Artikel mit ‘Polemik’ getagged

Untauglicher Versuch

Freitag, 29. Juli 2011

Ulf Poschardt versucht, Henryk M. Broder vor jenem ideologischen Tsunami zu retten, der aus Norwegens Fjorden derzeit auf unsere Rechtspopulisten zurollt. Dem Broder sei das gegönnt. Eine “Blamage” sei es, so Poschardt, wie mit Deutschlands wortmächtigstem Provokateur jetzt umgegangen wird. Natürlich mal wieder von den ‘Gutmenschen’. Um einem solch argumentativen Salto Mortale einen Anschein von Restplausibilität zu verleihen, bedarf es zunächst einer krassen und fast schon karikaturhaften Verzeichnung des schrecklichen Simplifikators zum streitbaren Humanisten:

“Wer in bewusster Verkennung Broders dessen anarchischen Humor und seinen kämpferischen Humanismus in den Zusammenhang mit einem Massenmord eines wohl persönlichkeitsgestörten Attentäters bringt, sortiert die Welt allzu simpel nach Gut und Böse und errichtet einen moralischen Hochsitz, von dem aus die Debatte herrschaftlich verwaltet werden soll.”

Über den Hochsitz als Verwaltungseinrichtung mögen Berufenere nachdenken. Ansonsten ist es ein altes Lied – die publizistische Herrschaft üben mal wieder die anderen aus, so als ob nicht jahrelang und in allen erreichbaren Kolumnen Islam und Islamismus über einen Kamm geschoren worden wären. Simpel wäre demnach nicht der Broder, simpel wären vielmehr die Kritiker, vermutlich jene linke Geistesverschwörung Hirnamputierter, die in Broders monothematischer Lego-Welt immer im Zentrum des narrativen Fäkabulierens steht … keinesfalls aber unser “Tag und Nacht hämmernder Polemikroboter der deutschen Publizistik”, der allen Affen so hingebungsvoll und säckeweise den Zucker in den Mors bläst.

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Don’t feed the trolls?

Samstag, 02. Juli 2011

Wir dürften mit jenen unangenehmen und psychopathischen Zeitgenossen gar nicht erst reden, die ihr mentales Ungenügen sich selbst gegenüber gern als verkannte Brillianz solitärer Genies zu rechtfertigen suchen. So jedenfalls lautet im Kern eine Anweisung, welche die Blogosphäre allen Newbies im Umgang mit den Mühseligen und Beladenen des Intellektualgeschäfts erteilt – in der Kurzform: “Don’t feed the trolls!”

Ich frage mich, ob die Ignoranz-Regel in jedem Fall zutrifft. Wenn der Return im gegnerischen Strafraum so schmerzhaft einschlägt, wenn ihm die eigene Medizin gleich literweise eingetrichtert wird, wie in diesem Beispiel aus dem Dummy-Blog, dann hat doch auch der Umgang mit dem Geschmadder defizitärer Trolle immer einen gewissen Unterhaltungswert. Mit anderen Worten: Ich plädiere für einen flexiblen Umgang mit diesen Hasskappen der Blogosphäre … nach der Regel: Wenn du zum Troll gehst, dann vergiss die Peitsche nicht.

[EDIT: An den Troll, der sich hier unerkannt vorkommt: Für Ihre abstrusen und wirren Hass-Postings ist hier kein Platz, mit so etwas befasse ich mich nicht. Und verschonen Sie uns mit diesen dämlichen Nachträgen, das hatten wir ja schon im März. Ihre Fähigkeiten scheinen ja zurecht nirgends gefragt zu sein - aber weshalb sitzen Sie dann bei dem schönen Wetter vor der Kiste und schieben Frust?

Diese Ansage im Kommentarfeld ist nur nötig, weil Sie natürlich zu feige sind, eine korrekte Mail-Adresse anzugeben. Aber Sie werden's lesen, so gründlich, wie Sie sich mit uns gerade befassen, da bin ich mir sicher. Schönes Wochenende noch, und passen Sie mit dem Alkohol auf.]

Jan Fleischhauer

Montag, 28. Februar 2011

Der erzkonservative Spiegel-Autor Jan Fleischhauer ist bei den Brands-Tweeties bekanntlich für die große Pauke zuständig. Sein Einsatz kommt immer dann, wenn es mit großem Tamtam gilt, den gesunden Menschenverstand kräftig gegen den Strich zu bürsten. So auch in diesem Artikel, wo er dem Ex-Doktoren und Ich-Bin-So-Freiherren Karl Theodor zu Guttenberg den letzten Bärendienst erweist.

