Artikel mit ‘Stanzen’ getagged

Mit Anstand und Würde?

Sonntag, 15. Januar 2012

Der Bundestagspräsident wäre gut beraten, mit Anstand und Würde den Hut zu nehmen und das Schloss Bellevue zu verlassen”, sagte [der Bundestagsabgeordnete] Wellmann [CDU].” Mal abgesehen davon, dass der ‘Bundestagspräsident’ nicht in diesem Schloss residiert – unser naseweiser Antizipator sollte von Menschen, die schon gebeutelt genug sind, keine Dinge verlangen, die faktisch seit Tagen nicht mehr möglich sind: Der Mann wird das Schloss Bellevue mit einem lebenslangen Ehrensold verlassen, aber unter keinen denkbaren Umständen mit Anstand und Würde. Hüte trägt er auch nicht …

Die Schülerlotsen

Freitag, 16. September 2011

Auf den Weg gebracht!” – kaum eine Plattitüde duftet so streng nach Parlament und Ausschusswesen, wie diese rundgeschliffene Perle des politischen Sprachgebrauchs: “Das Bundeskabinett hat gestern eine Änderung bei der Besteuerung kleiner und mittlerer Unternehmen auf den Weg gebracht.”

Heute ist es nicht länger Hauptaufgabe der Politik, etwas zu erreichen oder ein Projekt bis ins Ziel zu bringen. Es genügt, ihm den richtigen Weg zu weisen, dann vielleicht noch ein kleiner Schubs, und schon muss das politische Baby auf eigenen Füßen gehen. Einer weiteren Bemutterung durch die Politik bedarf es nicht:

“Gut zwei Monate sind vergangen, seitdem der Bundesrat das Gesetzespaket zur Energiewende auf den Weg gebracht hat.”

Zu diesem Zeitpunkt zeigt sich regelhaft die Schwachstelle dieser Stanze, ihre immanente Fragwürdigkeit: Denn warum hören wir in der Folge so rein gar nichts mehr von dem, was von solchen ‘Entscheidern’ einst auf den Weg gebracht wurde? Wie lang ist überhaupt dieser Weg? Ist ihn schon jemals jemand zu Ende gegangen? Und was wird am Ende vom Selbstläufer noch übrig sein?

Fragen über Fragen – die dann, diesem Sprachgebrauch zufolge, allesamt nicht mehr Aufgabe der Politik sind. Denn sobald eine Initiative ‘auf den Weg gebracht’ wurde, endet der politische Sektor. Obwohl die Leichen derer, die von der Politik auf den Weg gebracht wurden, zu Tausenden den Straßenrand säumen …

Oldies but Goldies

Donnerstag, 21. Juli 2011

Journalisten haben Lieblingsmetaphern, gern auch solche, die ihnen das Denken abnehmen. Hierzu zählt seit Methusalems Zeiten mit Sicherheit der ‘Paukenschlag’. Wenn der Leitartikler lautstark auf das geschundene Fell haut, dann gewinnt er – glaubt jedenfalls er – für das drögeste Thema die nötige Aufmerksamkeit. Hier einige Anwendungen, frisch aus unserer inhaltsleer daherdröhnenden Medialgegenwart:

“Energiepolitischer Paukenschlag in der Region.”
[Was ist los? Nichts ist los. Hohenlohe führt eine Bürgerbeteiligung beim Entscheid über Energieprojekte ein.]

Schon in wenigen Stunden beginnt die Comic Con 2011 in San Diego mit einem Paukenschlag. Der Cast aus der Twilight-Saga “Breaking Dawn” hat sich angesagt.
[Worum geht's? Semi-Promis besuchen nur halbwegs Interessantes.]

Der Paukenschlag von Rapinoe
[Ein haushoher Favorit schoss, wie erwartet, früh das erste Tor.]

“Paukenschlag in Vluyn: Die Feuerwehrleute wollen … mit einer Mahnwache – auf ihre Situation aufmerksam machen.
[Ein paar Männlein stehen rum - die Pauke macht dazu Bummbumm.]

“Ferienauftakt mit einem Paukenschlag: 204 Mädchen und Jungen beteiligten sich an erster Falkenseer Sommerakademie.”
[Wie die Ferienakademie mal fast ausgebucht war ...]

