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Nutzen der Füllwörter

Montag, 05. Juli 2010

Wolf Schneider ist einer der größten Eiferer gegen jeden Einsatz von Füllwörtern. Nicht ohne Grund: Kehrte doch mit ihrem Einsatz Verpöntes in den ‘objektiven Qualitätsjournalismus’ zurück: die Wertung, der Sarkasmus, die Ironie, manchmal gar der Humor. Betrachten wir zunächst den unnötigen Einsatz von Fürwörtern.

Auf geplante Steuerersenkungen musste Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten” – das wäre ein ganz normaler Schnarchsatz aus jeder provinziellen Redaktionsschmiede in Deutschland. Ein kleines ‘hinweisendes Fürwort’ aber, eine Deixis, und schon zeigt der Finger auf den notorisch Erfolglosen: “Auf geplante Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten“. Eine sarkastische Note ist dadurch in den Text hineingeraten, nur deshalb, weil der Schreiber plötzlich fürwortgestützt mit dem Finger auf den Übeltäter zeigt, ihn sozusagen persönlich in die Verantwortung nimmt. Mit einem weiteren ‘besitzanzeigenden Fürwort’ ließe sich ihm die Niederlage noch fester ans Bein binden: “Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten“.

Noch schlimmer wäre der Einsatz eines weiteren färbenden Füllworts namens ‘auch’, dass den Vorgang in eine Reihe von vergleichbaren Niederlagen einbände: “Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig auch verzichten” … die Nachricht über ein Faktum verwandelt sich prompt in den Abschluss einer mitgedachten polemischen Aufzählung. Richtig rund würde dies Verfahren durch ein zusätzliches ‘noch’: “Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig auch noch verzichten“. Jetzt ist der Gipfel erreicht, den Eisbecher krönt die Kirsche, dieses letzte Ereignis in einer ganzen Kette setzt dem Nichtskönner die Eselsmütze aufs Haupt.

Zwar wurde der Satz durch jedes dieser ‘Füllwörter’ länger, aber er wurde dadurch eben nicht schlechter, allen journalistischen Ratgebern und Stiltröstern zum Trotz. Nur die ganz hartgesottenen FDP-Parteigänger fänden ihn wohl mit jedem Füllwort empörender. Selbst ‘schwammigste’ Worthülsen gewinnen in diesem wert(ungs)steigernden Füllwort-Verfahren ihren Sinn, oft sogar geradezu polemische Durchschlagskraft. Nehmen wir folgendes Faktum: “Angela Merkel regiert die Bundesrepublik Deutschland mit einer schwarzgelben Koalition seit Oktober 2009“. Es genügt hier ein einziges Füllwort, das an die Girlande angehängt wird wie eine Narrenschelle, um die Ironie erblühen zu lassen: “Angela Merkel regiert die Bundesrepublik Deutschland mit einer schwarzgelben Koalition seit Oktober 2009 irgendwie” …

Stilregeln und Stilregler

Sonntag, 26. April 2009

Dort drüben in der ‘medienlese’, die nach dem obrigerseits verordneten Ausstieg der Mannschaft sachte in der Dünung der Blogosphäre dümpelt, muss ich mich mit Zeitgenossen herumschlagen, die Stilfragen mit Hilfe einer IKEA-Bauanleitung lösen möchten. Besonders hat es ihnen dieser Satz angetan:

“Dass dem Handelsblatt-Boss Bernd Ziesemer hier endlich mal die Hutschnur platzte, als er an die Heerscharen ahnungsloser Marketing-Fuzzies in den Verlagshäusern dachte, die mit immer mehr schlappem Allerwelts-Content immer mehr Auflage machen möchten, statt mit immer mehr Aufklärung, das verstehe ich gut.”

Der Satz ist ihnen wohl zu lang, vielleicht auch ungewohnt aufgebaut – was weiß ich? So recht rücken diese “Wortwarte” nämlich nicht damit heraus, was ihnen eigentlich widerstrebt: Unbestimmt ist von ‘Schnörkeln’, von ‘falsch’ oder ‘Schwurbelstil’ die Rede. Offensichtlich haben sie irgendwann mal ein Seminar besucht.

So viel Lärm wegen eines Satzes, bei dem mir so rein gar nichts von einem Verstoß gegen die Grammatik schwanen will, der ist mir selten vorgekommen. Es muss wohl das berüchtigte Deutschlehrer-Gen sein, was sich bei mir in den Kommentarspalten austobt. Vielleicht spielen solche Leute auch einfach gern Plastiktrompete:

Daraus schließen wir, dass Herr Jarchow sich um eine etwas klarere Sprache bemühen konnte. Schon der erste Satz ist selten verquast. Ich hab’s nicht geschafft, es alles zu lesen, obwohl mich das Thema an sich interessiert. “Auf den Punkt” hat er da sicher nichts gebracht.

Jaja, ‘konnte’ – der Konjunktiv und das Leben, beide führen manchen Zeitgenossen unversehens aufs glatte Eis. Dafür, dass er’s wiederum nicht gelesen hat, kennt der Kommentator sich im Dachsbau meines Satzes immerhin recht gut aus.

Was aber ist dort faktisch der Fall? Im Kern finden wir ein Voranstellen aller aufgezählten Relationen im Satz, wohingegen der Schreiber mit seinem werten Subjekt-Ich samt zugehörigen Hauptsatz nach hinten tritt, hinzu kommt eine dreifache Wiederholung (‘immer mehr’), welche die Satzstruktur leserunterstützend erläutert. Das entspricht zwar nicht den Regeln diverser Marketing-Ratgeber über ‘SPO’ und ‘Hauptsatz vor Nebensatz’, es ist aber auch stilistisch keine weltbewegende Sensation. Als Texteinleitung ist diese Wortumstellung sogar gang und gäbe, man legt damit die Latte gleich etwas höher, was die Konzentration des Lesers fördert und die zielgruppenferneren Schichten meist gleich zu Anfang abschüttelt, wie der Hund die Wassertropfen – nur eben leider nicht jene Herrn: ‘Denn bei dem Kampfe ist er anderer Meinung‘ (Kleist). Sie alle hatte, wie sie selbst verkünden, der erste Satz schon rettungslos überfordert. Was ihnen wiederum keine Ruhe lässt …

Drollig ist es jetzt, dass einer von ihnen, “Wortwart” genannt, sich selbst auch noch für ein Stilorakel hält. Er führt nämlich eine etwas wirre Homepage, für die er – das vermute ich jetzt mal – auf der ‘Medienlese’ ein wenig Rummel machen wollte. Diese bemühte, wiewohl in meinen Augen doch etwas zauselige und pflegebedürftige Linkwiese findet sich hier.

Wer es aushält, der soll sich im Wortwart’schen “Institut für Wortkombinatorik und angewandte Phraseologie”, dessen “Sammlung von gebrauchsfertig gemachten Wörtern” “sich vor allem (aber nicht nur) aus eigenen Forschungen speist”, “die überwiegend schon länger zurückliegen”, vermutlich mitsamt des “erotischen Kulturmagazins” – der also soll sich da gern einmal umschauen (Oh, oh, oh – was war dieser Satz bloß schon wieder für ein Gallimattias! Wenn wir nun mal nicht dieser Herr gleich wieder aufs Dach steigt …).

Ein fürsorglicher Ratschlag zum Schluss: Wenn du zum Blockwart Wortwart gehst, vergiss das Taschentuch nicht …