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Mit Verlaub …

Samstag, 26. Juni 2010

Hier ein weiteres schönes Beispiel aus der wildwuchernden und nicht abreißenden Reihe gedankenamputierter Metaphorik, im Volksmund auch ‘PR-Sprache’ oder ‘Gesülze’ genannt:

“Gerade “Stuttgart 21″ ist ein emotionales Feuerwerk.”

Mit Verlaub, bei allem Gründerstolz und aller Selbstgewissheit zum Trotz, Herr Architekt: Ein Feuerwerk tief unter dem Stuttgarter Pflaster? Sieht das da denn jemand?

‘Wording’?

Dienstag, 22. Juni 2010

Der Leiter des FAZ-Hauptstadtbüros, Günter Bannas, hat sich über die ‘mangelnde Akzeptanz’ im Volk für politische Reformvorhaben höchst elitäre Gedanken gemacht. Er schiebt die Schuld auf ein unpassendes ‘Wording’ der geplanten Einschnitte. Wobei das ‘Wording’ jenen Irrglauben politischer Marketing-Fachleute bezeichnet, die unverdrossen der festen Überzeugung sind, man müsse nur ein perfekt ‘designtes’ Vokabular verwenden, um jede Schweinerei im Volk durchsetzen zu können. Alles Scheitern oder Gelingen in der Politik wäre demnach eine Frage des einheitlichen Wortgebrauchs. Der grundlegende Fehler Angela Merkels sei es beispielsweise, dass sie unvernünftigerweise von einem ‘Sparpaket’ spreche, statt vernünftigerweise von einem ‘Zukunftspaket’, wie es der brave Herr Kauder tut:

“Selbst im sogenannten „Wording“, also der Verbalisierung politischer Ziele, werden Differenzen deutlich, wenn es nicht abgestimmt ist. So bezeichnete unlängst der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Kauder in einem Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ die Verabredungen der Regierungskoalition ausdrücklich als „Zukunftspaket“ – offenbar um dem Ganzen überwölbende Hoffnung zu geben. Frau Merkel benutzte im Gespräch mit dieser Zeitung den Begriff „Sparpaket“. Äußerungen in der Bundesregierung gibt es, Frau Merkel tue sich mit ihrer zur Rationalität neigenden Rhetorik schwer, für die in Aussicht genommenen Projekte zu werben und Sympathien zu wecken. In der Gesundheitspolitik habe die Koalition den Streit um Begriffe schon verloren – weil und solange die CSU, ganz im Widerspruch zur Bundeskanzlerin, diffamierend von einer „Kopfpauschale“ spreche.

Es wäre demnach das Geklingel der Worthülsen, das die Verhältnisse zum Tanzen bringen kann, ein recht platziertes Wort, und die ungerechtesten Vorhaben würden wahr. Dies ist eine idealistische, ja geradezu klippschülermäßige Sicht der Dinge, weil sie den Aspekt der menschlichen Erfahrung völlig außer acht lässt. So weiß bei einer rosarot und positiv dahergesülzten ‘Reform der Unternehmensstruktur’ heute sogar der dümmste Arbeitnehmer – und zwar aus eigener, bitterer Erfahrung -, dass er schon bald massiven Arbeitsplatzabbau und Lohnverschlechterung am eigenen Leib verspüren wird.

Man könnte geradezu eine Gegenthese formulieren: Durch das überhandnehmende ‘Wording’ werden die Ziele, die kommuniziert werden sollen, dem ‘Volk’ immer verdächtiger und fadenscheiniger. Aus Erfahrung haben die Menschen gelernt, dass aus wohlklingenden Wörtern selten etwas folgt, was ihnen auch wohl tut. Diese Wörter sind für sie längst ins Lager der Lüge gewechselt. Deshalb ist ein Wort wie ‘Reform’ heute verbraucht wie ein ausgelutschtes Kaugummi. Die ‘Frames’, die Muster im Gehirn der Menschen, sind inzwischen so gepolt, dass der hageldichte Verbal-Dreck eines weichgespülten Himbeertoni-Gewäsches nur noch Aversion erzeugt und die Alarmglocken schrillen lässt. Dieser einst so probate Sprachgebrauch ist längst ‘durchschaut’.

