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Being Sarrazin

Dienstag, 07. September 2010

Der Weg zu Reichtum und Popularität ist so leicht, setzt man nur einige Grundregeln verquerer Argumentation gezielt zur Übertölpelung ein. Da ich euch eine Zukunft in Ruhm und Reichtum nicht verbauen will, findet ihr hier einige probate Hilfsmittel aus der bewährten argumentativen Grabbelkiste mit der Aufschrift ‘Methode Sarrazin’:

Baue dir zunächst einen Popanz, der eine bloße Korrelation (ein gleichzeitiges Auftreten) mit einer Kausalität (Ursache) gleichsetzt: Die Bildung in Deutschland nähme mit der importierten Döner-Menge besonders im gehobenen Bürgertum rapide ab. Schon kann man’s doch mal wieder sehen. Bloß nicht an dir …

Haue nach Kräften auf andere ein und argumentiere stringent ‘ad hominem’: Nenne insbesondere die ‘Gutmenschen’, die ‘Multi-Kulti-Romantiker’, die ‘kinderlosen Frauen’, die deine Probleme allesamt verantwortungslos ignorieren und aus falsch verstandener Humanität verschweigen …

Interpretiere und zitiere Autoritäten nach Belieben, auch wenn die deine Resultate gar nicht teilen: Berufe dich zum Beispiel auf eine bekannte Bevölkerungswissenschaftlerin, die sich prompt verbittet, von dir vereinnahmt zu werden. Was aber keiner merkt, der nur dein Buch liest. Warum schreibt sie nicht auch so erfolgsorientiert wie du …

Male den Teufel an die Wand, indem du alle Nachteile dieser Welt auf ‘falsche Entscheidungen’ deiner Kontrahenten schiebst: Die Politiker hätten jahrelang die Augen verschlossen vor jenen Gefahren, die du als Einziger und als Prophet des unaufhaltsamen Niedergangs in deiner großen Wagalaweia-Glaskugel zu erblicken vermagst …

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Lebenslesezeit

Freitag, 03. September 2010

Der vereinte Jubelpöbel des Herrn Sarrazin rückt ein Argument ständig siegesgewiss in den Vordergrund: Die Kritiker hätten das Buch ja gar nicht gelesen. Ja, das will doch hoffen! Ein gebildeter Mensch hat in seinem Leben schließlich Besseres zu tun, als sich durch einen endlosen Statistikquark zu wühlen, bei dem man nicht weiß, wurden diese oder jene Zahlen gerade fehlinterpretiert oder frei erfunden. Wie dieser soziale Herrenreiter im Kern tickt, das weiß jeder seit seinen “Kopftuchmädchen” und den anderen Geistesoffenbarungen in der Zeitschrift ‘Lettre International’. Da der Text dort verschwunden ist, gibt’s dank Internet hier die Kopie. Man muss aber auch das gar nicht lesen …

Arno Schmidt hat in einem seiner Essays errechnet, wie viel Lektüre ein gebildeter Mensch in seinem Leben bei gründlichem Lesen schafft: Er kam auf 2.000 bis 3.000 Bücher, und zwar von der Wiege bis zur Bahre. Mehr ist einfach nicht drin! Daher habe ich schon genug zu tun, jene gewaltigen Bildungslücken zu schließen, die selbst im klassischen Kanon bei mir noch klaffen. Bis heute las ich bspw. weder Marcel Proust, noch Nathaniel Hawthorne, Herbert Rosendorfer, die Rahel Varnhagen oder den Octavio Paz. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Schon die anerkannte Literatur ist von einem Menschen nicht zu verarbeiten.

Und da sollte ich meine begrenzte Lebenskapazität für Lektüreerlebnisse an eine schlampig recherchierte Scharteke von einem gewissen Thilo Sarrazin verschwenden? Eher lese ich die Hegemann!

Halböffentlich?

Dienstag, 31. August 2010

Die ersten Sätze entscheiden, ob ein journalistischer Text für mich überhaupt lesbar ist. Denn hier breitet der Autor seine Prämissen vor mir aus. Ein Tisch aber, der auf wackeligen Füßen steht, bricht zusammen, wenn man sich an ihn setzt. Da mag er noch so lecker gedeckt sein. Und vom Fußboden mag ich nicht essen …

Im aktuellen Spiegel (35/2010) findet sich ein Artikel von Reiner Klingholz, immerhin Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, in dem er sich mit dem leidigen Thema unseres selbsternannten Genetik-Deterministen Thilo Sarrazin befasst. Unter dem Titel “Ausländer her” macht der Autor, wiewohl in guter Absicht, schon beim Aufbau so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Da der Text (noch) nicht online steht, zitiere ich hier nach der guten alten Dampflok-Methode aus den Seiten 129 – 131 des gedruckten Spiegel.

Nach dem einleitenden und zutreffenden Vorwurf, Thilo Sarrazin habe mit seinem Buch eine rationale Diskussion über Zuwanderung “abgewürgt”, breitet Klingholz seine krude Einschätzung der entstandenen öffentlichen Lage vor uns aus:

“Denn die Diskutanten hat [Sarrazin] in zwei Lager gespalten: in eine fraktionsübergreifende Entrüstungsfraktion, der sich Personen im öffentlichen Raum nur schwer entziehen können; und in den halböffentlichen Foren-und-Blogger-Stammtisch, der Sarrazin mehrheitlich Beifall zollt.”

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