Artikel mit ‘Stil’ getagged

Sagt ein großer Stilist:

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Ich habe schon manches Stilproblem zuerst durch den Kopf, und dann durch Kopf und Adler entschieden.”
Karl Kraus, Fackel 309 – 310, S. 39

Dramatischer und epischer Stil

Sonntag, 21. Juni 2009

Wodurch sich diese beiden typischen prosaischen Stilformen unterscheiden – diese Frage lässt alle Sprachseminare für einen Moment stumm werden. Der Gebrauch des Dialogs und derjenige der wörtlichen Rede, das seien doch eher typisch dramatische Stilmittel, heißt es dann tastend, während der Epiker über die Stoffmassen gebiete, notfalls ganze Gespräche ergebnishaft in einem Satz zusammenraffe, damit er sich dann wieder detaillistisch in einer endlosen Landschaftsschilderung verlieren dürfe. Daran ist vieles richtig – nur gibt es die wörtliche Rede auch in den epischen Gefilden:

“Die unendliche Steppe. Der dünne schräge Fadenregen zog hinter ihnen her, überrieselte sie, legte einen grauen Schleier vor sie. Paars Pferd drängte sich an seins, Paar drängte sich verlangend, Hände hinlangend an ihn, rief etwas dem Mann zu, der den Kopf auf die Brust vor dem Wasser senkte. Die Sätze verschluckt, die Stimme schrie, beschwor den andern, suchte ihn vom Pferd zu bewegen. Um des Heilands willen nicht zurück, er möchte vertrauen, oh vertrauen. Von drüben die Worte: “Wo ist die Jagd? Führt mich zurück. Ihr seid verloren sonst.” Immer weiter in die rieselnde Dämmerung. Die lautlosen Pferde. Hinter dem Kaiser zu seiner Seite, jagte Paar. In dem Kaiser stieg die Angst, saß an seinem Rücken, auf seinen Schultern: “Der Satan ist da”. Gehölz zur Rechten, schwellendes federndes Moos” (Alfred Döblin: Wallenstein, 23)

In dieser Szene, wo der deutsche Kaiser Ferdinand am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges den Tross der Jagdgesellschaft verliert und an der Seite eines dubiosen Edelmanns durch den Regen reiten muss, da geht es dem Autor des Textes um die Angst als ewige Begleiterin aller Mächtigen jener Zeit. Der Tischnachbar war stets ein potenzieller Attentäter, jeder Mensch war des Menschen Wolf. Aus der Konstellation allgegenwärtigen Misstrauens wächst in der Folge die besondere Brutalität dieses Krieges. Das ist der ‘Sinn’ solcher Passagen in diesem Roman, der – das nur nebenbei – höchst lesenswert ist.

Döblin als allwissender Autor schaut seinem Kaiser also direkt in den Kopf, er sieht die kirchlich geprägten Vorstellungen vom Satan, die den Kaiser schauern lassen. Dieser Satz – “Der Satan ist da” – der ist trotz aller Anführungsstriche nur scheinbar wörtliche Rede, es ist viel mehr ein Gedankenfetzen des Potentaten, womit Döblin die Gedankenwelt und den Aberglauben dieser Zeit auf den Punkt bringt. Die gesellschaftlichen Führungsschichten stecken mental noch in einer tiefen katholischen Nacht, die keine Aufklärung je erhellte. Der “graue Schleier” des Regens wird zum unterstützenden Symbol, das die überall herrschende Blindheit und Kurzsichtigkeit unterstreicht; auch die Landschaft und ihr Wetter haben eine Funktion. Kurzum: Wir sehen hier geradezu das Schulbeispiel einer “epischen Passage”.

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Zweisprachlichkeit?

Donnerstag, 04. Juni 2009

Seit längerem pätschwürge ich, immer wenn ich dazu mal Zeit finde, an einem Typoskript mit dem Titel ‘Schreiben im Web 2.0′ herum. Es beruht auf meinen Beobachtungen über erfolgreiche Textformen im Netz, teilweise auch auf Texten, die ich für diese Klorolle hier verfasse – und es soll idealerweise auf solcher Basis als Antidot zu Journalistenschulen, aber auch zu den Rigorismen eines Wolf Schneider oder Bastian Sick dienen. Ganz und gar zum Gebrauch für Blogschreiber.

Beim Blogger daheim ...

Beim Blogger daheim ...

