Artikel mit ‘Sprache’ getagged

Hinter der Zeit zurück

Dienstag, 26. Oktober 2010

Woran merken wir, dass ein Journalist noch gar nicht in der Jetztzeit angekommen ist? Nun, vor allem an seiner Sprache. Da heißt es im Oktober 2010 und in Zeiten von E-Mail und Internet im ‘Spiegel’ (42/2010, S. 27) ohne jede Ironie: “Merkel traute ihren Augen nicht, als sie die ersten Tickermeldungen las“. Ach ja, dieser gute, alte Ticker, um den alles herumstand, sobald er zu rattern begann … Kinners, wat woar dat dunnemoals so scheun!

Welches Deutsche denn?

Samstag, 24. Oktober 2009

Gestern geriet ich in eine rbb-Talkshow, die auf Eins Extra recycelt wurde: Es ging wieder mal um das gut abgehangene Thema: ‘Soll die die deutsche Sprache ins Grundgesetz?’. In dieser Runde saßen unter anderen der Herr Bosbach von der Union, der Herr Ströbele von den Grünen, der Chef des Muslimrates, eine türkische Publizistin – war es Nekla Kelek? – und eine deutsche Schriftstellerin ungarischer Herkunft. Alle taten so, als gäbe es ‘DIE’ deutsche Sprache. Dabei bin ich doch schon als Norddeutscher in einer schwäbischen Beiz sprachlich aufgeschmissen. Die deutsche Sprache ist nirgendwo im Singular zu haben, noch nicht einmal im Umkreis der CallCenter-Hochburg Hannover. Die Frage ist also stets, welches Deutsche denn dort im Grundgesetz verankert werden soll: etwa die kalte Verwaltungssprache der Politiker, das informationelle Legoland der Journalisten, das euphemismenreiche Gesülze der PR-Zunft, die hochtrabenden Pretiösen der Dichter, der Straßenjargon der Migrantenkinder, das Missingsch der Küstenbewohner oder das Allemannisch des Schweizer Bergbauern, der uns im Fernsehen nur mit Untertiteln verständlich ist?

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Deutsch können sie auch nicht!

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Von wem werden wir bloß regiert? “Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch.” Um diesen Absatz will die künftige Koalition aus Union und Freien Demokraten unser Grundgesetz ergänzen. Im Artikel 22, der feststellt, dass Berlin die Hauptstadt ist und die Bundesflagge schwarz-rot-gold.

Die Sprache der Politik ist krank … pardon: Die Sprache der Politik ist Krank.

Informationshäppchen

Mittwoch, 09. September 2009

Nein, ich werde hier das hochbedeutsame ‘Internet-Manifest’ nicht nochmals verlinken. Der Text ist trotzdem ein Schulbeispiel dafür, wie man mit überholten Anschauungen eben keine Welt aus den Angeln heben kann. Auch nicht online. Am Beispiel des Informationsbegriffs will ich versuchen, das zu erklären. Bei den Berlinern heißt es:

“Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen.”

So eben ist es nicht: Informationen sind nichts, was außerhalb eines menschlichen Kopfes wie ‘Dingliches’ umherfliegt – also bspw. wie ‘Kokosnüsse’, ‘Regenschauer’ oder ‘Tastaturen’. Auf diese Weise existieren Informationen nicht. Auch in den großen ‘Informations- und Datenspeichern’ finden sich vor allem Buchstaben und Zahlen, die sinngebende Instanz kommt erst als Leser oder Programmierer hinzu. Dort außerhalb von uns gibt es nur Ereignisse, Geschehnisse, ‘Perturbationen‘, ‘Reize’, von mir aus auch ‘Fakten’ – aber eben keine Informationen: Ein Blitz schlägt in eine Platane ein, ein Tsunami rollt auf die Küste Javas zu, äthiopische Panzer rollen über die somalische Grenze, einer Frau in Detmold fällt die Blumenvase aus der Hand usw.