Zunächst einmal beharrt er auf der großen Verharmlosung, dass es sich nämlich in der Causa Guttenberg bloß um eine “unverzeihliche Schlamperei bei den Fußnoten” gehandelt habe. Besonders drollig aber ist sein zentrales Argument, wonach jene empörungssüchtigen Linken völlig falsch lägen, die jetzt einen Verfall bürgerlicher Werte ausgerechnet bei einer bürgerlichen Partei wie der Union witterten – 23.000 Doktoren und Doktoranden müssen also wohl irren. Schließlich sei – tätä! tätä! – der Guttenberg ja gar kein Bürgerlicher, sondern im Gegenteil ein scharlatanesker Hallodri aus dem Adel, zu dessen Wesen das Blendertum schon immer gehört habe.

Ohne dem Adel jetzt zu nahe treten zu wollen – ein Kompliment eines Konservativen an nobilitierte Konservative ist dieser Schlenker sicherlich nicht. Ganz abgesehen davon, dass bei einer solchen kruden Klassenanalyse Fleischhauers soziologische Uhr wohl Anno 1918 zu ticken aufgehört hat, spätestens jedoch 1945. Inzwischen leben wir längst in einer ‘bürgerlichen Gesellschaft’, auch wenn mancher noch ein ‘von’ im Namen trägt und die grünen Blätter unter Floristinnen florieren. Hinzu kommt – dass von Merkel über Schäuble bis hin zu Seehofer – es doch durch die Bank Bürgerliche sind, die jetzt beim taumelnden Adelsspross die kommunikativen Kammerdienerdienste versehen. Was ist denn mit denen? Verraten diese ‘Bürgerlichen’ etwa keine ‘bürgerlichen Werte’?

Besonders lustig wird es immer dann, wenn der Eigenfleischhauer, selbst eines Doktortitels unverdächtig, sich seinen wahren Gegnern, einer imaginierten Linken, zuwendet. Deren Weltbild lutscht er sich einfach aus den Tatzen – bzw. wringt er es sich aus den eigenen biographischen Erfahrungen heraus, die faktisch dem deutschen Herbst entstammen und inzwischen längst in tiefen Winterschlaf versunken sind:

“Gerade Linke sollten Klassenunterschiede kennen, ihr ganzes Theoriegebäude beruht schließlich darauf, aber irgendwie scheint den heutigen Vertretern die Erinnerung an die Grundbegriffe des Marxismus abhanden gekommen zu sein, was nur den Schluss zulässt, dass die meisten tief und fest geschlafen haben, als die Kritik der politischen Ökonomie an der Reihe war.”

Ja, das heißt dann wohl diesen Linken den Vorwurf zu machen, dass sie nicht länger marxistisch und klassenkämpferisch sind, dass sie also gar nicht so sind, wie sie nach Ansicht des wirren Autors doch zu sein hätten – kurzum: Heute lustiges Popanzbasteln bei Familie Fleischhauer. Vielleicht kann dem guten Mann mal jemand flüstern, dass Linkssein heutzutage keineswegs mehr auf marxistischen Fundamenten ruht, sondern auf jenen schlichten drei Losungsworten der französischen Revolution – mit einem Akzent auf den letzten beiden. Was mich wiederum zu dem Schluss führt, dass der Jan Fleischhauer wohl “tief und fest geschlafen” haben muss, seit der Marxismus samt dialektischem Materialismus zu Grabe getragen wurde. Er tollt dort wie das ewige Kleinkind in seiner bunten Lego-Welt herum, schmäht noch immer seine Eltern, und schmeißt mit Kamelle jenseits jeden Verfallsdatums …

Nutzen der Füllwörter

Montag, 05. Juli 2010

Wolf Schneider ist einer der größten Eiferer gegen jeden Einsatz von Füllwörtern. Nicht ohne Grund: Kehrte doch mit ihrem Einsatz Verpöntes in den ‘objektiven Qualitätsjournalismus’ zurück: die Wertung, der Sarkasmus, die Ironie, manchmal gar der Humor. Betrachten wir zunächst den unnötigen Einsatz von Fürwörtern.

