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Wenn die Ideologie verrutscht …

Donnerstag, 01. September 2011

In Zeiten des Paradigmenwechsels wirken die Ansichten der vergangenen Saison zunehmend komisch oder verquer, das führte ich vor einigen Tagen hier bereits aus. Im Falle von Andrea Seibel, der wahrhaft welt-bewegenden taz-Renegattin (schreibt man das so?), hat Michalis Pantelouris mir die Arbeit der Dekonstruktion ihres Untauglichen dankenswerterweise abgenommen, so dass ich hier nur noch auf diesen Text des Hamburger Journalisten verweisen muss. Kurzum: Alles, was 2001 noch nach Harvard und der Weisheit letztem Schluss geklungen hätte, klingt heute nach höherem Wirrsinn von Altliberalen mit Laberzwang, wo selbst die hartgesottensten Psychiater über kurz oder lang hilfesuchend mit den Augen rollen …

Life’s a Carousel

Montag, 08. März 2010

Die Sprache mit ihrem starken Magen mag sich vom Wortschatz her verändern. Hie und da wird eine neue sprachliche Pretiose – bspw. ‘Benchmarking’, ‘Leistungsträger’ oder ‘Volatilität’ – dem alten Bluff aufgepfropft, die Tiefenstruktur der Argumentation aber bleibt sich gleich. Oft über Jahrhunderte hinweg. Ein Beispiel:

Am Beginn der Industrialisierung herrschte in England eine beispiellose Armut, der sog. ‘Pauperismus’, verschärft noch durch Missernten, hohe Kornzölle im Interesse der Gentry und die massenhafte Einwanderung von Iren. Angesichts der Überlastung der traditionellen Armenfürsorge setzte die britische Regierung 1832 eine ‘Königliche Kommission’ ein, bestückt mit den Sinns und Rürups der damaligen Zeit. Sie sollten die Ursachen dieses Elends ‘erforschen’.

Diese Kommision kam zu wahrhaft revolutionären Folgerungen, die einer bisher noch immer christlich fundierten ‘Caritas’ geradewegs ins Gesicht schlugen: Die Arbeiter würden deshalb nicht arbeiten, weil die öffentliche Fürsorge ihnen mehr eintrüge als die real existierenden Hungerlöhne auf Englands Farmen und in der Industrie. Die Handlungsempfehlungen lauteten jetzt nicht etwa, dass die Löhne steigen müssten, nein, die ‘Experten’ kamen zu dem Schluss, “dass die Unterstützung gesunder Arbeiter mit öffentlichen Geldern die Wurzel allen Übels” sei. Das englische Parlament beschloss daraufhin im Jahr 1834 das “Poor Law”, um dem faulen Pack Beine zu machen. Die Alternative für einen Armen lautete jetzt, Arbeit auf dem ‘freien Markt’ für ungenügenden Lohn, oder aber Arbeit für ‘Sachleistungen’ in einem Armenhaus bei Wasser und Brot – mit anderen Worten: Sie gingen ins Gefängnis, weil aus der Armut ein Verbrechen wurde. Im Kern ging es diesen Experten darum, “das Los des von den steuerzahlenden Bürgern erhaltenen Paupers weniger begehrenswert zu machen als das des ärmsten für sich sorgenden Arbeiters“. Das Lohnabstandsgebot war geboren.

Das “Poor Law” wirkte dann allerdings anders als gedacht: Es kam zu blutigen Straßenunruhen, die Unterschichten organisierten sich erstmals, und das Gesetz wurde zur Geburtsstunde der Chartisten, einer Bewegung, die mittelfristig mit der Forderung nach einem freien und gleichen Wahlrecht auch die Privilegien der geld- und grundbesitzenden Eliten hinwegfegen sollte.