Gerade das aber gerät einem Literaturagenten – der Name tut hier rein gar nichts zur Sache – in einer E-Mail an mich zum Totschlagsargument. Weil ich so für Blogger schreiben dürfe, dürfe ich doch noch lange nicht so für ein Buch daherschreiben, das für den Buchmarkt bestimmt sei. Denn das richte sich immerhin an ein wirkliches Qualitätslesepublikum, das wahre Seriosität gewohnt sei, das also solche Persönlichkeiten des literarischen Lebens goutiere und mit hohen Auflagen belohne wie Rosamunde Pilcher, Egon Krenz oder gar Großschriftsteller wie Dieter Bohlen.

Aha, dachte ich mir da, der Teufel ist doch ein Logiker – und Blogger lesen und kaufen demnach gar keine Bücher. Ja – auf diese Weise wird eine Aufspaltung des Publikums in Blog-Leser und Bücherleser doch wirklich zu einem Argument, dass die eigenen Vorurteile in eine Redundanz verwandelt, die durch keine Realität mehr gedeckt ist:

“… Das ist … aus meiner Sicht ein zusätzliches Negativkriterium. Der von Ihnen gewählte Insiderjargon (Holzmedium, Alphajournalisten, Communities, werbedurchblökt …) passt nicht für ein Buch. Sowas liest man gerne mal in einem Blog, aber nicht 200 Seiten lang. … “

Ja, denn eben nicht …

Blogschreiber: Don Alphonso

Freitag, 22. Mai 2009

Als Beispiel für den neuen Stil, der durch das Web 2.0 in die schreibende Zunft Einzug hält, wähle ich einfach mal einen stark kommentierten Beitrag aus den FAZ-Blogs. Don Alphonso stellte ihn am 18. März 2009 dort ein – unter dem Titel „Klassenkampf oder was davon übrig ist“.

In seinen Beiträgen dort – wie auch anderswo – gefällt sich der Don in der Rolle eines vermögenden Sohnes aus der Haute Bourgeoisie, selbst allen materiellen Sorgen enthoben, der trotzdem unentwegt bereit ist, auch gegen den Stachel der Upper Class zu löcken. Folgerichtig beginnt der Artikel mit einem revolutionären Mission Statement, das der arglose Leser nicht ausgerechnet in seiner kreuzkonservativen FAZ zu lesen erwarten durfte:

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Blogger schreiben besser

Dienstag, 28. April 2009

Natürlich ist diese Headline eine glasklare Provokation. Sie soll es ja auch sein. Sie dient als ein Vademecum für jene Alphajournalisten, die da meinen, aus der Blogosphäre käme bestenfalls nur uninteressantes Zeug, zumeist aber anonymes Geschmadder samt dem ganzen emporgespülten Dreck aus einer subkulturell daherduftenden Kanalisation. Während die wahren Jedi-Ritter des Qualitätsjournalismus Tag und Nacht darüber wachen, dass die arglose Bevölkerung vor dieser dunklen Seite der Macht geschützt bleibt. Wäre ich ein Polemiker, würde ich sagen, dass solche Journalisten übers Netz ähnlich qualifiziert daherreden wie Frau von der Leyen …

Als geborener Naivling aber gehe ich zunächst mal davon aus, dass mir jeder zustimmen wird,  wenn ich den Erfolg jedes Textes primär am Gelesenwerden messe. Ohne Leser ist ein Text nichts, ein Text muss ‘rezipiert’ werden, um überhaupt Wirkung zu zeigen. Antwortet der Leser gar dem Autor, dann würde sogar eine noch stärkere Form der Rezeption Realität: Der Leser beteiligt sich selbst an der Kommunikation – die Stufe des Dialogs wäre erreicht. Dies vorausgeschickt, lässt sich das Können von Journalisten und Bloggern heutzutage ganz direkt und objektiv vergleichen – zum Beispiel dort drüben im Blog-Park der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Die FAZ befüllt ihre Internet-Abteilung seit einiger Zeit nicht länger nur hausintern mit Texten von Journalisten aus dem eigenen Stall. Obwohl es sich bei denen bekanntlich um einige der besten Schreiber dieser Republik handelt. Die FAZ bezahlt zusätzlich auch freischaffende Blogger, die ein eigenes Blog in der Community für einen anständigen Lohn regelmäßig zu befüllen haben. Zugleich stellt die FAZ dankenswerterweise auch eine Blog-Statistik ins Netz, die einen Vergleich des ‘Impacts’ der neuen Textformen erlaubt, getrennt nach ‘Berufsgruppen’. Mit interessanten Ergebnissen. So lässt sich auf direktem Weg ein Mittelwert bilden aus Blog-Einträgen und Responses aus dem Publikum, was wiederum einen direkten Rückschluss auf die Rezeption erlaubt. Wir erfahren auf diesem Weg, welcher Text nennenswerte Diskussionen auslöst, welcher Text ‘etwas bewirkt’:

