Artikel mit ‘Stil’ getagged

Wohlgetöse im Gekröse

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Kanzlerin Angela Merkel ringt momentan Tag und Nacht um die Rettung unseres Wohlstands. In Deutschland wird das nicht gesehen, geschweige denn wertgeschätzt.

Ach, wie sie dort ringt, besonders nachts, und wie sie den Sarkozy gerade mit einem derivatären Riesenhebel und mit gekonntem Hüftwurf auf die diplomatische Matte warf – tscha, Hofjournalismus, Geflöte oder Mausitum hieß diese devote Stilform früher mal, heutzutage fiele mir eher etwas Spinndoktorisch-Proktologisches ein …

Textqualität im Netz

Mittwoch, 10. August 2011

Wolf Schneider plus SEO – das ist grob gesagt die Formel, die uns Claus Hesseling auf seinem Blog ‘Onlinejournalismus’ für das bessere Schreiben im Netz anpreist. Da es sich um einen ‘Spickzettel’ im pdf-Format handelt, kann ich hier nur auf diese Fundstelle verlinken, nicht auf die einzelnen Zitate. Im Kern handelt es sich um die Transformation journalistisch ‘bewährter Methoden’ ins Netz hinein. Selbst wenn jetzt alle Netz-Eleven diesen Zettel hinter den Monitor klemmen würden, folgen daraus – wie ich fürchte – keine besseren Texte.

Zunächst einmal ist Hesselings ABC-Schule in sich wiedersprüchlich. So fordert Hesseling gleich anfangs, die “wichtigsten Informationen am Anfang des Textes” und vor allem gleich am “Anfang jeden Absatzes” zu bringen. Um wenig später dann den beliebten “Cliffhanger” zu fordern, damit aber auch eine ‘Verrätselung’ des Textes und einen ‘Informationsstau’, um Neugier und Lust aufs Weiterlesen zu erzeugen. Beides geht nicht zusammen: Entweder volle Aufklärung gleich im ersten Satz – oder aber die Verschiebung der Lösung tiefer in den Text hinein, so wie bei einem guten Kriminalroman. Der Leser steht ratlos davor – das ‘Navi’ sagt ihm: Fahren sie rechts und links …

Zweitens preist uns der Verfasser eine ‘Focussierung’ der Texte an, so wie in Markworts Faktenschleuder, ein Magazin, das bekanntlich dem Erfolg derzeit eher hinterherstratzt. Durch Infokästen und Tabellen sollen lange Texte nach dem “Sushi-Prinzip” aufgebrochen werden, es entstehen jene bunten ‘journalistischen Schlachteplatten’, die angeblich beiden, dem eiligen wie dem genauen Leser, gleichermaßen etwas zu bieten haben – das Resultat ist eine infolegende Narrationssau.

Die Abkehr vom Feuilleton empfiehlt uns Hesseling dann beim ‘Headlining’: “Sinnvolle statt witzige oder feuilletonistische Überschriften“, natürlich vollgepackt mit googlefreundlichen ‘Keywords’. Mal abgesehen von dem ewigen Missverständnis des Unterhaltsamen – dass also eine Headline, die ‘witzig’ ist, dies nur sein kann, wenn sie auf Sinn verzichtet – davon abgesehen, wird ein solch strohtrockenes Verfahren den Leser nur gähnen machen. Er denkt, er habe aus der Headline schon alles erfahren und düst weiter zur nächsten Station im Netz.

In die gleiche Kategorie gehört auch der Ratschlag, die Sätze “short & simple” zu halten, weil “niemand sich beschweren wird, wenn etwas zu einfach zu verstehen ist“. Tscha – warum lesen Erwachsene eigentlich keine Kinderbücher? Wir stoßen hier auf die ewige Unterschätzung des Lesers, die es jedem eher Schreibunbegabten erlaubt, seine Defizite auf den Rezipienten zu übertragen, nach dem Motto: “Der Leser will es doch so” (war das nicht ein schöner langer Satz?). Wahr ist förmlich das Gegenteil: Mit dem Hundetrab kurzer Sätze unterfordern wir den Leser und kegeln ihn aus dem Text. Die Regel lautet: Jeder Satz sei so lang wie der Gedanke, den er formuliert. Wirkt der Satz unverständlich, dann arbeite an deinem Stil. Unbequem? Klar ist das unbequem – für den Schreiber nämlich!

