Artikel mit ‘Verlage’ getagged

Vom Verlag zum Portfolio

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Thomas Düffert: “Wir werden die Konzerngröße natürlich nutzen, um Prozesse weiter zu vereinheitlichen und zu optimieren, die Effizienz zu steigern, aber auch um Produkte und Geschäftsmodelle auf den Gesamtkonzern auszurollen.” (Wir werden unsere publizistische Einheitssoße dem Massengeschmack entsprechend abschmecken …)

Siegfried Jacobsohn: “Normaliter sollten auf die erste Seite 46, auf die drei folgenden je 47 Zeilen kommen. Aber auf die erste können auch 45 und 44, auf die zweite und dritte auch 46, auf die vierte noch weniger kommen. Zuwenig Text schadet also fast nie. … Ist der Artikel mehr als vier Seiten lang, haben Sie plein pissoir zu streichen.” (Der Mann kam vom Handwerk, er trug noch eine Uhrmacherlupe beim Verlagsgeschäft …)

Thomas Düffert: “So mancher Artikel ist zu weit weg vom Leser geschrieben, manches Foto ist ohne Aussagekraft. Unsere Zeitungen im Berliner Format sind im Mantel zu textlastig. Ich denke, wir können hier und da besser werden. Und gerade dafür brauchen die Redaktionen Freiraum. Den bekommen sie nicht, wenn jeder einzelne Titel versucht, den Mantel mit eigenen begrenzten Bordmitteln und Kapazitäten zu füllen.” (Freiraum gibt’s also nur dann, wenn weniger Leute weniger schreiben müssen …)

Siegfried Jabobsohn: “Doch nicht diese griesgraue Abstraktheit! Konkretheit, Anschaulichkeit, ein bißchen Augenblicklichkeit! Ströbels Artikel ist der einzige, der halbwegs noch mit dem Tage oder der Woche zusammenhängt: den darf man wirklich nicht durch einen schlechten Titel meucheln.” (Der Mann las noch, was er drucken ließ …)

Thomas Düffert:“Wir haben so viele gute Journalisten im Konzern. Warum sollten denn nicht einige davon für mehrere Titel schreiben?” (Damit man vielleicht nicht mehr ganz so viele gute Journalisten auf den Gehaltslisten führen muss?)

Siegfried Jacobsohn: “Ja, was wollen Sie denn sonst für den Rest Ihres Lebens tun, als in einer Vierzimmer-Wohnung Feuilletons schmieren? In einer Zweizimmer-Wohnung? Wir zwei Beide sehen uns noch im Zuchthaus wieder. Dann besuchen wir uns immer hübsch umschichtig.” (Gewissermaßen gingen Verleger und Schreiber damals noch Arm in Arm, und sei’s in den Knast …)

Thomas Düffert: “Wir [haben] auch Titel im Portfolio, bei denen eine Weiterentwicklung vonnöten ist. Aber dieses Problem ist erkannt, und wir arbeiten daran.” (Weiterentwicklung meint hier doch wohl eher Abwicklung …)

Siegfried Jacobsohn: “Wir wollen weniger (von Mitarbeitern) erhoben und desto mehr (von Kohlköppen) gelesen sein.” (In dem Punkt glichen sich die Ziele, nur die Mittel haben sich verändert …)

Alle Jacobsohn-Zitate aus dem Band: Briefe an Kurt Tucholsky 1915 – 1926

Pyrrhus-Siege

Sonntag, 17. Juli 2011
Honorè Daumier: Don Quichotte (Public Domain)

Honoré Daumier: Don Quixote (Public Domain)

Ceterum censeo Carthaginem esse delendam” – Catos Spruch von der notwendigen Zerstörung Karthagos war frührömische Staatsraison. Auch die Geschichte vom Pyrrhus gehört in jene antike Zeit. Auf süditalienischem Boden erfocht dieser Stratege solch großartige Siege, dass er aufgrund seiner Verluste prompt kapitulieren musste. Warum erzähle ich euch das?

Nun, die vereinigte Verlegerschaft von Entenhausen hat in Belgien jüngst einen solch großartigen Sieg gegen den gefährlichen Drachen Google erfochten, gegen jenen Netzwurm, der zum Frühstück bekanntlich gleich drei Geschäftsmodelle zu fressen pflegt. Unweit von Waterloo sprachen diese belgischen Richter ihr verlagsfrommes Urteil: Wie erwünscht, darf Google keine Links auf die kostbaren und unverzichtbaren Artikel Holzstettens mehr setzen, das altbewährte dunnemalige Monopol wurde wunschgemäß wieder hergestellt.

Google handelte prompt – was blieb ihnen übrig? – und ganz dem Urteil entsprechend: Es tilgte alle Spuren ins Reich der belgischen Zellulose. Prompt beschweren sich jetzt die gleichen Verleger über einen “Boykott” durch dieses böse Google, weil sie plötzlich ihre auflageförderlichen Klicks vermissen. Um einen Disco-Hit pyrrhusgemäß zu paraphrasieren: The Winner takes it knocked out …

“The newspapers filed a lawsuit against Google in 2006 claiming the web giant had no right to post links to their articles on Google News without payment or permission. They won, and a Belgian appeals court upheld their victory in May. …

The paper La Capitale said on its web site Friday that Google had begun “boycotting” it. Google searches late Friday showed that the websites of the newspapers who sued Google, who were members of an organization called Copiepresse — a Belgian, French-language newspaper copyright management company — did not appear in search results, as they have in the past. … Google spokesman William Echikson said the court decision applied to web search as well as Google News and the company faced fines of 25,000 euros ($35,359 per infringement if it allowed the newspapers’ websites to keep appearing.”

