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Pyrrhus-Siege

Sonntag, 17. Juli 2011
Honorè Daumier: Don Quichotte (Public Domain)

Honoré Daumier: Don Quixote (Public Domain)

Ceterum censeo Carthaginem esse delendam” – Catos Spruch von der notwendigen Zerstörung Karthagos war frührömische Staatsraison. Auch die Geschichte vom Pyrrhus gehört in jene antike Zeit. Auf süditalienischem Boden erfocht dieser Stratege solch großartige Siege, dass er aufgrund seiner Verluste prompt kapitulieren musste. Warum erzähle ich euch das?

Nun, die vereinigte Verlegerschaft von Entenhausen hat in Belgien jüngst einen solch großartigen Sieg gegen den gefährlichen Drachen Google erfochten, gegen jenen Netzwurm, der zum Frühstück bekanntlich gleich drei Geschäftsmodelle zu fressen pflegt. Unweit von Waterloo sprachen diese belgischen Richter ihr verlagsfrommes Urteil: Wie erwünscht, darf Google keine Links auf die kostbaren und unverzichtbaren Artikel Holzstettens mehr setzen, das altbewährte dunnemalige Monopol wurde wunschgemäß wieder hergestellt.

Google handelte prompt – was blieb ihnen übrig? – und ganz dem Urteil entsprechend: Es tilgte alle Spuren ins Reich der belgischen Zellulose. Prompt beschweren sich jetzt die gleichen Verleger über einen “Boykott” durch dieses böse Google, weil sie plötzlich ihre auflageförderlichen Klicks vermissen. Um einen Disco-Hit pyrrhusgemäß zu paraphrasieren: The Winner takes it knocked out …

“The newspapers filed a lawsuit against Google in 2006 claiming the web giant had no right to post links to their articles on Google News without payment or permission. They won, and a Belgian appeals court upheld their victory in May. …

The paper La Capitale said on its web site Friday that Google had begun “boycotting” it. Google searches late Friday showed that the websites of the newspapers who sued Google, who were members of an organization called Copiepresse — a Belgian, French-language newspaper copyright management company — did not appear in search results, as they have in the past. … Google spokesman William Echikson said the court decision applied to web search as well as Google News and the company faced fines of 25,000 euros ($35,359 per infringement if it allowed the newspapers’ websites to keep appearing.”

Kurzum: Recht zu bekommen, ist unseren Don Quichottes gar nicht recht …

via: Fefe

Jeremias Jörges

Freitag, 14. Mai 2010

Seit einiger Zeit läuft in der ‘Süddeutschen Zeitung’ eine Serie zur Zukunft des Journalismus. Zuletzt stellte in diesem Rahmen der starke Mann des ‘Stern’, Hans-Ulrich Jörges, seine Sicht der Dinge klar. Nur leider nicht mir. Vieles finde ich sogar überaus fragwürdig. Mit dem üblichen großen Glaubensbekenntnis der medialen Orthodoxie beginnt erwartungsgemäß dieser Text:

“Journalismus bleibt unersetzlich – gerade in Zeiten der Leserreporter.”

Ein durch nichts begründetes Apriori steht also am Anfang des Textes – denn an die ‘Unersetzlichkeit’ des Journalismus glauben selbst die Verleger, betrachten wir bloß ihr faktisches Handeln, nur noch an hohen Festtagen. Auf den Redaktionsetagen regiert längst ein anderer Geist, der alles durch ‘billig und viel’ ersetzbar glaubt. Jörges’ Mantra ist schlicht ein Glaubensbekenntnis, vielleicht auch eine These, wobei zu hoffen ist, dass er uns im folgenden Text einige Argumente für seine Zuversicht liefern wird. Auch die “Zeiten des Leserreporters”, in die Jörges uns hier zurückversetzt, diese ‘Golden Days of Dreams and Roses’, die waren doch eher eine Schnapsidee der Vereinigten Verlegerschaft, als diese von immer noch billigerem Content träumte, wozu ein printmedial aufgeguseltes Bild-Zeitungs-Publikum mit seinen Handy-Kameras druckbare Resultate für ‘fast umsonst’ in die Redaktionsstuben liefern sollte. Von Leserreportern als publizistischer Idee ist heute nirgends mehr die Rede, der Praktikant – vormals ‘Volontär’ – hat ihre Aufgaben längst mit übernommen.