Auch der Hinweis, auf Adjektive und Adverbien zu verzichten, ist in dieser Absolutheit Blödsinn. Die dritthäufigste Wortklasse der deutschen Sprache dient dazu, emotionale und sinnliche Qualitäten zu benennen. Wer auf sie verzichtet, amputiert die Realität und seine Möglichkeiten. Das Problem sind ja nicht die Adjektive, sondern die ‘rundgelutschten Adjektive’: der ‘erfolgreiche’ Geschäftsmann, die ‘eingetretene’ Entwicklung, die ‘blutige’ Schlacht usw. Gleichen sie ausgetretenen Stanzenpantoffeln, zeigen uns Adjektive nur, dass hier ein Schreiber zu faul war, selbst etwas zu erleben. Zum Thema habe ich anderswo schon etwas geschrieben. Selbst der Verzicht auf Relativsätze ist nur demjenigen zu empfehlen, der den Umgang mit ihnen nicht beherrscht. Die weite Welt der Texte bevölkern berühmte Relativsatzvirtuosen en masse – man muss es aber können.

Vieles von dem, was Hesseling schreibt, ist wiederum völlig richtig. Der Gebrauch von Zwischenüberschriften kann sinnvoll sein, das Setzen von Hyperlinks ist ein Muss, via Kommentarspalte einen Dialog mit dem Leser zu führen ebenfalls. Publikumsfreundlich ist auch das Schreiben im Aktiv, ohne Fremdwörter und Politiker-Worthülsen.

Wesentliche Dinge fehlen mir wiederum – zum Beispiel der Hinweis auf rhetorische Stilfiguren, die einem Text erst jene Würze geben, die den Leser an unser Buffet lockt. Auch ein Satz zur Rhythmik von Texten hätte dem ‘Spickzettel’ gut getan. Wenn ich oben schrieb “so wie in Markworts Faktenschleuder“, dann doch nicht deshalb, weil ich hier ‘witzig’ sein wollte, sondern vor allem deshalb, weil so auf einen daktylischen Auftakt drei Trochäen folgen. Rhythmischer Wechsel bringt Bewegung in den Text, so erzeugen wir den Eindruck einer Straffheit, die den Leser bindet, hier fängt die Kunst dann an – weil sich der Leser in der Dynamik unseres Textes wiegen darf. Der Rhythmus kann sogar Unsinn plausibel machen – weitgehend sinnfreie Sprichwörter wie “Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen” oder “Das Leben ist kein Ponyhof” gelten doch nur deshalb als ‘wahr’, weil sie rhythmisch gebunden sind.

Eins ist jedenfalls klar: Gerade weil die Konkurrenz der Schreibenden im Netz so unüberschaubar geworden ist, führt nur noch Kunst zum Erfolg, dahergeklappertes Handwerk allein genügt nicht mehr. Und ‘Journalismus plus SEO’ ist auch kein Königsweg. Selbst ohne die große ‘Google-Optimierung’, wie sie SEO-Experten empfehlen, habe ich die Homepages von Kunden mit ihren ‘Kernbegriffen’ schon auf die Titelseiten von Google geführt. SEO wird ‘gehypt’ und überschätzt, der Zügel ist nicht das Pferd …

Sarah Palin redet

Montag, 07. Februar 2011

Und zwar exakt so, wie ihre Anhängerschaft denkt – im schönsten Krausimausi-Stil:

“Und keiner hat bisher, keiner hat dem amerikanischen Volk bisher erklärt, was sie wissen, und sie wissen sicher mehr, als der Rest von uns weiß, wer es sein wird, der die Stelle von Mubarak einnehmen wird, und nein, nicht, nicht wirklich begeistert darüber, was es ist, das auf der nationalen Ebene und aus Washington getan wird, um die ganze Situation da in Ägypten zu verstehen.”