Man könnte es auch so ausdrücken: Durch die faktischen Resultate des gesellschaftlichen Handelns hat sich das verschleiernde politische Phrasen-Gebimmel, fachgerecht ‘Wording’ genannt, selbst all seiner Wirkungsmöglichkeiten beraubt. Dank der Macht gegenteiliger und realer Erfahrungen: Je schöner es klang, desto hässlicher waren regelhaft die Folgen … und genau deshalb wirken die verführerischsten Schalmeienklänge der Rattenfängerzunft nicht mehr. Das Volk pfeift sich längst einen eigenen Reim darauf.

“I had a dream!”

Donnerstag, 25. März 2010

Dies ist eine moderne Fabel: Am Anfang hatte ein frisch gekürter amerikanischer Verleger nächtens einen feuchten Traum. Er feuerte am nächsten Tag ungefähr sechs Siebtel seiner Mitarbeiter – und malte sich als erstes ein dickes Plus auf die Einnahmeseite. Aber irgendetwas aber musste er ja jetzt verkaufen, sonst würde das nichts werden am Jahresende mit den dicken Boni:

“Die Kurzform des Konzepts, mit dem AOL nach Abspaltung von Time Warner selbst an der Börse reüssieren w[ollte]: Eine Software filtert aus dem Internet die gerade aktuellen Schlüssel- und Reizwörter heraus, ein Heer von freien Schreibern liefert Texte dazu, die wiederum nach dem Erfolg bei Klicks und Werbung honoriert werden. … Wer auf einer bestimmten Seite werben will, kann einen passenden Promotion-Text selbst einfügen oder passgenau dazubestellen; gegen Bezahlung natürlich.”

Dann lief auf dem legendären texanischen South-by-Southwest-Festival die nächste Folge dieser modernen SEO-Seifenoper – es war sozusagen die Nagelprobe, ob sich mit zusammengegoogeltem Bot-Wissen und PR-Lyrik am Ende sogar publikumswirksamer Journalismus statt bloßem Klickidiklick-Patchwork erzeugen ließe. Fazit: Der Schuss ging gewaltig in den Ofen, die intellektuelle Ware erwies sich als leicht verderblich, der Geist verweigerte sich mal wieder den neoliberalen Weltgesetzen – und mit allen verfügbaren Fingern zeigt unser Verleger jetzt auf andere, auf ‘seine Leute’ nämlich:

“Tim Armstrong, Chef des als Medienunternehmen neu strukturierten Internet-Riesen AOL, zeigt sich bestürzt (“horrified”) über die Leistungen seines Teams: Er f[indet] die Berichterstattung … chaotisch und unausgegoren.”

So chaotisch und unausgegoren wie Google höchstselbst vermutlich, wo die meisten Suchanfragen noch immer das Thema ‘Porno’ und Artverwandtes betreffen. Bei Valleywag machen sie sich nur noch lustig über diesen Armstrong, der nie auf dem Mond gelandet ist, obwohl er doch offenkundig auf dem Mond lebt, inmitten von Bergen aus Excel-Sheets, die ihm mittels der tollsten CEO-Erfolgsformeln allesamt sagen, dass alles gaaanz wunnebar hätte laufen müssen sollen.