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Moraltrompeten

Donnerstag, 30. April 2009

Hungerlohn! SPD sucht billige Wahlkämpfer!” – mit dieser feisten Überschrift eröffnet die BILD-Zeitung heute ihren Beitrag zum schwarzgelben Wahlkampf. Die moralische Gleichung ist klar – wer Mindestlöhne will, der muss selbst Mindestlöhne zahlen:

“Von wegen 7,50 Euro Mindestlohn: Wenn es um billige Helfer für den Wahlkampf geht, nimmt es die SPD mit dem eigenen Wahlprogramm nicht so genau”.

Also alles klar? – - – Keinesfalls! Denn ich zahle einen Lohn doch nur demjenigen, der für mich auch arbeitet. Während des Wahlkampfs aber ist für Parteimitglieder der Dienst an der Idee eine ‘Ehrenpflicht’: Der Ortsverein verabredet sich und zieht mit dem Kleintransporter und dem Kleistertopf um die Blocks, um ‘für die eigene Sache’ etwas zu tun. So ist es in der SPD, so ist es in der CDU, so ist es bei den Grünen – nur bei der FDP bin ich mir nicht so sicher: die vergeben vermutlich einen Auftrag. Wenn die BILD also etwas zu monieren gehabt hätte, dann, dass ‘die Parteien’ ihren Klebekolonnen keinen Mindestlohn zahlen, was aber dieser aus dem Hals duftenden Moral jeden Biss nähme.

Was sich am BILD-Zeitungs-Beitrag zeigt, ist ein typisches Moment des moralischen Diskurses: Die Moral ist immer die Moral der anderen. Für mich gibt es kaum etwas Verlogeneres auf der Welt als eine ausschließlich moralische Argumentation, die nicht durch echte Gründe unterfüttert ist. Das gilt auch und vor allem dann natürlich für die Artikel der schreibenden Zunft.

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Der schlechte Stoff der Wörter

Freitag, 12. Dezember 2008

Je umfassender, übergreifender und ‘abstrakter’ ein Wort ist, desto mehr verflüchtigt sich sein Realitätsgehalt. Schon bei einem vergleichsweise einfachem Wort wie ‘Kuh’ ist der Zusammenhang zwischen dem Tier und seinem Symbol reichlich dünn, kein Pathologe fand jemals diese drei Buchstaben in dem Tier vor. Die Sprache bildet also keine Realität ab, wie das einige Aristoteliker immer noch meinen. Zwischen dem Wort und dem Ding existiert nur eine Übereinkunft, Wörter sind keine Abziehbilder der Wirklichkeit.

Die Sprache ist ein System, das sich selbst genügt, das über symbolische Bedeutungen einen fragwürdigen Bezug auf die Außenwelt nimmt, um Kommunikation zu ermöglichen. Bei den Dickschiffwörtern vollends, bei diesen sprachlichen Großindustrieanlagen für Sinnproduktion – ob nun ‘Kultur’, ‘Gesellschaft’, ‘Kunst’, ‘Technologie’ oder ‘Freiheit’ – hat noch nie jemand in der Realität etwas geortet, was diesen ‘Begriffen’ entspräche. Vom ‘Staat’ lässt sich kein Foto machen: Trotzdem gibt das Phantasiegebilde einem Haufen von Beamten den Lebensunterhalt, weil wir gewissermaßen alle diesem sprachlichen Märchen glauben. Die gemeinsame Sprache erzwingt den Konsens, wir tun so, ‘als ob’. Deshalb funktioniert das Sprachspiel, es bleibt aber eine Konvention.

Das ist auch der Grund, weshalb alle Sprache uns zutiefst fragwürdig erscheint, sobald wir näher darüber nachdenken. Anders als der Maler, der über Farben gebietet, oder der Bildhauer, der den Stein formt, bleibt dem Autor nur der “schlechteste Stoff” für die Kunstproduktion, eine klappernde Symbolmaschine namens Sprache, fernab jeder Realität. Die Formulierung stammt übrigens von Goethe, aus seinem 29. venezianischen Epigramm:

“Vieles hab’ ich versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen,
Öl gemalt, in Ton hab’ ich auch manches gedruckt,
Unbeständig jedoch, und nichts gelernt noch geleistet;
Nur ein einzig’ Talent bracht’ ich der Meisterschaft nah:
Deutsch zu schreiben. Und so verderb’ ich unglücklicher Dichter
In dem schlechtesten Stoff nun Leben und Kunst”.