Wow, diese Pointen, diese treffsicheren Bonmots, diese Zitierfähigkeit all ihrer Aussagen! Kurzum: Alle Brabbels verehren die Brabbels wegen deren Gebrabbels als ihresgleichen …

Auf dem Lumix-Festival

Donnerstag, 17. Juni 2010

Zu meiner Überraschung lud mich Professor Rolf Nobel als Mitdiskutanten nach Hannover ein, wohl deshalb, weil ich für die Zeitschrift ‘freelens’ schon mal über Fotografie im Netz schrieb. Im Rahmen des “Lumix Festivals für jungen Fotojournalismus” soll ich dort heute über das Thema “Multimedia – ein neues Medium verlangt neue Fotografen” mit Michael Hauri (2470media), Fabian Mohr (Die Zeit) und Robert Wenkemann (FAZ) Folgerungen aus dem Medienwandel in möglichst bildhafter Sprache in Szene setzen. Hier vorab schon mal das Thesenpapier, das ich mich zur Vorbereitung ‘gestrickt’ habe, so dass es die Teilnehmer anschließend auch im Netz abrufen können:

Kein Blitz, sondern ein Grundbeben – der ablaufende Medienwandel:

Der Medienwandel schlägt in die existierenden Strukturen nicht so ein, wie der Blitz in einen Baum. Es ist ein Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum hinziehen wird, vielleicht sogar über Generationen. Nachdem Gutenberg im 15. Jahrhundert die Druckerpresse grundlegend verbesserte, hielten nicht am nächsten Tag schon alle Bauern die Bibel in der Hand, um sich künftig selbst über Gottes Wort zu informieren. Trotzdem verlor allmählich eine Kaste – die Priester und Schriftgelehrten – ihr Verfügungsmonopol über die himmlischen Geschäftsangelegenheiten. Hundert Jahre später hatten wir dann die Reformation – die bekanntlich weitgehend aus diesem Medienwandel hin zum gedruckten Laienpriestertum folgte. Ähnlich wie den Klostergelehrten damals ergeht es den Journalisten und Fotojournalisten heute. Kleiner Trost für massenmediale ‚Torwächter‘: Es gibt heute, Jahrhunderte nach Gutenberg, immer noch Katholiken und auch Priester – professionelle ‚Gatekeeper‘ zum medialen Himmelreich. Nur ihre Autorität hat erheblich gelitten. Ihr Monopol ist keines mehr.

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Der Plauderton

Montag, 26. April 2010

Er biete doch nur Plaudereien, musste sich Don Alphonso vorwerfen lassen, als er es wagte, die verschworene Gilde der Feuilletonisten in seinem FAZ-Blog auf die Schippe zu nehmen. So ganz nebenbei führte er ihnen in zwei aufeinander folgenden Texten vor, wo der Frosch die Locken trägt, was also der Unterschied sei zwischen den hochgestemmten geistesgeschichtlichen Zitaten, den ausgeleierten Reminiszenzen und emsig gepflegten Fremdwortsammlungen des Feld-Wald-und-Wiesen-Feuilletons – und jenen neuerdings sich immer mehr artikulierenden ‚Blog-Tönen‘ ungehemmter Subjektivität, die nur auf eigenen Spuren wandeln. Ein Sound, der alle besseren und geleseneren Blogs zu kennzeichnen beginnt. Das neue Medium schafft sich seine neue Sprache.