Der gesunde Menschenverstand, also nicht derjenige unserer ökonomistischen Mondkälber, der lacht sich derweil schlapp und sagt prustend jedem Erstklässler: “Ohne gute Schreiber kein guter Text, ohne guten Text keine treuen Leser, ohne treue Leser keine willigen Anzeigenkunden.” Anders ausgedrückt: Das Geschäft kommt im Journalismus immer erst ganz zum Schluss, und ein Journalist läuft auch nicht der ‘Awareness’ hinterher, er schafft sie, und das zu nahezu jedem beliebigen Thema durch die Art seines Schreibens – fragt sich, wann wohl der Herr Armstrong erstmals auch zu diesem Schluss kommen wird:

“Naive editors? Who “thought it was ready to go live” and just have such low standards for their expectations for content that it took this magnificent CEO to swoop in and “catch that issue”? How about the fact that paying less-than-professional “writers” a pittance to turn in thousands of “stories” is just a stupid attempt at compiling content which defies editorial oversight? Crowdsourcing on the cheap makes not a curated, well-organized content-site …”

Merke: Nur weil du CEO geworden bist, und deinen Hayek und Friedman herbeten kannst, heißt das noch lange nicht, dass du auch Ahnung hast …

Gesundheitsprämie

Donnerstag, 18. März 2010

Bekanntlich gefällt unseren Liberalen das Wörtchen ‘Kopfpauschale’ nicht so gut. Zu nahe liegt es semantisch in der unerwünschten Nachbarschaft von ‘Kopfgeld’ oder gar im renditesüchtigen Beritt abschlussorientierter ‘Kopfjäger’ privater Krankenversicherungen. Also schufen die Mitglieder unserer schwarzgelben Drückerkolonne den Euphemismus der ‘Gesundheitsprämie’. Mit wahrhaft durchschlagendem Erfolg:

“Ergebnisse 11 – 14 von 14 für Gesundheitsprämie. (0,11 Sekunden)”

So viel für heute zum Thema ‘Wirksamkeit von PR-Maßnahmen’ …

Lokus statt lokal

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Im niedersächsischen Wietze will die Hähnchenschlachterei Rothkötter aus dem Emsland einen neuen Betrieb eröffnen, der täglich 100.000 Hähnchen schlachten soll, um den wachsenden Bedarf an Chicken McNuggets und anderem Fingerfood im Land zu stillen. Im heimischen Emsland sind die Auflagen inzwischen so hoch, dass keine neuen Mastbetriebe mehr genehmigt werden. Um genügend Rohstoff zu liefern, sollen mindestens 100 Landwirte im Umkreis von 100 km um Wietze herum einen Maststall für jeweils knapp 40.000 Küken errichten – auf eigene Kosten, versteht sich. Von einem Informationsabend im Gasthof Mehding im schönen Dorfmark, einem Flecken in der Nordheide, berichtet die ‘Walsroder Zeitung’ am 28. Oktober 2009 durchweg begeistert, in einem Artikel, der leider nur teilweise im Internet zu finden ist.

Der ungenannte Lokaljournalist berichtet ‘vom Hörensagen’ von einer Veranstaltung, an der er selbst gar nicht teilgenommen hat – anders ist der folgende Satz nicht zu deuten: “Rund 100 Landwirte sind gekommen, sehr viele junge darunter, wie Kreislandwirt Heiner Beermann später berichtet“. Ob der Berichterstatter für diesen Termin selbst keine Zeit hatte, so dass ihm ‘später berichtet’ werden musste, oder ob die Presse nicht zugelassen wurde, erfährt der Leser nicht.

Natürlich gibt es gegen die Hähnchenmast aus verschiedenen, durchaus einsichtigen Gründen massive Kritik. Sehr viel differenzierter berichtet zum Beispiel das Isenhagener Kreisblatt:

“Besonders beliebt sind Hähnchenmastställe als Nachbarn nicht. Henning Pieper von der Landwirtschaftskammer rechnet mit Widerstand gegen die Neubauten. “Ich bin nicht blauäugig. Das ist mein täglich Brot, mich mit Bürgerinitiativen auseinander zu setzen.” Auch im Landwirtschaftsministerium geht man davon aus, dass es Proteste geben wird, setzt aber auf das Argument, durch die Ställe würden Arbeitsplätze geschaffen. Die jedoch werden bei den Mastbetrieben wohl eher spärlich entstehen. Kein Wunder, denn bei einem Reingewinn von gerade mal 8 Cent pro Hähnchen für den Mäster, der in der Branche kolportiert wird, darf eine Mastanlage nicht viel Arbeit machen.”