So gesehen, sind Westerwelle und Consorten heute immerhin schon – oder noch immer – auf dem politischen Bewusstseinsstand von 1832 angelangt. Die sprachlichen Moden wechselten, die Argumente blieben. Ob unsere ‘Liberalen’ allerdings die absehbaren Folgen im Kopf haben, die in England schon einige Jahre später einsetzten, das glaube ich nicht. Man sieht aber, dass vieles, was heutzutage unter dem Etikett ‘Reform’ segelt, blanker Traditionalismus ist, liberaler Traditionalismus sozusagen …

Verwandlung durch Wandel

Freitag, 27. November 2009

Mein Freund Udo kam Anfang der 80er Jahre aus Poona zurück, braun gebrannt und mit einem seligen Grinsen auf dem Gesicht. Am auffälligsten war die rote Kleidung, die er trug, die plötzlich allen in der WG rosafarbene Unterwäsche einbrockte, dann, wenn eine seiner Unaussprechlichen in die gemeinsame Wäsche geriet. Stellten wir ihn deswegen zur Rede, mussten wir ihn auf seinen Wunsch hin Swami Bodi Prenh nennen (oder so ähnlich). Er sei nämlich ‚erweckt‘ worden, sagte er, und hätte sich in einen neuen Menschen verwandelt. Tatsächlich – der Junge lachte viel mehr als früher, er war anscheinend immer gut drauf, das ewige Grübeln war verflogen, und auch ich in meiner Neugier begleitete ihn gelegentlich in das Center in der Roonstraße, wo er seine zweite Heimat gefunden hatte, um herauszufinden, was mit seinem Gehirn wieso geschehen sei.

Dort im Center gab es dann Tee und vegetarisches Essen, es wurde heftig meditiert, im Fernsehen liefen ständig irgendwelche ‚Lectures‘ des bärtigen Wunderrabbis, alle lachten wie die Honigkuchenpferde und abends jobbten viele in der Bhagwan-Disco. Probleme gab es einfach nicht, ‚Das ist doch dein Ding!‘ lautete die rituelle Antwort auf alles Negative, begleitet von einem ‚Finde es selbst heraus!‘. Wer Fragen stellte, geriet unweigerlich in eine gefährliche selbstreflexive Zone: „Hast du dir schon mal überlegt, warum du mich das jetzt fragst?“. Auf alle Fragen gab es Fragen …

Für mich unverbesserlichen Heiden bestand die angenehmste Erfahrung in dem Frauenüberschuss unter diesen Mala-Behängten. Verbunden mit einem strikten Verbot, irgendwelche festen Beziehungen einzugehen, außer spirituell zum großen Bhagwan natürlich. Lauter ehemalige Psychologinnen, Lehrerinnen und Sozialwesen suchten dort regelmäßig nach Triebabfuhr, ohne mir auch nur einmal ‚Ich liebe dich‘ ins Ohr zu säuseln. Für einige Monate verwirklichte sich für mich der alte Sponti-Spruch: „Wer zweimal mit derselben pennt …“ – oft genug in einer einzigen Nacht, schließlich hatten alle Schlafräume sechs Betten. Was war ich damals noch fit!

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Sprachwandel

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Wenn die großen Metaphern sterben, ändern sich die Gesellschaften: Seit dreißig Jahren, im Prinzip seit dem Beginn der Reagan-Ära, wurden wir alle mit den Bildwelten und dem Vokabular einer völligen Selbstregulation überschwemmt, die sich omnipotent gab und im Prinzip an die (Leer-)Stelle Gottes getreten war. Lohnfragen, Strompreise, Umweltbelange, Wohnungsnot … alles sollte sich quasi naturwüchsig und autonom wie von selbst in einen Gleichgewichtszustand bringen, vermittelt über den ‘großen Regulator’ des Marktes, der dann zugleich auch wiederum ‘von selbst’ gerecht sein würde. ‘Lasst doch der Jugend ihren Lauf’ hieß es einst, daraus wurde unter den Iden des Merz und zwischen den Kreuzen der daran Verstorbenen auf dem Kirchhof: ‘Lasst doch den Märkten ihren Lauf’.

