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Max Weber hat doch recht

Donnerstag, 22. Juli 2010

Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung bedeutet (…) nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen, unter denen man steht. Sondern sie bedeutet etwas anderes: das Wissen davon oder den Glauben daran: daß man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, daß es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, daß man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet die Entzauberung der Welt. (…) Dann allerdings könnte für die ‘letzten Menschen’ dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz, dieses Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.” (Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus)

Tscha – weit haben wir’s gebracht! Wenn diese typischen Figuren unserer durch und durch rationalisierten Moderne dann – dumpfschmerzlich ihren existenziellen Mangel empfindend – sich an einer erneuten ‘Verzauberung der Welt’ versuchen, dann reicht ihre kulturelle Potenz, historisch gesehen, entweder nur zu einem mythosbesoffenen Nationalsozialismus im wagalaweienden Wagnerkostüm oder zu einem schlechterdings tierisch-egoistischen Mammonismus, der sich aus Mangel an Geist über seine erbärmliche Existenzweise gleich gar keine Gedanken mehr zu machen pflegt …

Vom Pessimismus

Mittwoch, 12. Mai 2010

Als Realistenkrankheit wird der Pessimismus oft zutreffend bezeichnet: Es gibt kein Davonschweben in den blauen Himmel des Idealismus, wo endlich unsere Welt so erscheinen darf, wie sie leider nicht ist. Er macht sich keine Illusionen von den Menschen, die im Kern ganz anders sein sollen, als man sie auf der Straße antrifft. Er macht keine hohlen Versprechungen von ewiger Jugend, von immerwährendem Fortschritt und bleibendem Wohlstand, heute meist ‘Wellness’, ‘Wachstum’ und ‘Besitz’ genannt. Die ‘Facts of Life’ werden ohne mit der Wimper zu zucken fest ins Auge gefasst – und das Resultat ist erwartbar fürchterlich: Alles ist so, wie es ist.

Mir fällt – von Grimmelshausen bis David Foster Wallace – aus dem Stand kein großer Schriftsteller ein, der im Kern nicht Pessimist gewesen wäre (außer Günter Grass vielleicht). Die resultierenden realistischen Texte klingen meist sehr vernünftig, in ihnen gibt es auch kein hochgestimmtes und -gestemmtes Pathos im Stile Horst Köhlers. Hier der Standpunkt des Ahnherrn aller Pessimisten:

“Ein eigentümlicher Fehler der Deutschen ist, daß sie, was vor ihren Füßen liegt, in den Wolken suchen. … Um die einfachen menschlichen Lebensverhältnisse, … also Recht und Unrecht, Besitz, Staat, Strafrecht u.s.w. zu erklären, werden die überschwänglichsten, abstraktesten, folglich weitesten und inhaltsleersten Begriffe herbeigeholt, und nun aus ihnen bald dieser, bald jener Babelturm in die Wolken gebaut … Dadurch werden die klärsten, einfachsten und uns unmittelbar angehenden Lebensverhältnisse unverständlich gemacht, zum großen Nachteil der jungen Leute, die in solcher Schule gebildet werden, während die Sachen selbst höchst einfach und begreiflich sind … Bei gewissen Worten, wie da sind Recht, Freiheit, das Gute, das Sein (dieser nichtssagende Infinitiv der Kopula) u.a.m. wird dem Deutschen ganz schwindlich, er gerät alsbald in eine Art Delirium und fängt an, sich in nichtssagenden, hochtrabenden Phrasen zu ergehen, indem er die weitesten, folglich hohlsten Begriffe künstlich aneinanderreiht, statt daß er die Realität ins Auge fassen und die Dinge leibhaftig anschauen sollte, aus denen jene Begriffe abstrahiert sind und die folglich ihren alleinigen wahren Inhalt ausmachen.”

Wie hätte ein Arthur Schopenhauer erst unseren heutigen Politikern, diesen Reitern über den Bodensee, die Luft aus den Reifen gelassen! Ihren spekulativen Blasen im grundlosen Himmelblau eines verkommenen und phrasenverwanzten Idealismus, diesem “Europa des Friedens und der Freiheit“, der “Zuversicht in die Zukunft“, dem “Schöpfen aus dem Bewusstsein des Möglichen“, dem “mitfühlenden Liberalismus” gar, dem “Mut zu langfristigen Konzepten“, die doch selten länger als eine Legislaturperiode währen, der “Verlässlichkeit in den Maßstäben und Werten“, dem “freien Wirken der Märkte“, den “neuen Chancen und Möglichkeiten” oder jener “starken und verlässlichen Partnerschaft“, von der schon in der eigenen Partei, vollends aber in der Realität, so wenig zu finden ist. Das Problem dieses ebenso dahergeleierten wie verblasenen politischen Idealismus in all seiner pastoralen Selbstüberhöhung besteht darin, dass die Resultate stets im Gegensatz zum Beschworenen und Verkündeten stehen. Aber man fühlt sich erhoben! Es ist blanker Schamanismus. Der politische Idealismus bewirkt zudem eine umgekehrt mephistophelische Situation: Er ist die Kraft, die stets vom Guten tönt, und stets das Schlechte schafft. Dann doch lieber Pessimismus … er ist ehrlicher.