Tscha, das macht dann gerade mal 3.200 Euro Gewinn je Hähnchengeneration, wovon noch 500.000 Euro Kredit für die Mastanlage zu bedienen wären. Die meisten Bankberater zeigen bei solchen Gewinnaussichten dem Bauern die Tür. Von solchen Perspektiven erfährt der Leser aber in der Walsroder Zeitung nichts. Auch die Grünen im Kreisverband Celle fassen alle Argumente gegen das Projekt übersichtlich zusammen, auch diejenigen Probleme, die sie mit den landwirtschaftsfrommen Jubelpersern von der ‘Celler Zeitung’ (CZ) haben – unter anderem so:

“Die Zahl neugeschaffener Arbeitsplätze für Wietze spielt in der Argumentation der Befürworter eine wichtige Rolle. Leider werden diese Zahlen auch zur Stimmungsmache in der Öffentlichkeit benutzt. Im ersten Pressebericht der CZ und in den Informationen des Bürgermeisters gegenüber dem VA war von 1.000 neuen Arbeitsplätzen die Rede. Inzwischen ist man bei Zahlen von 250 bis 500 angekommen. Trotz dieser inzwischen erfolgten Korrektur taucht die Zahl 1.000 Arbeitsplätze immer noch in der Berichterstattung der CZ auf.Welche nachteiligen Beeinträchtigungen sich aus der Konzentration der Massentierhaltung in einer Region für die Umwelt ergeben können, ist für eine breite Öffentlichkeit am Beispiel Emsland ohne größere Schwierigkeiten nachvollziehbar. Diese ökologischen Probleme sind also bekannt: Industrielle Tierhaltung auf Kosten der Gesundheit von Wasser, Luft und Boden. Emissionen durch Lärm, Feinstaub, Gase und Gerüche.”

Von all dem aber erscheint beim Kollegen von der Walsroder Zeitung wiederum nichts. Im Gegenteil, im Emsland sei die Hähnchenmast “auf große Zustimmung” gestoßen, heißt es. Zur Kritik an den Hähnchen-KZs fällt ihm Folgendes ein: “Der Widerstand gegen solche Projekte kommt oft aus Unkenntnis, gepaart mit unbegründeter Angst“. Mir scheint da doch eher, der Berichterstatter selbst hat sich in bewusster Unkenntnis gehalten, schön an den warmen Schreibtisch in der Redaktion gekuschelt, die angeblichen bäuerlichen Interessen im Auge – kein Reporter, sondern ein Rapporter.

Apropos – eine Frage an unsere journalistischen Sachwalter ‘landwirtschaftlicher Interessen’: Wer trägt eigentlich im Falle einer Vogelgrippe die Kosten? Etwa der arme Bauer, der doch schon 500.000 Euro für seinen neuen Maststall aufnehmen musste? Und in welchem Umkreis würde dann gekeult? – Anders gewendet, kann man es natürlich auch so ausdrücken:

Es wird dem Printfeudalismus ergehen wie dem echten Feudalismus, ein paar Paläste werden stehen bleiben und gegen Geld zu besichtigen sein, aber die Kaschemmen wird man wegreissen, weil es weder finanzierbar sein wird, noch gefragt.”


Lehrstück ‘Qualitätsjournalismus’

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Hätte ich in der Ausbildung künftiger Journalisten etwas zu sagen, dann müssten meine Schüler diese unterhaltsame Lehrstunde in angewandtem Qualitätsjournalismus ausgiebig analysieren. Denn fast schon regelhaft ist der deutsche Qualitätsjournalismus nicht dort zu finden, wo er sich selbst zum ‘Qualitätsjournalismus’ zu adeln pflegt. Immerhin: Schaden soll diese ‘rosarote Brille für die Haut’ wohl nicht …

Was ist eine Information?

