-Deterministen Thilo Sarrazin befasst. Unter dem Titel “Ausländer her” macht der Autor, wiewohl in guter Absicht, schon beim Aufbau so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Da der Text (noch) nicht online steht, zitiere ich hier nach der guten alten Dampflok-Methode aus den Seiten 129 – 131 des gedruckten Spiegel.

Nach dem einleitenden und zutreffenden Vorwurf, Thilo Sarrazin habe mit seinem Buch eine rationale Diskussion über Zuwanderung “abgewürgt”, breitet Klingholz seine krude Einschätzung der entstandenen öffentlichen Lage vor uns aus:

“Denn die Diskutanten hat [Sarrazin] in zwei Lager gespalten: in eine fraktionsübergreifende Entrüstungsfraktion, der sich Personen im öffentlichen Raum nur schwer entziehen können; und in den halböffentlichen Foren-und-Blogger-Stammtisch, der Sarrazin mehrheitlich Beifall zollt.”

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Beerdigung der Öffentlichkeit

Mittwoch, 18. November 2009

Ich habe mir einfach mal die Mühe gemacht, in meiner Dissertation alle Zitate und Annotationen kapitelweise durchzuzählen. Es sind mehr als 400. Ginge es nach den neuentwickelten Rechtspositionen deutscher Verleger, dann hätte ich damals schon mehr als 400 Mal gegen ihr ominöses ‘Leistungsschutzrecht’ verstoßen, das sie sich jetzt für den weihnachtlichen Gabentisch von der Politik wünschen. Jedenfalls klingt ganz so der ‘Leistungsschutzexperte’ Mathias Schwarz auf den Zeitschriftentagen (noch so’n Beispiel übrigens für die grassierende Expertenepidemie, die längst vom ‘Aasgeier-’ bis zum ‘Zystologieexperten’ reicht):

“Zur Bedrohung werden Rip-Offs für die bestehende Presse insbesondere dann, wenn nur kurze, aber mit hohem professionellen Aufwand erstellte Textausschnitte übernommen werden, für die nach deutschem Recht kein Urheberrechtsschutz besteht.”

Bei den ‘Rip-Offs’ – einem neuentwickelten Kampfbegriff, der ein angeblich kriminelles Tun aus durchsichtigen Gründen ratzfatz ins Wortbild packt – handelt es sich schlicht um unsere guten alten ‘Zitate’. Deren Gebrauch ist im deutschen Zitatrecht längst völlig zureichend geregelt. Dazu zählt zum Beispiel auch jenes Zitat ein paar Zeilen weiter oben, wo ich den Herrn Schwarz ‘im O-Ton’ mit einem Satz zu Wort kommen ließ, um seine mentale Verfasstheit zu illustrieren.

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Den PR’lern dämmert da was:

Samstag, 11. Juli 2009

Die Vernetzung der Menschen untereinander durch das Social Web löst die Einflusssphäre der Massenmedien zusehends auf und öffentliches Vertrauen entsteht nicht mehr nur durch die Komplexität reduzierende konstruierte Wirklichkeit der Medien, sondern immer mehr im direkten Zusammenspiel der Menschen untereinander – vermittelt nur durch technische Plattformen. Das hat für Public Relations herkömmlichen Zuschnitts die Konsequenz, dass sie der Gesellschaft ein kommunikatives “Instrumentarium” anbietet, das so nicht mehr gebraucht wird. (…) Warum sollen Unternehmen noch PR-Agenturen dafür bezahlen, “mediengerechte” Inhalte wie Pressemitteilungen, Fachartikel, Statements, ja selbst derzeit so angesagte Dinge wie Videos und Social Media Newsrooms zu produzieren, wenn die Empfänger dieser Instrumente – die journalistisch-redaktionell arbeitenden Massenmedien nämlich – auf den Prozess der öffentlichen Vertrauensbildung immer weniger Einfluss haben?”

Gute Frage! Nächste Frage?

Charakterliche Defizite

Dienstag, 12. Mai 2009

Mein Opa, der bekanntlich ein weiser und gesetzter Mann war, der nannte das Ergebnis einer solchen Diagnose schlicht ‘Nachweis eines charakterlichen Defizits’. Gerd Monsees, der vorlaute Nachbarsjunge von nebenan, der drückte sich noch schlichter aus und sagte, dass die “inzwischen doch alle einen an der Waffel” hätten. Und Don Alphonso, der Verfasser hier, spricht gar von “Pudelgewinsel”. Auch das ist natürlich nicht nett …

Worum es geht? Ach so – mal wieder um unseren lohnschreibenden Berufsstand, der in satter Selbstzufriedenheit versumpft ist. Es war ja auch unausweichlich: Denn lange konnte diesen Leuten niemand an den Karren fahren, weil der deutsche Journalismus höchstselbst das Monopol auf jene Produktionsmittel besaß, mit deren Hilfe sich jede Kritik hätte artikulieren müssen. Das Gatekeeper-Monopol ist nämlich ein echtes Zwei-Wege-System – es wählt einerseits aus, welche Außeninformationen für ein gelenktes Publikum relevant sind, und es lässt andererseits unerwünschte Binneninformationen auch nicht heraus. Was dazu führte, dass selbst die berechtigte Kritik ‘unerhört’ blieb und sich nur in einer nichtöffentlichen Gummizelle oder im engsten Familienkreis austoben durfte. Anders ausgedrückt: Wer wollte schon Kritisches über sich selbst drucken, wenn das gar nicht nötig tut? Und das, was nicht gedruckt wurde, das war schließlich auch gar nicht passiert. Allenfalls lästerte mal ein ‘Nestbeschmutzer’ wie Fritz J. Raddatz öffentlich los, hier über die damalige ZEIT-Feuilletonredaktion:

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