Auch mir platzte dort der Kragen, ich verwickelte mich in Gebelfer mit einer gewissen Rosinante in den Kommentaren – und will hier ein wenig ausführlicher erläutern, weshalb das scheinbar Mühelose, das Abschweifend-Digressive und das Anekdotische zugleich die allerschwerste Textsorte ist, die ein Schriftsteller und Journalist überhaupt zu beherrschen vermag. Mir geht es um die Ehrenrettung des Plaudertons.

Um hier gleich mit einem Schwergewicht ins Haus zu fallen, habe ich einfach in den Festmeter meiner Tucholsky-Ausgabe hineingegriffen und den Band VII erwischt. Das tat ich deshalb, weil Kurt Tucholsky ein Meister dieser ewig unterschätzten anekdotisch-geistblitzenden Stilform ist (ich hätte aber auch Fontane, Polgar oder Roth wählen können). Der Text No. 130, den ich im Buch blindlings aufschlug, trägt den Titel „Paris, den 14. Juli“ (GA VII, 358 ff). Siegfried Jacobsohn, der Herausgeber der ‚Weltbühne‘, hatte sich von seinem geliebten Panterchen einen umfänglichen Text zum französischen Nationalfeiertag des Jahres 1925 gewünscht – was sich gut traf, da Tucholsky zu jener Zeit vor dem deutschen und Berliner Elend längst in sein neues Paradies an der Seine geflohen war.

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Die Parataxe

Dienstag, 20. April 2010

Ob der Blödheit mancher Rezensenten möchte ich manchmal die Tastatur in die Ecke pfeffern. Gerade im vorgeblichen Hort des Geistes, im Feuilleton, wird die Zeitung immer öfter zu einer publizistischen Zumutung. So schreibt ein gewisser Oliver Jungen in der FAZ über den Schriftsteller Airen. Ein Blog-Autor, der bekanntlich jener – von eben demselben Feuilleton – hochgeträllerten Plagiatorin Helene Hegemann zu ihrem Machwerk ‘Axolotl Roadkill’ per Copy & Paste die passende Erlebnisvorlage lieferte. In Oliver Jungens ‘Kritik’ findet sich, neben vielem anderen Stuss, die folgende beckmesserische Anmerkung:

“Stilistisch gelangt das Opus nirgends über den schnodderig-expliziten Tonfall und die Parataxe hinaus, welche die meisten Online-Foren prägen. Das Tempus ist der Tagebuchform wegen ein ödes Universalpräsens.”

Mit einer einzigen germanistischen Renommiervokabel meint der Herr das Buch aus den Tiefen der Blogosphäre stilistisch erledigen zu können. Ein wahrhaft schwankender Turm, auf dem er dort steht. Zum allgemeinen Verfallszustand des Feuilletons, das sich mit solchen Bauerntricks über die wesensfremde Online-Welt zu erheben trachtet, hat Don Alphonso anlässlich seines ‘Besuchs bei Analphabeten und Zauseln’ schon das Nötige gesagt. Über das Buch will ich mich auch gar nicht äußern, denn ich habe es gar nicht gelesen. Völlig unnötige Skrupel, die mir jede Laufbahn als Feuilletonist verbauen. Worin aber besteht der blödsinnige Vorwurf, in einem Text Parataxen zu verwenden?

Zunächst einmal ist die Parataxe nichts als eine Reihung von Hauptsätzen, die idealerweise zudem grammatisch gleich aufgebaut sein sollten. Ausführlicheres hier in der wikipedia. Schriftsteller verwenden dies Stilmittel, um den Anschein entweder einer besonders linearen und stringenten Argumentation zu erzwingen, um dem Leser Raum für Deutungen zu schaffen, oder aber auch, um gewisse unheimlich-unbestimmbare Wirkungen zu erzielen. Hier einfach mal vier in angefressen morbider Stimmung von mir dahergeklimperte Zeilen:

Das Gras lag feucht und geschändet.
Der Himmel schwieg still und schlief.
Ein Teich lockt weich und moorestief.
Das Feuilleton ist doof und vollendet.

