Je umfassender, übergreifender und ‘abstrakter’ ein Wort ist, desto mehr verflüchtigt sich sein Realitätsgehalt. Schon bei einem vergleichsweise einfachem Wort wie ‘Kuh’ ist der Zusammenhang zwischen dem Tier und seinem Symbol reichlich dünn, kein Pathologe fand jemals diese drei Buchstaben in dem Tier vor. Die Sprache bildet also keine Realität ab, wie das einige Aristoteliker immer noch meinen. Zwischen dem Wort und dem Ding existiert nur eine Übereinkunft, Wörter sind keine Abziehbilder der Wirklichkeit.
Die Sprache ist ein System, das sich selbst genügt, das über symbolische Bedeutungen einen fragwürdigen Bezug auf die Außenwelt nimmt, um Kommunikation zu ermöglichen. Bei den Dickschiffwörtern vollends, bei diesen sprachlichen Großindustrieanlagen für Sinnproduktion – ob nun ‘Kultur’, ‘Gesellschaft’, ‘Kunst’, ‘Technologie’ oder ‘Freiheit’ – hat noch nie jemand in der Realität etwas geortet, was diesen ‘Begriffen’ entspräche. Vom ‘Staat’ lässt sich kein Foto machen: Trotzdem gibt das Phantasiegebilde einem Haufen von Beamten den Lebensunterhalt, weil wir gewissermaßen alle diesem sprachlichen Märchen glauben. Die gemeinsame Sprache erzwingt den Konsens, wir tun so, ‘als ob’. Deshalb funktioniert das Sprachspiel, es bleibt aber eine Konvention.
Das ist auch der Grund, weshalb alle Sprache uns zutiefst fragwürdig erscheint, sobald wir näher darüber nachdenken. Anders als der Maler, der über Farben gebietet, oder der Bildhauer, der den Stein formt, bleibt dem Autor nur der “schlechteste Stoff” für die Kunstproduktion, eine klappernde Symbolmaschine namens Sprache, fernab jeder Realität. Die Formulierung stammt übrigens von Goethe, aus seinem 29. venezianischen Epigramm:
“Vieles hab’ ich versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen,
Öl gemalt, in Ton hab’ ich auch manches gedruckt,
Unbeständig jedoch, und nichts gelernt noch geleistet;
Nur ein einzig’ Talent bracht’ ich der Meisterschaft nah:
Deutsch zu schreiben. Und so verderb’ ich unglücklicher Dichter
In dem schlechtesten Stoff nun Leben und Kunst”.
Auch die Nuttigkeit und Dienstfertigkeit der Sprache, die sich jedem Zweck anzuhuren weiß, ist von Goethe unübertroffen glossiert worden, in der Schülerszene des ‘Faust’ “Haltet euch an Worte, dann geht ihr durch die sichere Pforte ins Himmelreich der Gewissheit ein …”