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Das Wesen der journalistischen Nachricht glossierte Kurt Tucholsky im Jahr 1924, als er für die ‘Weltbühne’ ein Buch von Siegfried Bryk besprach (GA VI, 411 ff). Nehmen wir an, sagt Tucholsky, ein Bankier träume eines Nachts ganz intensiv von einer Goldmine. Mit der Geschichte von diesem Traum ginge er am nächsten Tag auf eine Redaktion – und er würde dort ein paar Scheinchen auf den Tisch des Hauses legen.

Dass er Geld gegeben hat, das sei dann ganz und gar keine journalistische Nachricht, sagt Tucholsky. Auch nicht, dass er das alles nur geträumt habe. Aber die Existenz der Goldmine, das sei eine waschechte journalistische Information … das wird gedruckt.

Abrakadabra!

Mittwoch, 26. August 2009

Dass die CDU in Thüringen in Panikphasen gern mal zu obskuren Methoden greift, um ihrem angeschlagenen Ministerpräsidenten doch noch über die Schwelle zur Macht zu verhelfen, das ist schon länger bekannt. Jetzt aber kommt die Affäre um eine Wahlkampfbroschüre hinzu, die sich als politisch neutrales Gute-Laune-Blättchen tarnt, um noch dem begriffsstutzigsten Thüringer hinterrücks beizubimsen, wie toll doch Thüringen – also vor allem der Herr Althaus – sei.

Seltsam ist nur, dass fast alle Personen, die dort zu Wort kommen, CDU-Mitglieder sind. Ohne dass diese absolut unwichtige Eigenschaft neben ihren Namen vermerkt worden wäre. Und das jenes, was all diese interviewten Ur-Thüringer ‘von der Straße’ dort so toll finden, so ziemlich haargenau dem entspricht, was die CDU freundlicherweise in ihr Wahlprogramm packte. Der Blog ‘Durchblickstrudel’ hat das mit jedem Detail haarklein aufgelistet. Und auch hier bietet sich ein Panorama-Blick über die redaktionelle Sumpflandschaft.

Gleich nebenan turnt der Hans-Ulrich Jörges vom ‘Stern’ durch die – dank Anzeigen von AOK und Thüringer Lottogesellschaft – gut dotierten Zeilen. Der sich aber jetzt vor Empörung nicht zu fassen weiß, kein Geld genommen haben will, und das alles bereut – womit er seine publizistische Unabhängigkeit wie ein tropfnasses Kind noch aus dem rufmörderischen Brunnen zu ziehen hofft, der sich dort unversehens auftat: “Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich keinen Finger gerührt”. Kurzum: Es gibt richtig viel Allotria dort zwischen Gera und Eisenach zu besichtigen – oder mit anderen Worten: Dort waren entweder Politanalphabeten, Satiriker oder Schmierenkomödianten am Werk. So weit, so gut …

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Lauter Produzenten!

Sonntag, 09. August 2009

Die grundlegende Schwierigkeit, das Netz zu vermarkten, besteht in meinen Augen darin, dass die Waage sich seit der Etablierung dieses Mediums ganz massiv auf die Seite der Produzenten neigte. Das altehrwürdige Schema aller kommerziellen Kioskbesitzer, ob sie nun Verleger heißen, Marketing-Experten, Werber, Entrepreneure, Coaches, Experten oder ‘windschnittige Leutebetrüger’ – wie auch immer – dieses Schema trägt nicht mehr, denn es verkennt die Realität: Es gibt nicht mehr die ‘Anbieter’ oder ‘Hersteller’ auf der einen Seite und die davon klar zu trennenden ‘Konsumenten’ auf der anderen Seite, zwischen denen dann ein mehr oder minder chimärischer ‘Markt’ oder ein anderes ‘Medium’ ökonomisch gerecht vermittelt. Den gewohnten ‘Dualismus’ des Marktgeschehens ersetzt im Netz ein funktionaler ‘Monismus’. Überspitzt formuliert: Im Netz sind alle ‘Konsumenten’ zugleich ‘Produzenten’ – wie auch alle ‘Produzenten’ zugleich ‘Konsumenten’ sind. Jeder schreibt. Ebenso wie er dargebotene Lektüre konsumiert. Gleiche reden mit Gleichen.