Die folgende (durchaus zutreffende) Lagebeschreibung verpackt Jörges unerfindlicherweise in rhetorische Fragen, dort, wo er die Gründe für die schwindende Macht des Journalismus aufzählt. Wovor sollte der Journalist also Angst haben:

“Vor der Werbewirtschaft, die Anzeigen abzieht und anders – auch anderswo – nach Aufmerksamkeit fischt? Vor Verlegern, die beim Grenzgang zwischen Modernisieren und Zerstören die Balance, Maß und Ziel verlieren? Vor Heuschrecken, die sich renditehungrig in Medien verflogen haben, dort alles kahl fressen – und dann verhungern? Vor dem Internet schließlich, das alles an Information zu bieten scheint, was der Mensch zum Denken braucht – und das kostenlos, rund um die Uhr und teils in Echtzeit, live? Ist Journalismus also ein verlorener, ein aussterbender Beruf – hoffnungslos überholt wie der Kohlenschaufler auf der Elektrolok?”

Fasste ein Feld-Wald-und Wiesen-Journalist die Gründe für seine Angst vor der Zukunft mal zusammen, so würde er all diese Fragen mit ‘Ja!’ beantworten. Wie eine gelenkige Katze beißt sich Jörges Text im Folgenden selbst in den Schwanz: Durch eine vorangestellte Captatio benevolentiae – ja, alles ist ja wirklich so schlimm wie beschrieben, “aber trotzdem” – tröstet er uns dann erneut mit dem großen Glaubenssatz vom Anfang des Textes:

Ja, natürlich ist unsere Gewerbe unter Druck. So stark wie noch nie zuvor. Zu Resignation oder Kapitulation aber gibt es keinen Anlass. Denn Journalismus ist und bleibt unersetzlich – auch wenn sich sein Kosmos in Organisation und Technik revolutionär verändert, auch verändern muss.

So gewunden und redundant möchte ich auch mal argumentieren – nur erheben meine Logik und meine Vernunft zumeist Einwände und hauen mir die Tippfinger blau. Jörges kommt in der Folge auf die vorgeblichen Aufgaben des Journalismus zu sprechen, eine Liste, wie aus dem Lehrbuch:

“Informationen zu erschließen, zu filtern, zu erklären, zu ordnen und zu interpretieren – das geht nicht ohne Redakteure, ohne Rechercheure, ohne Reporter, ohne News Anchor, ohne Kommentatoren.”

Ja, wenn’s doch so wäre! Ich erinnere nur an den Fall der überaus harmlosen Schweinegrippe, wo uns nahezu alle Medien unter Einschluss des ‘Stern’ und vor den darob erstaunten Augen der Bevölkerung eine mediale Riesensau durchs Dorf trieben, als stünde Gevatter Tod mit seiner Hippe schon vor der Tür. Mit Fug darf ich vermuten, dass hier – statt zu ‘erschließen’, zu ‘filtern’, zu ‘ordnen’ und zu ‘interpretieren’ – schlicht die PR-Texte interessierter Pharma-Unternehmen von atemlosen und informationsgehetzten Redakteuren als lautere Wahrheit verkündet wurden. Auf solche ‘Informationen’ können Bevölkerung wie Staat allerdings verzichten – uns ginge es besser! Zumindest wäre mehr Geld in der Kasse. Auf weitere Beispiele eines geradezu desinformierenden ‘Qualitätsjournalismus’ hat Albrecht Müller hier jüngst hingewiesen.