Auch die Nuttigkeit und Dienstfertigkeit der Sprache, die sich jedem Zweck anzuhuren weiß, ist von Goethe unübertroffen glossiert worden, in der Schülerszene des ‘Faust’Haltet euch an Worte, dann geht ihr durch die sichere Pforte ins Himmelreich der Gewissheit ein …”

Denkfutter

Sonntag, 07. Dezember 2008

Weil ich den Mauthner hier kürzlich anführte, habe ich mir seine ‘Beiträge zu einer Kritik der Sprache’ aus dem Regal gekramt und stelle einfach mal einige Kernsätze hier als mentale Appetitanreger ins Netz. Ein solches Maß an philosophisch begründeter ‘Sprachverachtung’ von einem solch sprachgewaltigen Menschen – diese Kombination gab es in Deutschland kein zweites Mal. ‘Nach Mauthner’ war die Sprache keine Göttin mehr, sondern eine Dirne, ein kommunikativer Gebrauchsgegenstand und kein heiliges Instrument höchster Einsichten. Gewissermaßen war Fritz Mauthner ein ‘umgekehrter Karl Kraus’:

Sprache dient zum Sprechen: “Die Sprache existiert niemals für sich allein, sondern immer nur zwischen den Menschen. Sie ist für die Menschen, was der sagenhafte Äther für die gravitierenden, elektrischen oder leuchtenden Körper. Etwas, was die Schwingungen schwingen läßt, die Gehirnschwingungen von einem zum anderen”.

Das tägliche Gesabbel: “Die Sprache aus dem gemeinen Mitteilungstrieb ist schlechte Fabrikarbeit, zusammengestoppelt von Milliarden von Tagelöhnern”.

Gegen Begriffshuberei: “Der ist kein freier Mann, der sich noch einen Atheisten nennt, einen Gegner dessen, den er leugnet”.

Der kommunikative Irrtum: “Der Mensch jedoch, solange er lebt, ist wie die lebendige Sprache und glaubt, er habe etwas zu sagen, nur weil er spricht”.

Bilderstürmer: “Nach dieser Vorstellung, welche heute noch von allen Köpfen geteilt wird, sitzt irgendwo am Strombett der Sprache eine Gottheit, Mannsbild oder Frauenzimmer, das sogenannte Denken, und herrscht unter den Einflüsterungen einer ähnlichen Gottheit, der Logik, über die menschliche Sprache mit Hilfe einer dritten dienenden Gottheit, der Grammatik. Ich würde es für das stolzeste Ergebnis meiner Untersuchung halten, wenn ich die Menschen von der Unwirklichkeit, von der Wertlosigkeit dieser dreieinigen Göttinnen überzeugen könnte.”

Sprachdarwinismus: “Wir müssen eben die Sprache unter die übrigen Tätigkeiten des Menschen rechnen als wie das Gehen, das Atmen. Da ist es für den Biologen gar kein unsinniger Gedanke, daß der Mensch nicht geht, weil er Beine hat, sondern daß er Beine hat, weil er geht; daß der Mensch nicht atmet, weil er eine Lunge hat, sondern daß er eine Lunge hat, weil er atmet”.

Sprechakttheorie – avant la lettre: “Ein einzig sprechender Mensch unter sprachlosen Volksgenossen ist ebensowenig vorstellbar wie ein redender Gott, der den Menschen die Sprache erst schenkte. Oder er wäre wie der Teilnehmer an einem ausgedehnten Telephonnetze, das keinen zweiten Teilnehmer hätte. … Als sozialer Faktor erst wird die Sprache, die vor Erfindung der Buchdruckerkunst noch nicht einmal in einem Wörterbuche beisammen war, etwas Wirkliches. Eine soziale Wirklichkeit ist sie; abgesehen davon, ist sie nur eine Abstraktion von bestimmten Bewegungen”.

Sprachsozialismus: “Wo ist also das Abstraktum ‘Sprache’ Wirklichkeit? In der Luft. Im Volke, zwischen den Menschen”.