Theoretisch begleitet und untermauert wurde dies alles von einer wildwuchernden kybernetischen Gesellschaftstheorie, die ihre zunehmend undurchschaubaren Begriffe so entwickelte, wie eine Hasenkolonie die Jungen wirft, die dabei nur eines vergaß, den ‘Steuermann’, der doch mit der Kybernetik untrennbar verbunden ist, ja, der ihr erst ihren Namen gab. Aus einer systemischen Steuerungstheorie wurde eine systemische Nichtsteuerungstheorie – was im völligen Widerspruch steht bspw. zu einem Ahnvater und Moralapostel wie v. Foerster. Aber auch – mit Verlaub – zu einem Niklas Luhmann. Denn der wusste auch noch, wie sehr die Metaphern das Geschehen in jedem gesellschaftlichen Subsystem prägen, ja, auf sprachlichem Weg seine Realitäten erst schaffen. Luhmann nannte diese gesellschaftsbildenden Metaphern allerdings ‘symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien’, weil er in seinem sprachlichen Drahtverhau das Aparte bis hin zur Unverständlichkeit schätzte.

Mit der Krise ist diese alte Bildwelt der naiven Selbstregulation völlig zerdeppert. Kein Mensch glaubt mehr, dass eine unsichtbare Hand irgendein Subsystem – ob Markt, ob Wissenschaft – am Patschehändchen nähme und ins Himmelreich führe, dass sich irgendeines von ihnen ‘wie von selbst’ regulieren könne, schon gar nicht auf wirtschaftlichem Gebiet. Selbstregulation gilt dem neuen gesellschaftlichen Bewusstsein fast schon als todsichere Methode, ökonomische Luftblasen zu erzeugen. An der Differenz beim Wortgebrauch unterscheiden wir inzwischen die marktradikal beharrenden Konservativen und die neuen Progressiven, vor allem daran, ob sie noch unverbesserlich die ‘freien Märkte’ preisen – oder eben nicht.

In diesem beginnenden Sprachwandel liegt in meinen Augen der wahre Gewinn der Krise: Wir werden endlich von den Blackberry-Jüngelchen und von ihrem dahergeschwätzten Unverantwortungsvokabular befreit, von den monosynaptischen Gelfrisuren, die alle erreichbaren Medien mit ihrem Deregulierungs-Kisuaheli vollzuschlabbern pflegten. Es entsteht gerade eine neue Sprache und eine neue Bildlichkeit der Weltbeschreibung. Darauf, dies beobachten zu dürfen, freue ich mich wie Bolle.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein frohes Fest!

Anno Detroit

Dienstag, 16. Dezember 2008

Die Sprache kommt immer zuletzt, sie ist kein Schrittmacher, sie gehört zu den Fußkranken jeder Kulturentwicklung. Da gibt es beispielsweise die Autoindustrie, die sich mit ihren Spritfressern und PS-Boliden selbst den Untergang bereitet hat, weil sie den Markt zugunsten einiger weniger Vertretertypen ignorierte, die weiterhin skandierten: “Ich geb Gas, ich will Spaß!“. Schauen wir uns das wichtigste Absatzinstrument auf dem PS-Markt, die vereinigte Motorpresse, an, dann ist die heute sogar noch hinter der Autoindustrie zurück, wo immerhin notgedrungen ein gewisses Umdenken eingesetzt hat. Bei den Journalisten aber ist noch so rein gar nichts vom ‘New Car’ angekommen, die Möchtegern-Ferrariristas hämmern auf ihre Tastatur ein wie einst im Mai. Sportlichkeit, Straßenlage, breite Schlappen – das ist noch immer das, was bei den ewigen Jungspunten in Deutschlands Brrmmmbrrmmm-Redaktionen zählt:

Auch die Straßenlage wurde der sportlichen Optik angepasst: Dynamische Fahreindrücke verspricht das um 20 bis 25 Millimeter tiefergelegte Fahrwerk in Kombination mit 20 Zöllern. Dabei sind die Leichtmetallfelgen in der Dimension 9.0 J x 20 wahlweise in schwarz oder weiß lackiert.”