Kurzum: Recht zu bekommen, ist unseren Don Quichottes gar nicht recht …

via: Fefe

Aktien haben kein Gewissen

Donnerstag, 07. Juli 2011

Über die ‘Zeitungskrise’ ist viel und oft geschrieben worden. Ein erneutes Auswalzen des Themas kann ich mir hier schenken. Dass aber die publizistische (Rest-)Qualität vieler Zeitungen in auffälliger Weise von ihrer Struktur abhängt, das wird erheblich weniger diskutiert. Dort, wo die Herausgeberposition stark geblieben ist, genügt die publizistische Qualität auch heute noch halbwegs den Ansprüchen eines Publikums, das sich nicht für dumm verkaufen lassen will. Als Beispiele nenne ich hier ‘Zeit’, ‘FAZ’ oder auch ‘Spiegel’. Dort aber, wo die Verlage sich in Form einer AG der Logik der Börse unterworfen haben, dort kann man den allseits beliebten ‘Qualitätsjournalismus’ rapide dahinsiechen sehen, so wie einst die TBC-Kranken auf dem Balkon des Grand Hotels zu Sankt Moritz.

Dieser Effekt liegt in der Logik der Strukturen. Natürlich sinken derzeit die gewohnten Werbeeinahmen auf breiter Front: Immobilien-, Auto-, Partner-, Stellenmarkt und viele Märkte mehr gingen unwiderruflich ans Internet verloren. In einer Aktiengesellschaft aber liegt die Entscheidungsmacht über Konsequenzen dann allemal bei einer Gruppe anonymer Investoren, die ausschließlich an wirtschaftlichen Kennzahlen interessiert sind, denen mediale und publizistische Gesichtspunkte Hekuba sind.

Sinkt deren Rendite, dann muss auch in ihren Augen natürlich etwas geschehen. In der Logik solcher Geldnasen darf es sich aber niemals um eine Kürzung ihrer Gewinnerwartungen handeln; ein geschäftsführender Vorstand, der dies verträte, wäre seinen Posten innerhalb von Tagen los. Es gilt, einer gewinnfixierten BWL-Logik zufolge, allemal die ‘Ertragsstruktur’ zu verbessern, zum Beispiel durch Entlassungen, durch ‘Syndication’, durch PR-Dienstleistungen, durch ein allgemeines Schneller, Mehr und Flüchtiger im publizistischen Bereich. In der Folge kommt es zur bekannten ‘Boulevardisierung’, zum rudelhaften Hinterherhecheln, zu Zeitungen ohne Gedächtnis, die heute dies und morgen das verkünden, zu einer redaktionellen Linie, die sich strikt am Auf und Ab der Excel-Charts bemisst.

Kurzum: Ich frage mich, ob Aktienrecht und Qualitätsjournalismus überhaupt vereinbar sind? Ob BWL und Öffentlichkeit Arm in Arm gehen können? Die viel bekakelten ‘Gefahren aus dem Internet’ aber sind – strukturell und mit den Augen des lesenden Publikums betrachtet – für den Journalismus doch eher ‘Gefahren aus dem Aktienrecht’ …

Auf dem Lumix-Festival

Donnerstag, 17. Juni 2010

Zu meiner Überraschung lud mich Professor Rolf Nobel als Mitdiskutanten nach Hannover ein, wohl deshalb, weil ich für die Zeitschrift ‘freelens’ schon mal über Fotografie im Netz schrieb. Im Rahmen des “Lumix Festivals für jungen Fotojournalismus” soll ich dort heute über das Thema “Multimedia – ein neues Medium verlangt neue Fotografen” mit Michael Hauri (2470media), Fabian Mohr (Die Zeit) und Robert Wenkemann (FAZ) Folgerungen aus dem Medienwandel in möglichst bildhafter Sprache in Szene setzen. Hier vorab schon mal das Thesenpapier, das ich mich zur Vorbereitung ‘gestrickt’ habe, so dass es die Teilnehmer anschließend auch im Netz abrufen können:

Kein Blitz, sondern ein Grundbeben – der ablaufende Medienwandel:

Der Medienwandel schlägt in die existierenden Strukturen nicht so ein, wie der Blitz in einen Baum. Es ist ein Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum hinziehen wird, vielleicht sogar über Generationen. Nachdem Gutenberg im 15. Jahrhundert die Druckerpresse grundlegend verbesserte, hielten nicht am nächsten Tag schon alle Bauern die Bibel in der Hand, um sich künftig selbst über Gottes Wort zu informieren. Trotzdem verlor allmählich eine Kaste – die Priester und Schriftgelehrten – ihr Verfügungsmonopol über die himmlischen Geschäftsangelegenheiten. Hundert Jahre später hatten wir dann die Reformation – die bekanntlich weitgehend aus diesem Medienwandel hin zum gedruckten Laienpriestertum folgte. Ähnlich wie den Klostergelehrten damals ergeht es den Journalisten und Fotojournalisten heute. Kleiner Trost für massenmediale ‚Torwächter‘: Es gibt heute, Jahrhunderte nach Gutenberg, immer noch Katholiken und auch Priester – professionelle ‚Gatekeeper‘ zum medialen Himmelreich. Nur ihre Autorität hat erheblich gelitten. Ihr Monopol ist keines mehr.

(weiterlesen…)

Buch bleibt Krisenfestung

Samstag, 25. Oktober 2008

Warum das Buch, anders als die Zeitungen und Print-Magazine, durch das Internet weniger bedroht ist, darüber habe ich in der ‘medienlese’ ein paar Zeilen geschrieben.