Vier Hauptsätze – vier Parataxen. In der Prosa klänge es dann ungefähr so: “Angela trug das Kind auf dem Arm. Eine Fliege schlug blindlings mit dem Kopf ans Fenster. Die Uhr trieb im Flur die Minuten vor sich her.” Trotz des Ticktacks hätte ich so die Zeit fast zum Stehen gebracht. Was an einem der gebräuchlichsten Hausmittel jeden Schriftstellers – von Altenberg über Brentano, Goethe und Kafka bis hin zu Stefan Zweig – plötzlich kritisierenswert sein soll, sobald es sich in ein Blog verirrt, das würde ich von diesem pretiös daherschwätzenden Herrn gern mal hören. Vermutlich gewinnt er ja noch nicht einmal aus dieser schönen Parataxe einen Hauch von Erkenntnis: “Über allen Gipfeln ist Ruh. Über allen Wipfeln spürest du …“. Und dann wäre dies Machwerk auch noch in einem solch “öden Universalpräsens” geschrieben!

Ach, Feuilleton – du Tummelplatz derer, bei denen es zum Schreiben nicht langte …

Sagt ein großer Stilist:

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Ich habe schon manches Stilproblem zuerst durch den Kopf, und dann durch Kopf und Adler entschieden.”
Karl Kraus, Fackel 309 – 310, S. 39

Dramatischer und epischer Stil

Sonntag, 21. Juni 2009

Wodurch sich diese beiden typischen prosaischen Stilformen unterscheiden – diese Frage lässt alle Sprachseminare für einen Moment stumm werden. Der Gebrauch des Dialogs und derjenige der wörtlichen Rede, das seien doch eher typisch dramatische Stilmittel, heißt es dann tastend, während der Epiker über die Stoffmassen gebiete, notfalls ganze Gespräche ergebnishaft in einem Satz zusammenraffe, damit er sich dann wieder detaillistisch in einer endlosen Landschaftsschilderung verlieren dürfe. Daran ist vieles richtig – nur gibt es die wörtliche Rede auch in den epischen Gefilden:

“Die unendliche Steppe. Der dünne schräge Fadenregen zog hinter ihnen her, überrieselte sie, legte einen grauen Schleier vor sie. Paars Pferd drängte sich an seins, Paar drängte sich verlangend, Hände hinlangend an ihn, rief etwas dem Mann zu, der den Kopf auf die Brust vor dem Wasser senkte. Die Sätze verschluckt, die Stimme schrie, beschwor den andern, suchte ihn vom Pferd zu bewegen. Um des Heilands willen nicht zurück, er möchte vertrauen, oh vertrauen. Von drüben die Worte: “Wo ist die Jagd? Führt mich zurück. Ihr seid verloren sonst.” Immer weiter in die rieselnde Dämmerung. Die lautlosen Pferde. Hinter dem Kaiser zu seiner Seite, jagte Paar. In dem Kaiser stieg die Angst, saß an seinem Rücken, auf seinen Schultern: “Der Satan ist da”. Gehölz zur Rechten, schwellendes federndes Moos” (Alfred Döblin: Wallenstein, 23)

In dieser Szene, wo der deutsche Kaiser Ferdinand am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges den Tross der Jagdgesellschaft verliert und an der Seite eines dubiosen Edelmanns durch den Regen reiten muss, da geht es dem Autor des Textes um die Angst als ewige Begleiterin aller Mächtigen jener Zeit. Der Tischnachbar war stets ein potenzieller Attentäter, jeder Mensch war des Menschen Wolf. Aus der Konstellation allgegenwärtigen Misstrauens wächst in der Folge die besondere Brutalität dieses Krieges. Das ist der ‘Sinn’ solcher Passagen in diesem Roman, der – das nur nebenbei – höchst lesenswert ist.

