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Die Provinz des Menschen

Mittwoch, 28. Juli 2010

Bekanntlich hat die Entdeckung, dass die Sonne nicht um die Erde kreist, zu einer ‘Provinzialisierung des Menschen’ geführt. Seither sind wir faktisch nur noch ein kleiner Pups am Rande der Galaxis, ein Dorfbahnhof, der sicherlich nicht unter einer besonderen Vorsehung stehen dürfte. Auch nicht unter der eines persönlichen Gottes, der mit Argusaugen Tag und Nacht über unser Treiben wacht, um alles in sein ‘großes Buch’ zu kritzeln. Die Musik spielt seither gewissermaßen woanders, dem Schicksal sind wir egal: Wir sind also für uns selbst verantwortlich … und auch alle Konzepte eines durch Gott ‘auserwählten Volkes’ sind seither obsolet. Ganz egal, ob solch ein Quatsch nun in der Bibel steht, in ‘Mein Kampf’ oder im Koran.

Bei einigen Zeitgenossen hat sich die Entdeckung des Herrn Kopernikus immer noch nicht herumgesprochen. Sie leben weiterhin fröhlich in ‘vorkopernikanischen Zeiten’ und sind über das 16. Jahrhundert geistig nie hinausgekommen. Ein Beispiel für diesen Sachverhalt ist jene Häme, die sich aus fundamentalistischer Ecke nach dem Unglück von Duisburg über eine angeblich allzu laszive und sexgeile Techno-Szene ergoß:

Dort nämlich faselt eine Bande religiöser Neandertaler, fern jeder Humanität, von einem „vernichtende(n) Schlag gegen eine satanische Alkohol- und Sexorgie“, „eine triebgesteuerte, notgeile und zugedröhnte Horde Asozialer h(ätte) den Zorn des Herrn heraufbeschworen.“

Da fragt sich der gebildete Leser doch, weshalb dieses radikalisierte Christentum immer noch mit Menschlichkeit und Humanität in Verbindung gebracht wird, wo doch die Anhänger dieses jesusamputierten Glaubens so rachegeil, sündenbesoffen und denkbefreit daherschwatzen. Theopathen habe ich diese Figuren in der ‘Sargnagelschmiede’ getauft.

Also noch einmal – und nur für euch: Gott, so es ihn gibt, hat sicherlich anderes zu tun, als sich um eine randständige irdische Provinz am Abstellgleis der Milchstraße zu kümmern – oder schlimmer noch: um eine graue Stadt wie Duisburg. Über euch wacht also keineswegs persönlich das Auge Gottes. Der beste Beweis: Wäre es nämlich so, dann hätte euch Figuren längst der Blitz beim Sch…n getroffen …

Schriftsteller mit Dorfgeruch?

Sonntag, 22. Februar 2009

Als ich gestern Frank Schulzs Hagener Trilogie mal wieder in den Händen hielt, überlegte ich, ob gute Schreiber eigentlich überdurchschnittlich häufig vom Dorf oder aus Kleinstädten kämen? Als generelle These ist das vermutlich grandioser Blödsinn – einige gute Gründe dafür aber gäbe es allemal: Als Kind und Jugendlicher erlebt man tief in der Provinz eine überschaubare Welt, alle sozialen Verhältnisse liegen offen zu Tage, der Mensch ‘an und für sich’ wird überschaubar, die ganze Menschenwelt gleicht dem späteren Personalbedarf eines Romans noch viel eher, als später der Ameisenhaufen einer beliebigen Großstadt.

Ohne dass ich hier jetzt beabsichtige, eine Statistik zu führen, so ist doch die Zahl der ‘Provinzschriftsteller’ unter den großen ihrer Zunft erstaunlich hoch: Storm (Husum), Raabe (Eschershausen), Jean Paul (Hof), Fontane (Neuruppin), Döblin (Stettin), die Reihe ließe sich endlos fortsetzen – und selbst diejenigen, deren Geburtsort gegen diese These spricht, wuchsen gleich nach der Geburt oft eher kleinstädtisch auf, so Tucholsky, der zwar in Moabit zur Welt kam, der aber seine Kindheit im beschaulichen Stettin verlebte.

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