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Wenn, wenn, wenn …

Freitag, 08. April 2011

Konditionalsätze scheitern zumeist nicht erst an einer unzulässigen Schlussfolgerung, sondern oft schon an der Prämisse, die sie eingangs setzen. Trotzdem wirken sie im Politbetrieb deshalb überzeugend, weil sie aus einer blindlings erhaschten Voraussetzung folgerichtige Schlüsse zu ziehen scheinen. “Wenn im Himmel Jahrmarkt wäre …” so pflegt der Volksmund diese Form der angewandten PR-Sprache zu glossieren. Hier ein besonders inhaltsleeres Beispiel – mit nachfolgender Dekonstruktion:

“Wenn sich die Union dazu durchringen könnte, mehr partizipative Elemente in ihre parteiinterne Willensbildung aufzunehmen, wenn sie im Gegensatz zu Hamburg oder Baden-Württemberg wahltaugliche Kandidaten aufstellen würde und wenn sie Innovationsfreudigkeit mit Traditionalismus zu verbinden vermochte – könnte sie wirkungsvoll ihre Zukunftskompetenz nachweisen.”

1. “Mehr partizipative Elemente in der parteiinternen Willensbildung”: Abgesehen mal von dem Floskelcharakter dieser rundgelutschten Sprache, Mitgliederbefragungen führen die Parteien jeder Couleur schon seit den 80er Jahren durch. Was hat es genutzt? Die Beschlusslagen werden zumeist von den ‘Realpolitikern’ unter Verweis auf ‘Sachzwänge’ rasch wieder kassiert. Solange derartige Befragungen nicht verbindlich sind, sondern nur – wie hier – als “Spurenelemente” und Parteivolksberuhigungsmaßnahmen eingeführt werden sollen, ist eine solche Forderung schlichtes Faselblasülz. Außerdem ist die werte Wählerschaft nicht umstandslos mit der Mitgliedschaft einer Partei gleichzusetzen …

2. “Wahltaugliche Kandidaten”: An wen mag er bloß gedacht haben? Gottschalk? Justin Bieber? Hinter dieser Vorstellung steckt eine geradezu pop-musikalische Auffassung von der Politik: Ein Star, und schon drängen die Fans massenweise ins Parteikonzert. Der Gegenbeweis ist denkbar einfach: Die Grünen gewinnen derzeit, obwohl bei ihnen weit und breit kein Publikumsmagnet in Sicht ist. Anders ausgedrückt: Glaubwürdigkeit ist inhaltlich und eben nicht personell zu verorten …

3. “Innovationsfreudigkeit mit Traditionalismus verbinden”: Das ist nun eine blanke Sprechblase, dazu noch eine Paradoxie – der Mann musste hierzu nur Feuer mit Wasser verbinden, um jede Menge heißen Dampf zu erzeugen …

Kurzum – der Beweis, dass die Wahlniederlagen vom 27. März geradezu die Voraussetzung für den Triumph von Schwarzgelb im Jahr 2013 seien, der ist unter diesen ‘Konditionen’ nicht zu haben. Von einem renommierten Markt- und Sozialforscher hätte ich doch ein wenig mehr erwartet, als uns das ‘Prinzip Hoffnung’ auf eschatologischer Ebene zu verkünden: “Liebe Gemeinde der vereinigten Wirtschafts- und Atomfreunde, die wir uns hier um diesen Artikel versammelt haben – immer wenn ihr denkt, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her!” Ein Lichtlein – aber keine Leuchte …

Missgeburten

Sonntag, 28. März 2010

Um in der Politik, aber auch im Rattenrennen des ‘modernen Qualitätsjournalismus’, mithalten zu können, ist nach übereinstimmender Ansicht aller Experten vor allem eine Basisqualifikation absolut unerlässlich: das Beherrschen der deutschen Sprache in Wort und Schrift. Dies ist bekanntlich ein Anspruch, den auch unsere Verleger wie eine Monstranz vor sich hertragen. Werfen wir zur Überprüfung des Sachverhalts einen Blick auf die Realität:

Für die sich im Negativtrend befindliche schwarz-gelbe Koalition im Bund setzt Peter Altmaier, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, schon zu Ostern auf die verfrühte Niederkunft des Heiligen Geistes, der laut christlicher Lehre erst zu Pfingsten vom Himmel auf die Menschheit niederkommt. … “Ich hoffe auch, dass wir ein bisschen vom heiligen Geist besucht werden, auch wenn das erst an Pfingsten traditionell angesetzt ist.” … Und im Übrigen: Die SPD, die in der Opposition ist, würde sich ,von’ schreiben, wenn sie in der Nähe der Zahlen wäre, die die CDU jetzt immer noch hat.” …