Pragmatismus: “Sprache ist Sprachgebrauch”.

Sprachwissen

Freitag, 05. Dezember 2008

Der Fritz Mauthner war für jede Universität und fürs eher graumelierte akademische Leben viel zu geistreich, viel zu witzig, viel zu literarisch und auch viel zu ‘umstürzlerisch’ (in einem wissenschaftlichen Sinne), als dass ihm jemals großer Nachruhm hätte blühen können. Wie auch – wenn jemand undiplomatischerweise als erstes eine ‘Kritik der Sprache‘ verfasst: Wenn er also unsere Sprache als schwer defizitäre Veranstaltung darstellt, auf ewige Zeiten hin viel zu blöd zum Ausformulieren der einzig wahren Wissenschaftlichkeit. Mit solch einem Schrumpfthema-Ansatz würde man niemals einen Förderausschuss dieser Welt von der Notwendigkeit einer Mittelfreigabe überzeugen: ‘Aha, Sie wollen also Geld zur Erforschung eines kommunikativen Sprachspiels, das zum Erfinden philosophischer Wahrheiten völlig ungeeignet ist? — Wissense, nee …‘. Im linguistisch-akademischen Rotlichtbereich delektierten sich die Mandarine daher lieber an Trockengemüse wie Saussure oder Derrida, das zwar schwerer verdaulich ist, aber förderungspolitisch schon eher einer Bonanza glich.

Trotzdem – gerade die Barfüßler und Wanderprediger der Wissenschaft haben oft eine besonders treue Gefolgschaft. Da gibt es zum Beispiel die Mauthner-Gesellschaft, die hinter einem unscheinbaren Internet-Portal gewaltige Schätze sonst schwer greifbarer Texte zum Thema ‘Sprache’ birgt, nach denen man sich in jeder Universitätsbibliothek tagelang die Hacken ablaufen würde. Jedem Leser sei der Link dorthin für seine Blogroll daher wärmstens empfohlen …

“Nach Mauthner ist die Sprache zwar gut zur Kommunikation geeignet, jedoch nicht zu Erkenntnissen von Wahrheit oder Wirklichkeit. Mit Namen und Gestalten lernt der Mensch nur den „Schleier der Maya“ kennen lernen, aber nicht die dahinter verborgene Realität”.

Resterampe für Archaismen

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Eine kleine ‘Altkleidersammlung’ für neuerdings verbrauchtes Vokabular habe ich drüben in der ‘medienlese’ ins Leben gerufen.

Denkfutter

Donnerstag, 09. Oktober 2008

Wer zu seinen Schilderungen den natürlichen Stil von heute finden will, muß wissen, daß es da nur drei, drei Quellen gibt: Erstens die Alltagssprache, die ihm selbst und seinem Nachbarn aus dem Munde quillt. Man halte sich an seinen Nachbarn, er spricht natürlicher. Diese Sprache merke man sich, studiere sie, stenographiere sie nach. Sie ist reizvoll, voller Varianten, unglaublich farbig, und literarisch so gut wie unbekannt. Sie ist brauchbar zur Tragik, Komik, Burleske, Ironie, Naivität, Galgenhumor und Humor ohne Galgen. Und sie gewährt einen ungeheuren Vorteil: wer in ihr spricht oder schreibt, wird vor Schwindel, Schmus, Kunst und gelehrtem Schwachsinn bewahrt.

Zweiter natürlicher Brunnen mit oder ohne Sauerstoffbläschen: die gewöhnliche Wald- und Wiesenzeitungssprache lokaler Teil (Vorsicht bei Politik, Warnung vor dem Feuilleton.) Eine solide Brandkatastrophe oder ein größerer Rohrbruch ist nicht nur allgemein lehrreich, sondern seine Schilderung erfolgt in der Regel klar deutlich, wesentlich. Ein dreifaches Hoch der Lokalredaktion!

Und dann kommt die Musike, die Reklame. Ich empfehle: man achte auf die Reklame und lasse Stefan George und Rilke hinter sich (…)”.

Alfred Döblin