Döblin als allwissender Autor schaut seinem Kaiser also direkt in den Kopf, er sieht die kirchlich geprägten Vorstellungen vom Satan, die den Kaiser schauern lassen. Dieser Satz – “Der Satan ist da” – der ist trotz aller Anführungsstriche nur scheinbar wörtliche Rede, es ist viel mehr ein Gedankenfetzen des Potentaten, womit Döblin die Gedankenwelt und den Aberglauben dieser Zeit auf den Punkt bringt. Die gesellschaftlichen Führungsschichten stecken mental noch in einer tiefen katholischen Nacht, die keine Aufklärung je erhellte. Der “graue Schleier” des Regens wird zum unterstützenden Symbol, das die überall herrschende Blindheit und Kurzsichtigkeit unterstreicht; auch die Landschaft und ihr Wetter haben eine Funktion. Kurzum: Wir sehen hier geradezu das Schulbeispiel einer “epischen Passage”.

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Zweisprachlichkeit?

Donnerstag, 04. Juni 2009

Seit längerem pätschwürge ich, immer wenn ich dazu mal Zeit finde, an einem Typoskript mit dem Titel ‘Schreiben im Web 2.0′ herum. Es beruht auf meinen Beobachtungen über erfolgreiche Textformen im Netz, teilweise auch auf Texten, die ich für diese Klorolle hier verfasse – und es soll idealerweise auf solcher Basis als Antidot zu Journalistenschulen, aber auch zu den Rigorismen eines Wolf Schneider oder Bastian Sick dienen. Ganz und gar zum Gebrauch für Blogschreiber.

Beim Blogger daheim ...

Beim Blogger daheim ...

Gerade das aber gerät einem Literaturagenten – der Name tut hier rein gar nichts zur Sache – in einer E-Mail an mich zum Totschlagsargument. Weil ich so für Blogger schreiben dürfe, dürfe ich doch noch lange nicht so für ein Buch daherschreiben, das für den Buchmarkt bestimmt sei. Denn das richte sich immerhin an ein wirkliches Qualitätslesepublikum, das wahre Seriosität gewohnt sei, das also solche Persönlichkeiten des literarischen Lebens goutiere und mit hohen Auflagen belohne wie Rosamunde Pilcher, Egon Krenz oder gar Großschriftsteller wie Dieter Bohlen.

Aha, dachte ich mir da, der Teufel ist doch ein Logiker – und Blogger lesen und kaufen demnach gar keine Bücher. Ja – auf diese Weise wird eine Aufspaltung des Publikums in Blog-Leser und Bücherleser doch wirklich zu einem Argument, dass die eigenen Vorurteile in eine Redundanz verwandelt, die durch keine Realität mehr gedeckt ist:

“… Das ist … aus meiner Sicht ein zusätzliches Negativkriterium. Der von Ihnen gewählte Insiderjargon (Holzmedium, Alphajournalisten, Communities, werbedurchblökt …) passt nicht für ein Buch. Sowas liest man gerne mal in einem Blog, aber nicht 200 Seiten lang. … “

Ja, denn eben nicht …

Blogschreiber: Don Alphonso

Freitag, 22. Mai 2009

Als Beispiel für den neuen Stil, der durch das Web 2.0 in die schreibende Zunft Einzug hält, wähle ich einfach mal einen stark kommentierten Beitrag aus den FAZ-Blogs. Don Alphonso stellte ihn am 18. März 2009 dort ein – unter dem Titel „Klassenkampf oder was davon übrig ist“.

In seinen Beiträgen dort – wie auch anderswo – gefällt sich der Don in der Rolle eines vermögenden Sohnes aus der Haute Bourgeoisie, selbst allen materiellen Sorgen enthoben, der trotzdem unentwegt bereit ist, auch gegen den Stachel der Upper Class zu löcken. Folgerichtig beginnt der Artikel mit einem revolutionären Mission Statement, das der arglose Leser nicht ausgerechnet in seiner kreuzkonservativen FAZ zu lesen erwarten durfte:

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