Zunächst einmal stoßen wir auf diese prall gestopfte Partizipialwurst: ” … die sich im Negativtrend befindliche schwarz-gelbe Koalition im Bund …“. Der Herr Altmaier, wahlweise auch der beteiligte Journalist, verwechselt hier den Befund einer stimmungsvollen ‘Befindlichkeit’ mit dem logisch erforderlichen Partizip Präsens, die Koalition hätte demnach eine ‘sich befindende’ zu sein. Aber Wurst oder Trend – wo doch der Heilige Geist bereits hochschwanger ist, die politischen Wehen immer nrw-mäßiger zwicken und der religiöse Zeitgeist deshalb einer vorzeitigen ‘Niederkunft’ entgegensieht! Denn eine Frühgeburt soll’s bitte schön werden, ein Säugling, der vom ersten Lebenstag an schon imstande sein soll, Visite zu machen. Allerdings soll dieser Besuch nur ‘ein bisschen‘ stattfinden, was ungefähr so sinnvoll ist, wie nur ‘ein bisschen’ mit der Sprache rumzuhuren, ‘ein bisschen’ schwanger zu sein oder ‘ein bisschen’ sich in die Politik zu begeben. Warum – um es mit der Kritik nicht zu übertreiben – die SPD sich jetzt ‘von’ schreiben sollte, das weiß wohl nur jemand, den der Heilige Geist derart funzelig erleuchtete, dass er überall schon dreifaltige Osterhasen an der Krippe betend zu sehen wähnt.

‘Krise’ – gibt es nicht:

Samstag, 06. Februar 2010

Im gehobenen Sprachgebrauch heißt es immer nur ‘Probleme bei der Außendarstellung’ oder ‘missverständliche Kommunikation’. Deshalb wird bei dem Treffen, das einige unverantwortliche Journalisten schon eilfertig die ‘FDP-Krisensitzung’ tauften, stundenlang nur über ein Thema geredet werden, das laut Parteichef thematisch doch gar nicht existiert. Es sei halt eine typische ‘Arbeitssitzung’, auch wenn dort kein Mensch im strengen Wortsinn arbeiten wird – außer den Kellnern vielleicht. Auch Lady Cornelia Helmchen, die intellektuelle Leuchtturmwärterin des Liberalismus in Deutschland, bestätigt mich in meiner Nullsprech-Diagnose:

“Die stellvertretende FDP-Vorsitzende Cornelia Pieper wies allerdings am Freitag Berichte zurück, es handele sich um eine Krisensitzung.”

Kollektivmonolog

Freitag, 05. Februar 2010

Es war zwar der Günther Anders, der das Wort vom ‘Kollektivmonolog‘ prägte, und dies auch noch in einem anderen Zusammenhang. Als Bezeichnung für das, was ein heutiger Leser erblickt, schaut er auf die Verbalsteppe aus Tagesjournalismus und Politröhricht, wo nur nur hie und da noch ein verirrter Tumbleweed frucht- und ziellos durch die endlosen und dürren Zeilen staubgrauen Gemöhres rollt, taugt das Wort aber auch …

Das Frage-Nichtantwort-Spiel

Samstag, 18. Juli 2009

Politiker dürfen fast alles – vor allem nicht auf Fragen antworten, die ihnen gestellt werden. Damit ihr notorisches Nichtantworten auffällt, muss man ein feines Ohr mitbringen. Journalisten lassen, meist aus Resignation, die Wortflüchtigen auf ihren Kabinettsesseln gewähren und nehmen ihnen auch die Unantworten ab. Hier ein Beispiel:

Bekanntlich geht in der Landeshauptstadt Kiel derzeit alles drunter und drüber, dem Land droht wegen der steuergeldverschlingenden HSH-Nordbank sogar der Staatsbankrott, und das macht sich schlecht, wenn zu dem Zeitpunkt, wo das endgültig auffliegen würde, auch noch Wahlen vor der Tür stehen. Auch deshalb, vermuten viele Beobachter, wollte der Ministerpräsident, ein Käpt’n Blaubär von der Waterkant namens Peter Harry Carstensen, unbedingt einen früheren Wahltermin im meerumschlungenen Kabarett an der Förde vom Zaun brechen. Damit er im Windschatten der Bundeskanzlerin zum Sieg segeln kann und erst einmal gar nicht mehr zur Wahl steht, wenn die politische Stinkbombe platzt und die Grausamkeiten beginnen.

Als in dieser Situation der Chef der mitregierenden Opposition im Lande, ein cholerischer SPD-Fliegenträger namens Ralf Stegner, sagte, dass er von den millionenschweren Sonderzahlungen an einen landeseigenen Banker namens Jens Dirk Nonnenmacher – übrigens ein höchst seriöser Mann mit einer absolut vertrauenserweckenden Entenschwanzfrisur – als also Stegner sagte, dass er von den landesväterlichen Geldrausschmeißereien absolut nichts gewusst habe, da schien dem graumelierten Ministerpräsidenten mit dem treuherzigen Augenaufschlag der Zeitpunkt für einen Neuwahl-Coup gekommen.