“Paukenschlag in Murrhardt. Bürgermeister Dr. Gerhard Strobel wurde nach acht Jahren erdrutschartig abgewählt.”
[Das Duisburger Modell: Ein Bürgermeister hielt sich - den Fakten zum Trotz -  für einen Sugar-Daddy.]

Resumée: Der ‘Paukenschlag’ im Journalismus funktioniert immer noch ähnlich probat wie bei Papa Haydn und seiner Symphonie mit dem Paukenschlag: Sobald das Publikum wohlig dahinzudösen beginnt, schlägt der Mann am Ochsenfell zu. Das Publikum schreckt hoch, denkt ‘Ach so!’ und versinkt wieder in medialen Dämmerschlaf …

Wortlügen

Mittwoch, 14. Juli 2010

Auch einzelne Wörter können uns dauerhaft und tiefgreifend desinformieren. Zu ihnen zähle ich bspw. die geläufige Journalistenstanze von der “Machtergreifung” Hitlers. Das Wort setzt ein Bild in Szene, dass nämlich damals ein Mann oder eine Partei aktiv nach der Macht ‘gegriffen’ hätte. Historisch gesehen ist das höherer Blödsinn, eine Worthülse, die vor allem dazu dient, den Blick von den wirklichen Vorgängen abzulenken. Denn in Wahrheit wurden die Nazis von ganz anderen Gruppen ‘installiert’, es handelt sich um eine ‘Machtübergabe’ gesellschaftlicher Eliten an einen politischen Desperado, der als Handpupppe eben jener Eliten dienen sollte. Dass dieser Plan gewaltig in die Hose ging, ist wiederum eine andere Geschichte.

Die NSDAP war zum Jahreswechsel 1932/33 jedenfalls gar nicht handlungsfähig oder zu einer ‘Machtergreifung’ in der Lage. Sie war im ‘inneren Kameradenkrieg’ versunken, zutiefst gespalten in einen ‘sozialistischen’ Parteiflügel unter den Gebrüdern Strasser und in eine ‘realpolitische’ Fraktion unter Hitler, Goebbels und Göring. Im November 1932 war sie bei den Wahlen überdies krachend eingebrochen (- 4,3 %), die Parteifinanzen waren mehr als nicht mehr vorhanden, die Bräunlinge waren bei allen Banken bis über beide Ohren verschuldet.

Vorbereitet wurde die Kanzlerschaft Hitlers folglich auch gar nicht in der NSDAP, die Parteispitzen verzweifelten damals an jeder realen Machtperspektive – von einem beherzten ‘Zugreifen’ also keine Spur. Hitlers Kanzlerschaft wurde in Geheimgesprächen – ganz ohne Hitler – zwischen Hugenberg, von Papen und Hindenburg verabredet, unter Einbezug der Reichswehrspitzen. Hitler sollte als populistischer Kanzler einer bürgerlich-konservativen Regierung ‘entzaubert’ und ‘eingebunden’ werden. Seine Kanzlerschaft war daher nichts, was die Nazis aktiv erreicht hätten. Ihnen war vielmehr die Rolle zugedacht, populäre Pappnasen, Trickfiguren und Handlanger abgewirtschafteter gesellschaftlicher Eliten zu werden – im Klartext sollten sie bloß die nützlichen Idioten von industrieller Bourgeoisie, Großgrundbesitz und Militär sein. Fakt ist: Hitler wurde ins Amt ‘gehievt’, weshalb “Machtübergabe” jenes Wort wäre, das dem wirklichen Sachverhalt am nächsten kommt. Geplant war im Kern sogar eine “Ohnmachtsübergabe”, wobei der braune Kanzler sich vor dem Parlament müde hampeln und im Falle eines Falles vom Reichspräsidenten gefeuert werden sollte. So ähnlich sieht es übrigens die seriöse Geschichtsschreibung durch die Bank.