Auf geplante Steuerersenkungen musste Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten” – das wäre ein ganz normaler Schnarchsatz aus jeder provinziellen Redaktionsschmiede in Deutschland. Ein kleines ‘hinweisendes Fürwort’ aber, eine Deixis, und schon zeigt der Finger auf den notorisch Erfolglosen: “Auf geplante Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten“. Eine sarkastische Note ist dadurch in den Text hineingeraten, nur deshalb, weil der Schreiber plötzlich fürwortgestützt mit dem Finger auf den Übeltäter zeigt, ihn sozusagen persönlich in die Verantwortung nimmt. Mit einem weiteren ‘besitzanzeigenden Fürwort’ ließe sich ihm die Niederlage noch fester ans Bein binden: “Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten“.

Noch schlimmer wäre der Einsatz eines weiteren färbenden Füllworts namens ‘auch’, dass den Vorgang in eine Reihe von vergleichbaren Niederlagen einbände: “Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig auch verzichten” … die Nachricht über ein Faktum verwandelt sich prompt in den Abschluss einer mitgedachten polemischen Aufzählung. Richtig rund würde dies Verfahren durch ein zusätzliches ‘noch’: “Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig auch noch verzichten“. Jetzt ist der Gipfel erreicht, den Eisbecher krönt die Kirsche, dieses letzte Ereignis in einer ganzen Kette setzt dem Nichtskönner die Eselsmütze aufs Haupt.

Zwar wurde der Satz durch jedes dieser ‘Füllwörter’ länger, aber er wurde dadurch eben nicht schlechter, allen journalistischen Ratgebern und Stiltröstern zum Trotz. Nur die ganz hartgesottenen FDP-Parteigänger fänden ihn wohl mit jedem Füllwort empörender. Selbst ‘schwammigste’ Worthülsen gewinnen in diesem wert(ungs)steigernden Füllwort-Verfahren ihren Sinn, oft sogar geradezu polemische Durchschlagskraft. Nehmen wir folgendes Faktum: “Angela Merkel regiert die Bundesrepublik Deutschland mit einer schwarzgelben Koalition seit Oktober 2009“. Es genügt hier ein einziges Füllwort, das an die Girlande angehängt wird wie eine Narrenschelle, um die Ironie erblühen zu lassen: “Angela Merkel regiert die Bundesrepublik Deutschland mit einer schwarzgelben Koalition seit Oktober 2009 irgendwie” …

So kann’s kommen:

Samstag, 19. Juni 2010

Mein gutes, altes Wörterblog, das ich im Dienste Holtzbrincks bis 2008 führte, existiert zu meinem Erstaunen immer noch. Dort werkelt jetzt ein Matthias Fuhrmann, der sich den Lesern folgendermaßen vorstellt:

“Als Neologist und Wortvirtuose verschrien, habe ich mir die Kunst der deutschen Sprache über Jahre hinweg angeeignet. An wichtiges Anliegen ist die Schönheit unserer Sprache zu vermitteln und kleine, aber alltägliche Fragen zur Rechtschreibung aus der Welt zu schaffen.”

Ein “An-Eigner” also mit viel Weder und Noch, fällt mir altem Beckmesser da doch ein: Denn ein “Neologist” ist weder, wer rosinenpickerisch ausgewählte Fragen der Orthographie unter ewig gleichen Headlines in immergleicher Sprache abnudelt. Noch sollte ich mich einen “Sprachvirtuosen” nennen, wo ich doch gleich im ersten Text alle Fragen “aus der Welt schaffen” möchte, um blitzeschwingend Platz für meine Verdikte aus dem bleigrauen Himmel Konrad Dudens herab zu schaffen. Auch existiert zwischen “klein” und “alltäglich” kein Gegensatz, der mit einem “aber” zu akzentuieren wäre. Sei’s drum …

Das “Verschrien” aber, das könnte hinhauen, wenn’s auch in meinen Augen ruhig ein Buchstabe mehr sein dürfte, neue Rechtschreibung hin oder her. Denn bei der “Kunst der Sprache” wird jeder Satz ein Beweis. Auch der dümmste …

Jenseits des dpa-Stils

Donnerstag, 28. Januar 2010

Mal angenommen, eine große deutsche Zeitung gäbe einem berühmten südamerikanischen Schriftsteller den Auftrag, ihr einen Text über die deutsche Politik zu verfassen. Der Gast, in dessen Heimat die Unterhaltung des Lesers im Vordergrund steht, beginnt sein Elaborat ungefähr so:

“An der Spitze der deutschen Politik steht eine Frau in eng geknöpften Kostümjäckchen von gewagter Farbe, die sich beim Laufen ständig bemühen muss, nicht auf ihre Mundwinkel zu treten. Ihrem Stellvertreter fehlen eigentlich nur Kreissäge und Bambusstöckchen, um als Fred-Astaire-Parodie durchzugehen …”