Buchstäblich jeder spielt im Netz heute diese funktionale Doppelrolle, die Folge ist eine komplett dialogorientierte Kommunikationsstruktur, zu der jeder beiträgt. Selbst derjenige, der nur auf dem Rückkanal einen Kommentar bzw. einen Link zum großen Weltweisheitsfonds beisteuert.

Das Netz ist im Kern damit eine Autorengemeinschaft. Wer nichts zu sagen hat, der ist für das Netz nicht vorhanden – er soll sich mit dem Routenplaner oder der Sudoku-Ecke seines Online-Portals begnügen. Es gibt trotzdem noch immer eine historisch einmalige Anzahl von Autoren, die blogtypische Kurzformen für Texte entwickelt haben – und sie oft besser beherrschen als die professionellen Schreiber.

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Überall nur Qualitätsjournalismus

Samstag, 01. August 2009

Manchmal frage ich mich ja, was einigen Bloggern einfällt, solch unverantwortliche Aussagen einem Thomas Kron, dem ehemaligen Chefredakteur der Ärzte Zeitung, in den Mund zu legen und in der Öffentlichkeit breit zu treten. Aussagen, die schon deshalb gar nicht wahr sein können, weil sie inzwischen ratzfatz gelöscht werden mussten. So einfach ist das nämlich mit den Wahrheitsbeweisen in Zeiten der Jurisprudenz. Selbst dann noch, wenn der irregeleitete Herr Kron, wie es scheint, nicht wanken und nicht weichen will: “Dr. Kron selbst hat seine Aussage nach unserem Kenntnisstand bislang nicht zurückgezogen.

Aber seien wir doch mal ehrlich: In einer Welt, wo herunterverdünnte Wirkstoffkonzentrationen von Eins zu zigtausend Quadrillionen wahre Wunder in der Heilkunst bewirken können, wo die geheilten Zeugen Hahnemanns, die strahlend ihre Krücken fortwarfen, in jede Fernsehshow drängen, wo einige Öchsperten die Homöopathie für das Lourdes der Medizin halten, andere wiederum die Analogmedizin für den heiligen Gral erachten, da hätte die produzierende Pharma- und Verdünnungsindustrie einen halbseidenen Gefälligkeitsjournalismus doch gar nicht mehr nötig – und auch nicht irgendwelches Ballyhoo, wie es jene Entrüster dort veranstalten, die den auslösenden Scienceblog-Artikel in weit mehr als homöopathischen Dosen und trotz eines seigneuralen Doktortitels lauthals krawallkommentieren:

“Denen hier gegen die Homöopathie auftreten, ist eines gemein: Sie haben keine Ahnung davon. … Es ist schon eine eigenartige Zeit, wo solche Pfeifen es wagen dürfen, über einen Arzt wie Hahnemann, der sich 70 lange Jahre mit vollen Einsatz mit der Heilkunst beschäftigt hat, zu urteilen.”

Jaja – Hauptsache, der Mann zeigte Anno Dunnemals Einsatz. Denn das ist entscheidend, in der Homöopathie beim Wissenschaftlichkeitsersatz wie im Medizinjournalismus bei der gepflegten Substitution aller medialen Anfangsgründe …

Welcome to the Health an Happiness Show

Welcome to the Health and Happiness Show

Bild: Franz Anton Maulbertsch (1724 – 1796) wikimedia, gemeinfrei

Nachtrag: Das wird ja immer doller. Besagter Thomas Kron weitet die Kampfzone in geradezu erfrischender Ehrlichkeit auf alle Medien aus: “Dass Berichterstattung mit Bezahlung in Gestalt von Anzeigen in Verbindung steht, ist weder etwas Besonderes bei dem oben genannten Medium, noch bei Medien überhaupt. Wer sich nur ein wenig mit Medien beschäftigt, kann das kaum übersehen”, schreibt er in einem neuen Kommentar.