Natürlich wäre andererseits die wahre Geschichte bestimmten gesellschaftlichen Gruppen bis heute denkbar unangenehm. Nur so erklärt sich aus meiner Sicht die fortdauernde Karriere des allzu bequemen Wörtchens “Machtergreifung” – bis tief in die aktuelle Presselandschaft hinein:

“Denn die Machtergreifung Hitlers war der Anfang der Katastrophe …” (Tagesspiegel)
“Die Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30.Januar 1933 war für die Juden ein Schicksalsschlag …” (Fürther Nachrichten)
“Nach der Machtergreifung der Nazis wurde er aus seiner Dresdner Bank gedrängt …” (Die Welt)
“Einen ersten Eindruck dessen, was nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten folgen sollte, mussten die jüdischen Geschäftsleute bereits am 1. April 1933 erfahren … (Märkische Allgemeine)
“Wir erleben wie an der eigenen Haut, welche konkreten Konsequenzen die Machtergreifung Hitlers in ganz anderen Ländern hatte …” (MDR)
“Nach der “Machtergreifung” kam er im NS-Terrorapparat unter …” (FAZ)

Die genannten Beispiele stehen für buchstäblich tausende weitere in der Tagespresse. Bewusstere Redakteure setzen immerhin den Begriff in Anführungsstriche oder sie sprechen ohne nähere Begründung von der “sogenannten Machtergreifung”. Die einzig historisch wahre Formulierung, eine “Machtübergabe an Hitler”, kommt hingegen nirgends vor, weil sie damit Hitler vom ‘Subjekt’ in ein ‘Objekt’ verwandeln würden, grammatisch gesehen in ein Akkusativobjekt. So verzerrt ein einziges verlogenes Wort, das Reden in kurrenten Stanzen, permanent die Wahrnehmung der Menschen, insbesondere derjenigen, die nie ein dickleibigeres Geschichtswerk in die Hand nehmen dürften.

Föjetong und Festlichkeit

Mittwoch, 10. Februar 2010

Ach, kaum war endlich mal Ruhe eingekehrt – da verspüre ich notorischer Miesmacher an diesem Text doch schon wieder einen Hauch jener ominösen Krise: “Von Medienkrise war … anlässlich Hubert Burdas 70. Geburtstag … nichts zu spüren.” Prompt kam nämlich dort ein berufsjugendlicher Hansdampf “als Überraschungsredner” ans Pult gestürmt, ein anderer “machte eine ausgezeichnete Figur”. Dann gab’s noch “eine Video mit Geburtstagsgrüßen” – Bastian Sic! ließ herzlichst grüßen. “Unterschiedliche Gratulanten” kamen und gingen, und nicht immer bloß dieselben, wie’s ja bei dieser “festlichen Gelegenheit” auch nicht zu erwarten war. Eine leibhaftige “Schlager-Legende” griff tief ins Büffet und ins Klavier, was aber keinesfalls das einzige und “erste Highlight” blieb. Auch ein Roboter “trieb sein Unwesen”. Gut gelaunte Gäste hatten sich derweil “mit Frack und Zylinder” beworfen – oder so ähnlich – kurzum: klipperdiklapp, plapperlapapp, tandaradei. Das muss wohl ein wahres Festival der Stenze und Stanzen gewesen sein … von Medienkrise aber keine Spur.

Bullshit schreiben (Crashkurs)

Mittwoch, 03. Dezember 2008

Beachten Sie einfach die folgenden zehn Regeln, wenn Sie gute PR- Texte schreiben wollen. Dann kommen Sie – immer mit einem lockeren Spruch auf den Lippen – ganz bequem durchs Leben, Sie müssen sich Ihre literarischen Ziele nur noch knöchelhoch stecken, selbst bei intellektuellen Defiziten bleiben Ihnen Überforderungsgefühle erspart und – last not least – Sie verdienen in jedem Fall mehr als der gewöhnliche Feld-Wald-und-Wiesen-Tintenkleckser. Los geht’s:

1. Stellen Sie Ihr Anliegen immer in den Mittelpunkt, auch wenn Sie sich faktisch am Rande der Gutenberg-Galaxie bewegen: “Immer mehr Menschen stellen das Bedürfnis nach guten Wanddübeln in den Mittelpunkt ihres Alltags …” Zack – das sitzt! Und zwar fest in der Wand: “FDP stellt Sozialpolitik in den Mittelpunkt ihres Parteitags

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