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Stilregeln und Stilregler

Sonntag, 26. April 2009

Dort drüben in der ‘medienlese’, die nach dem obrigerseits verordneten Ausstieg der Mannschaft sachte in der Dünung der Blogosphäre dümpelt, muss ich mich mit Zeitgenossen herumschlagen, die Stilfragen mit Hilfe einer IKEA-Bauanleitung lösen möchten. Besonders hat es ihnen dieser Satz angetan:

“Dass dem Handelsblatt-Boss Bernd Ziesemer hier endlich mal die Hutschnur platzte, als er an die Heerscharen ahnungsloser Marketing-Fuzzies in den Verlagshäusern dachte, die mit immer mehr schlappem Allerwelts-Content immer mehr Auflage machen möchten, statt mit immer mehr Aufklärung, das verstehe ich gut.”

Der Satz ist ihnen wohl zu lang, vielleicht auch ungewohnt aufgebaut – was weiß ich? So recht rücken diese “Wortwarte” nämlich nicht damit heraus, was ihnen eigentlich widerstrebt: Unbestimmt ist von ‘Schnörkeln’, von ‘falsch’ oder ‘Schwurbelstil’ die Rede. Offensichtlich haben sie irgendwann mal ein Seminar besucht.

So viel Lärm wegen eines Satzes, bei dem mir so rein gar nichts von einem Verstoß gegen die Grammatik schwanen will, der ist mir selten vorgekommen. Es muss wohl das berüchtigte Deutschlehrer-Gen sein, was sich bei mir in den Kommentarspalten austobt. Vielleicht spielen solche Leute auch einfach gern Plastiktrompete:

Daraus schließen wir, dass Herr Jarchow sich um eine etwas klarere Sprache bemühen konnte. Schon der erste Satz ist selten verquast. Ich hab’s nicht geschafft, es alles zu lesen, obwohl mich das Thema an sich interessiert. “Auf den Punkt” hat er da sicher nichts gebracht.

Jaja, ‘konnte’ – der Konjunktiv und das Leben, beide führen manchen Zeitgenossen unversehens aufs glatte Eis. Dafür, dass er’s wiederum nicht gelesen hat, kennt der Kommentator sich im Dachsbau meines Satzes immerhin recht gut aus.

Was aber ist dort faktisch der Fall? Im Kern finden wir ein Voranstellen aller aufgezählten Relationen im Satz, wohingegen der Schreiber mit seinem werten Subjekt-Ich samt zugehörigen Hauptsatz nach hinten tritt, hinzu kommt eine dreifache Wiederholung (‘immer mehr’), welche die Satzstruktur leserunterstützend erläutert. Das entspricht zwar nicht den Regeln diverser Marketing-Ratgeber über ‘SPO’ und ‘Hauptsatz vor Nebensatz’, es ist aber auch stilistisch keine weltbewegende Sensation. Als Texteinleitung ist diese Wortumstellung sogar gang und gäbe, man legt damit die Latte gleich etwas höher, was die Konzentration des Lesers fördert und die zielgruppenferneren Schichten meist gleich zu Anfang abschüttelt, wie der Hund die Wassertropfen – nur eben leider nicht jene Herrn: ‘Denn bei dem Kampfe ist er anderer Meinung‘ (Kleist). Sie alle hatte, wie sie selbst verkünden, der erste Satz schon rettungslos überfordert. Was ihnen wiederum keine Ruhe lässt …

Drollig ist es jetzt, dass einer von ihnen, “Wortwart” genannt, sich selbst auch noch für ein Stilorakel hält. Er führt nämlich eine etwas wirre Homepage, für die er – das vermute ich jetzt mal – auf der ‘Medienlese’ ein wenig Rummel machen wollte. Diese bemühte, wiewohl in meinen Augen doch etwas zauselige und pflegebedürftige Linkwiese findet sich hier.