Doch auch wirtschaftlich treibt der journalistische Sachverstand skurrile Blüten. Mit typischen ‘Haldenfahrzeugen’, mit den SUVs also, könne man noch immer Geld verdienen, heißt es bspw. wider allen Augenschein dort – angesichts überbordender Abstellflächen vor allen Fabriken:

Doch während BMW schon seit Jahren mit dem X3 erfolgreich Geld verdient und Mercedes mit dem GLK erst kürzlich nachgelegt hat, ist es nun an Audi, den Beweis anzutreten, ob man mit den Allradlern im Kompaktformat mithalten kann. Wir testen die Dreiliter-Sechszylinder-Turbodiesel von Audi, BMW und Mercedes in den Automatikversionen.”

Und die Auto-BILD kriegt sich vor verbalem PS-Geprotze gar nicht mehr ein. Jungens wollen eben spielen – oder wie?

“Im Gegenteil. Im Serientrimm kommt der RS gar auf 305 PS. Sie stammen aus dem 2,5 Liter großen Turbo-Fünfzylinder, der auch im zivileren Focus ST installiert ist – dort aber nur 225 PS aus den Brennräumen spuckt. Mit dem Sprung über die 300-PS-Hürde hat Ford ab März 2009 den bislang stärksten Kompakt-Renner im Angebot. Audi schickt den S3 mit vergleichsweise bescheidenen 265 PS auf die Piste, Opel den Astra OPC gar “nur” mit 240 PS. Und die Golf-GTI-Fangemeinde kann beim Duell der PS-Giganten vielleicht noch eine Statisten-Rolle abstauben. Ihr Spielmobil wird in der nächsten Ausbaustufe nominal mit lediglich 210 PS antreten.”

Kurzum – diese Journalisten stehen bestimmt nicht nur wegen der bösen Verleger demnächst auf der Straße, sondern auch wegen des eigenen Geschreibsels. Sie haben schlicht die Glocke nicht gehört. Hier noch ein Zitat zur Illustration – es stammt allerdings nicht aus der Autopresse:

Besonders schlimm erwischte es BMW mit einem Minus von 30,9 Prozent auf 50 801 Stück, wie der europäische Branchenverband ACEA in Brüssel mitteilte. Der Marktanteil der Münchener sank von 5,9 auf 5,4 Prozent. Daimler verzeichnete ein Zulassungsminus von 24,5 Prozent auf 53 826 Stück….”

Pfui!

Dienstag, 09. Dezember 2008

Wie könnt ihr bloß glauben, dass unsere Politiker, dass die Politjournalisten und die Talkshow-Experten alles ideologische Wendehälse wären? Sie haben sich nur eine andere, eine konsensfähigere Stelle im großen sozialen Sprachraum gesucht, weil es am bisherigen Platz von der Wirtschaftskrise her kalt hereinzog und man dort plötzlich ganz allein in unvorteilhaften alten Begriffen herumsaß.

Neubabylonische Sprachregelungen

Samstag, 11. Oktober 2008

Wenn sich die Welt wandelt, wandelt sich auch die Sprache. Hier erste Ergebnisse einer unsystematischen Feldforschung:

Verstaatlichung‘ heißt ‘Aktionsplan‘.

Geld futsch!‘ heißt ‘Liquiditätskrise‘.

Management-Buy-Out‘ heißt ‘Finanzmärkte stabilisieren‘.

Geld aus dem Fenster schmeißen‘ heißt ‘breiter Zugang zu Finanzierungen‘.

Banken vom Markt nehmen‘ heißt ‘Vertrauen wiederherstellen‘.

Investmentbanker outsourcen‘ heißt ‘Befreiungsschlag‘.

Keynesianismus‘ heißt ‘außergewöhnliche und mutige Schritte‘.

Schrott aufkaufen‘ heißt ‘klare vertrauensbildende Signale‘.

Reiche verlieren ungefähr 10 Prozent‘ heißt ‘dramatische Zuspitzung der Finanzkrise‘.

Koksern keine Chance‘ heißt ‘zukünftig mehr Vernunft in der Finanzbranche‘.

usw.

Wendesprachliches

Freitag, 10. Oktober 2008

Über die sprachlichen Eiertänze unserer neoliberalen Alphajournalisten habe ich drüben in der ‘medienlese’ ein paar Zeilen geschrieben.