Als die deutsche Redaktion daraufhin Redigierbedarf anmeldet, reist der Gast empört zurück in sein Heimatland, dorthin, wo man offene und unterhaltsame Worte noch zu schätzen weiß …

Mit Prominenten reden

Samstag, 13. Juni 2009

Hört man Journalisten und auch Politikern zu, dann scheint es vielen von ihnen vor dem direkten Kontakt mit dem Demos zu grauen, sie haben eine Publikumsallergie. Von dort her sollen Kübel voll Dreck und Pöbeleien den arglosen “Personen des öffentlichen Lebens” entgegenschwappen, durch die offenen Kommentarspalten des Web 2.0 habe sich die Zahl verbaler Mistfuder aus Ehrabschnipseleien und Lynchaufforderungen nochmals potenziert. Selbst unsere Familienministerin müsse sich ‘Zensursula’ nennen lassen oder ‘von der Laien’. Als gebildeter Mensch könne man sich von solch einem, nämlich seinem Publikum nur noch fernhalten, um sich nicht an ihm die Finger schmutzig zu machen. Keinesfalls aber dürfe man auf das Niveau einer demokratischen Augenhöhe herabsinken, jedenfalls nicht ohne Leibwächter an seiner Seite.

Begreiflich also, dass viele Schreiber und Politiker für eine Internet-Zensur plädieren, um all dem postmodernen Dreck zu entkommen. – - – Begreiflich? Schauen wir mal, was schon am 8. Mai 1950 ein veritabler Literaturnobelpreisträger, ein hochgebildeter Mensch also, seinem innig geliebten Senator schrieb – lange bevor es irgendwo ein Internet gab:

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Unfassbar fies sein

Montag, 18. Mai 2009

Zu manchen Gelegenheiten möchte jeder Schreiber richtig gemein sein – und auch mal kräftig ausschenken. Da wir aber im Mimosen-Zeitalter leben und hinter jeder Straßenecke abmahnbereite Anwälte lauern, gilt es, die richtige Taktik zu wählen, um diese Straßenräuber ins Leere laufen zu lassen. Zum Beispiel durch übertriebenes Lob, zum Beispiel durch vergiftete Komplimente – oder aber durch das ‚Aus-dem-Sarg-heraus-Reden’, aus dem Sarg der anderen natürlich, von wo aus man mit gebrauchten Zitaten zuschlägt. Am Beispiel unserer Paragraphenritter illustriert zum Exempel so: “Die Kunst der meisten Juristen erschöpft sich doch darin, bei der Rechtsbeugung Formfehler zu vermeiden” (Carlos Widmann). Kurzum: ein Zitat ist immer nur ein Zitat – es ist durch die Autorität eines großen Verstorbenen gedeckt und auch kaum justiziabel.

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Alte Leserbriefe

Donnerstag, 27. November 2008

Hihi – ich habe mal in den Dateien alter Leserbriefe gestöbert. Das war noch Polemik, zu der Zeit ging einem beim Blick in die Zeitung noch der Hut hoch! Ich muss sagen, ich bin doch arg zahnlos geworden. Gedruckt wurden sie übrigens damals alle.

1. Ein früher ‘Karikaturenstreit: Der Zeichner Til Mette hatte in der Bremer taz Ungehöriges zu Papier gebracht. Der Text wurde am 12. 2. 1998 verfasst und brachte mir viel Ärger mit der revolutionären Frauenzelle ‘Lila Periode’ ein:

“Wenn sich Frau X über ein Bild empört, erfahre ich sehr viel über Frau X – und wenig über das Bild. Sicherlich, Til Mette hat schon bessere Karikaturen geliefert. Ein guter Witz trifft wie ein Blitz, und hier muß ich mir das Was-hat-er-möglicherweise-mal-gemeint mühsam zusammen klamüsern. Langeweile aber macht aus einem alten Kämpen noch keinen enttarnten Sexisten.

Viel lustiger sind die Pawlow’schen Reflexe, die bei der Leser- und Leserinnenschaft einschnappen, wenn sie eine Frau vor einem Mann knien sehen, dazu auch noch mit dessen Schniedel im Mund. Hier liegt der eigentliche Kern der Entrüstung: Fellatio ist politisch nicht korrekt! Jedes altlinks analytisch geschulte Denken erkennt sofort die „gschlächtspitzüphüsche“ Symbolik der gedemütigten und unterdrückten Sklavin vor ihrem Pascha. Und bewundert sich selbst und die eigene gedankliche Tiefe!

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