Wer es aushält, der soll sich im Wortwart’schen “Institut für Wortkombinatorik und angewandte Phraseologie”, dessen “Sammlung von gebrauchsfertig gemachten Wörtern” “sich vor allem (aber nicht nur) aus eigenen Forschungen speist”, “die überwiegend schon länger zurückliegen”, vermutlich mitsamt des “erotischen Kulturmagazins” – der also soll sich da gern einmal umschauen (Oh, oh, oh – was war dieser Satz bloß schon wieder für ein Gallimattias! Wenn wir nun mal nicht dieser Herr gleich wieder aufs Dach steigt …).

Ein fürsorglicher Ratschlag zum Schluss: Wenn du zum Blockwart Wortwart gehst, vergiss das Taschentuch nicht …


Ist Stil unwandelbar?

Samstag, 18. April 2009

Im allgemeinen ja, aber – so müsste die Radio-Eriwan-Antwort auf diese Frage lauten: Natürlich klingen ein Büchner, ein Fontane, ein Tucholsky noch so frisch wie am ersten Tag, wenn wir mal davon absehen, dass historisch bedingte Defizite beim Wortschatz existieren. Was wusste ein Theodor Storm bspw. schon von Vierganggetrieben oder vom Internet? Auch schrieb er noch ‘Thür’ statt ‘Tür’ – was die Verlage stillschweigend längst korrigiert haben. Aber sonst? Zu mindestens 90 Prozent könnten seit dem Vormärz die Sätze unserer großen deutschen Schriftsteller heute geschrieben worden sein. Mutet uns dagegen ein Text aus jenen Zeiten seltsam und ‘historisch’ an, dann ist dies fast schon ein Indiz dafür, dass es sich nicht um einen großen unter diesen Schriftstellern handelt. Ein Stefan George, ein Wilhelm Schäfer, ein Gustav Frenssen oder auch ein Maximilian Harden – die sind in ihrem Manierismus nahezu ungenießbar geworden. Sie gehörten ihrer Zeit an, sie erlebten seinerzeit große Auflagen, aber ihr Stil war ‘modisch’ und erscheint uns gerade deshalb heute ‘geknödelt’ und antiquiert. Ähnlich, wie morgen unsere Nachkommen die Pop-Häppchen eines Stuckradt-Barre belächeln werden. Während ein Uwe Tellkamp – vermute ich jetzt mal – überleben wird.

Wessen Stil aber regelhaft und rettungslos binnen kürzester Frist veraltet ist, das ist der Stil der Stilkundler. Vor mir liegt die große Stilbibel des Kaiserreichs, Eduard Engels “Deutsche Stilkunst” in der 25. – 29. Auflage von 1919. Hier klingt alles wie eine Parodie auf die ‘Feuerzangenbowle’, obwohl dieser Engel nichts anderes wollte, als seinen Zeitgenossen einen souveränen und brauchbaren Umgang mit der deutschen Sprache beizubringen – unter weitgehendem Verzicht auf unnötige Fremdwörter. Heute kann ich das Buch aufschlagen, wo ich will, ein Lachanfall ist unweigerlich die Folge: Denn der Text beginnt sofort wie ein Zirkuspudel auf den Hinterbeinen zu laufen, er bläst jede Banalität gleich zur sprachlichen Pretiose auf:

“Die deutschen Grammatiken und die neueren Sprachbesserungsbücher bemühen sich mit löblichem Eifer, zwischen Imperfektum und Perfektum unverrückbare Grenzlinien zu ziehen” (75).

Joho – ‘nur einen wönz’gen Schlock’ von diesem Sprachgebräu und wir sind mitten im Wilhelminismus gelandet: “bemöhen söch”, “löblöcher Eiför”, “ohnveröckbar”. Und dabei gegen Fremdwörter eifern, aber ‘Imperfektum’ sagen! Der kaiserliche Verbalschnurrbart wird gewichst und hochgebürstet, das Auge des Sprachkritikers blitzt martialisch – und dabei gäbe es inhaltlich und sachlich an den Engel’schen Regeln noch nicht einmal viel zu meckern, wie im folgenden Beispiel, wo der Stilpapst die Rolle der Erfahrung herausstreicht:

“Hüte dich, o Leser, vor solchen Schreibern, die vom Kamel, oder sonst von Tieren, Menschen, Dingen gleichviel welcher Art, aus der Tiefe der Gemüter sprechen, ohne irgendetwas gesehen zu haben: ihre Schriften werden dir nichts nützen, denn wer selber nichts gesehn, kann andre nicht sehn machen” (123).