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Anderen etwas forsagen

Dienstag, 07. April 2009

Seit Monaten ist die Umfragelandschaft halbwegs stabil: Die Auguren zeigen uns große Volksparteien, die in tiefen Löchern hocken, die Union irgendwo zwischen 34 und 36 Prozent, die SPD noch einen Stock tiefer zwischen 24 und 26 Prozent. Mal gewinnt die FDP auf Kosten der Union, dann werden lauthals die 17 Prozent des Herrn Westerwelle bekakelt, kurz darauf holt sich die SPD ein Prozent bei den Grünen, dann wird über die Funktionslosigkeit dieser Akademikerpartei leitartikuliert. Und über die Linke lässt sich ja immer ein wenig daherlästern, dass sie nämlich von der Finanzkrise überhaupt nicht profitiere. Kurzum: Das, was uns die Demoskopie liefert, ist eigentlich nie ein journalistisches Thema, es ist bloß ‘bizziniss äs juschäl’. Spannend ist aber, was sie trotzdem daraus machen – hier im Zusammenspiel von Forsa und ‘Spiegel’

Erreicht eine Partei wieder ihren alten Wert, den sie vor zwei Monaten schon hatte, dann schreibe ich als auflagenbewusster Journalist: “klettert auf Umfragehoch” …

Ist eine redaktionell nicht genehme Partei mit ihren Umfragewerten stabil, schreibe ich: “profitiert auch weiterhin nicht” und “verharrt” …

Findet die Umfrage gleich zu Anfang eines Jahres statt, dann garniere ich den Sieger mit dem saisongerechten Wörtchen “Jahreshoch” …

Beim ‘Stern’ unter dem merkeltreuen Regime des Herrn Jörges sieht’s übrigens ähnlich aus:

Zunächst einmal vertraue ich auf das kurze Gedächtnis des Publikums. Nachdem ich in all den Wochen zuvor über das Umfragetief der betroffenen Partei gegreint und gebarmt habe, schreibe ich jetzt dreist in die Headline: “Union legt weiter zu“. Wobei dieses ‘weiter’ mindestens eine faustdicke Lüge, wenn nicht sogar ein verbaler Rastelli-Trick ist …

Diese nette Partei, schreibe ich, wäre “auf ihr bestes Ergebnis in diesem Jahr” geklettert – wobei ich verschweige, wie jung doch das Jahr noch ist, und dass sie dies ‘beste Ergebnis’ in diesem Jahr den ganzen Januar über auch schon hatte.

Nee, nee, nee – ich mag das alles nicht mehr hören! Wer will, der darf sich diese Hanussen-Orakelei des interessierten Polit-Journalismus aber gern weiterhin antun …

Gut gemeint …

Samstag, 28. März 2009

Es gibt Anliegen, die ich ohne weiteres unterstützen könnte. Inhaltlich, meine ich. Die aber trotzdem sprachlich jedes aktivierende Niveau derart seditativ unterschreiten, dass mir an meiner eigenen Ermüdung ihr Schicksal vorab klar wird. Zu dieser Kategorie zähle ich auch jenen Aufruf, den knapp vierzig Akademiker, vor allem aus Berlin, gestern in der taz veröffentlichten. Darunter viele der üblichen Verdächtigen: Konstantin Wecker, Hannes Wader, Prof. Grottian, Johano Strasser usw. Der Aufruf ist – bezeichnend für seinen steinzeitlichen Charakter – noch nicht einmal im Netz zu finden. Einen Artikel aus Holzhausen fand ich, der sich mit diesem Gallimatthias befasst – und bei Indymedia steht auch noch was. Das nenne ich mediale Breitenwirkung!

Gut gemeint ist nicht gut gemacht“, pflegte mein weiser Opa zu sagen. Schon in der Headline geht es schnurstracks ans Eingemachte: Weil jeder Beteiligte ‘sich im Aufruf wiederfinden muss’, bekanntlich Sinn und Zweck aller Aktionsbündnisse, gilt es zunächst einmal, das assortierte Gute vielzeilig zu umschlingen. Nur dass leider jede Headline auf den Marathon-Strecken ihre Griffigkeit und Schlagkraft komplett verliert. Statt schlicht zu sagen “Gerechtigkeit ist machbar!” oder etwas anderes maximal Dreiwörtiges, was sich ein Mensch auch merken könnte, da heißt es im schönsten Bots-Stil:

“Aufstehen zu einem langen Frühjahr der Politisierung und Mobilisierung – für soziale Mindeststandards: Menschen-würdige Grundsicherung, gesetzliche Mindestlöhne, solidarische Arbeitsumverteilung – mit Demonstrationen, Streiks und zivilem Ungehorsam!”.

Viele Worte, wenig drin ...

Viele Worte, wenig drin ...

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