O Leser, hüte dich vor diesen Stilkundlern, die dir alle den Schnabel verbiegen möchten, bis du so sprichst, wie niemand vor dir je gesprochen – selbst dort, wo sie Wolf Schneider heißen. Lege guten Gewissens ihre Bücher auf dein Regalbrett zu den anderen Humoristen. Denn dort gehören sie hin …

Du Schönschreiber!

Mittwoch, 11. März 2009

Ein Schimpfwort war dies unter den Redakteuren in den 90er Jahren. Ein echter Kerl, der ging auf Recherche, er telefonierte herum, nahm an konspirativen Hintergrundgesprächen teil und haute dann seine Story aufs Papier, ohne groß auf die gequälte Orthographie zu achten. Weshalb lange ausformulieren? Und wozu gab es eine Schlussredaktion?

Auch mir pappte dieses Etikett an, sobald ich ungewöhnliche Sprachbilder suchte oder nach einer unerhörten Formulierung fahndete, statt lieber dem neuesten Klinikskandal auf die Schliche zu kommen. Ein Redakteur von echtem Schrot und Korn hatte – nach dem Selbstverständnis solcher Leute – eigentlich gar keine Zeit zum Schreiben. Markworts ‘Fakten, Fakten, Fakten!’ war zum Credo einer ganzen Journalistengeneration geworden – und der ‘Focus’, dieses Zentralorgan aller Instant-Worte, der große ‘Markterfolg’, der aus dem Nichts heraus sogar dem ‘Spiegel’ Angst machte, der war der angebetete Götze aller Schreiber, die mit dem Konjunktiv auf Kriegsfuß standen.

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Stil gibt’s nur im Singular

Dienstag, 03. März 2009

Die Agentur reinsclassen, Mutterschiff der Hamburger ‚Texterschmiede’, propagiert seit einiger Zeit das Konzept einer ‚Corporate Language’. Ein eigenständiger Stil im sprachlichen Bereich, gegründet auf einen begrenzten Set von Wörtern und Textbausteinen, soll Unternehmen im sprachlichen Bereich jene erwünschte Unterscheidbarkeit geben, wie sie schon bei der Gestaltung, beim Corporate Design, solch unschätzbare Dienste leistet. Wir könnten dann Coca Cola und Pepsi Cola auch durch ihre Sprache auseinander halten. Schöner Ansatz, der zunächst ganz plausibel scheint – nur klappt er nicht.

Der Klippe ist immer der (falsche) Grundgedanke, dass sich ein guter Stil sprachlich von anderen, ebenfalls guten Stilen unterscheiden könne, um dann auf dem Hochseil der Differenzbildung maximale Wirkung zu entfalten. Armin Reins spricht von einer ‚Sprachtypik’, die ein Unternehmen entwickeln müsse, um sprachlich ein überzeugendes ‚Alleinstellungsmerkmal’ zu schaffen.

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Schreib oder stirb!

Dienstag, 17. Februar 2009

Vor zehn oder zwanzig Jahren, als Holzhausen noch boomte, da war für den Medienkonsumenten alles viel einfacher: Die eigene Meinung wurde ihm von seinem Leib- und Magenblatt frühmorgens frei Haus geliefert. Er traf im Laufe des Tages auf Mitbürger, die ähnlich konditioniert worden waren. Denn ein ‚Massenmedium‘ ist – nach Habermas – natürlich immer auch eine Veranstaltung, die Konformität und Gleichförmigkeit von Ansichten bewirkt. Das Phänomen heißt unter Soziologen – positiv gewendet – „gesellschaftlicher Konsens“. Geteilte Grundüberzeugungen wiederum schweißen die Parteien zusammen, sie formen unsere Ideologien und deren Vokabular, sie sind der kommunikative Kitt, an dem sich die soziologischen Gruppen erkennen.

Ohne Nutzung von Massenmedien aber fragmentiert sich die Welt: Abertausende von unterschiedlichen Ansichten sind im Netz zu finden, jeder Paranoiker findet sein Echo, Themen werden nicht länger von anderen vorgekaut, der eine schreibt eben gern dies, der andere über das – und wenn einer aus dieser Myriade von Selbstverlegern tausend Leser und Leserinnen am Tag findet, dann ist das für Web-2.0-Verhältnisse schon viel. Die alte Welt der Publizistik zerfällt in Milliarden Teile, wie ein Spiegel, der auf die Fliesen einer neuen medialen Wirklichkeit gekracht ist.

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