Jörges beschreibt also einen Zustand, der gar nicht existiert. Der real existierende Journalismus widerspricht seiner Zustandsbeschreibung nahezu Tag für Tag. Er steht in der Regel konträr zu verkündeten Idealen – einige wenige ehrenhafte Gegenbeispiele bestätigen dies nur. Kurzum: Es sind eben nicht nur die Verleger mit ihren Herzen aus Excel-Tabellen, es sind auch die Journalisten selbst, die sich in ihre Lage hineingeschrieben haben. Einen publizistischen Bedarf muss man wecken, nicht vergraulen, sonst fliehen die verbliebenen Leser in Scharen.

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Neusprech

Samstag, 24. April 2010

Wann kapiert ihr das endlich mal, ihr Dummbaddel von der ‘Berliner Zeitung’? Es wird keine “Mehrfachverwertung von Texten” geben, sondern nur eine “Syndication“. Und die befürchtete “Zentralredaktion” gibt es auch nicht, sondern nur einen “Autorenpool“, in dem ihr dann jeden Tag baden gehen könnt. Mehr Fürsorge ist ja wohl nicht denkbar …

“I had a dream!”

Donnerstag, 25. März 2010

Dies ist eine moderne Fabel: Am Anfang hatte ein frisch gekürter amerikanischer Verleger nächtens einen feuchten Traum. Er feuerte am nächsten Tag ungefähr sechs Siebtel seiner Mitarbeiter – und malte sich als erstes ein dickes Plus auf die Einnahmeseite. Aber irgendetwas aber musste er ja jetzt verkaufen, sonst würde das nichts werden am Jahresende mit den dicken Boni:

“Die Kurzform des Konzepts, mit dem AOL nach Abspaltung von Time Warner selbst an der Börse reüssieren w[ollte]: Eine Software filtert aus dem Internet die gerade aktuellen Schlüssel- und Reizwörter heraus, ein Heer von freien Schreibern liefert Texte dazu, die wiederum nach dem Erfolg bei Klicks und Werbung honoriert werden. … Wer auf einer bestimmten Seite werben will, kann einen passenden Promotion-Text selbst einfügen oder passgenau dazubestellen; gegen Bezahlung natürlich.”

Dann lief auf dem legendären texanischen South-by-Southwest-Festival die nächste Folge dieser modernen SEO-Seifenoper – es war sozusagen die Nagelprobe, ob sich mit zusammengegoogeltem Bot-Wissen und PR-Lyrik am Ende sogar publikumswirksamer Journalismus statt bloßem Klickidiklick-Patchwork erzeugen ließe. Fazit: Der Schuss ging gewaltig in den Ofen, die intellektuelle Ware erwies sich als leicht verderblich, der Geist verweigerte sich mal wieder den neoliberalen Weltgesetzen – und mit allen verfügbaren Fingern zeigt unser Verleger jetzt auf andere, auf ‘seine Leute’ nämlich:

“Tim Armstrong, Chef des als Medienunternehmen neu strukturierten Internet-Riesen AOL, zeigt sich bestürzt (“horrified”) über die Leistungen seines Teams: Er f[indet] die Berichterstattung … chaotisch und unausgegoren.”

So chaotisch und unausgegoren wie Google höchstselbst vermutlich, wo die meisten Suchanfragen noch immer das Thema ‘Porno’ und Artverwandtes betreffen. Bei Valleywag machen sie sich nur noch lustig über diesen Armstrong, der nie auf dem Mond gelandet ist, obwohl er doch offenkundig auf dem Mond lebt, inmitten von Bergen aus Excel-Sheets, die ihm mittels der tollsten CEO-Erfolgsformeln allesamt sagen, dass alles gaaanz wunnebar hätte laufen müssen sollen.

Der gesunde Menschenverstand, also nicht derjenige unserer ökonomistischen Mondkälber, der lacht sich derweil schlapp und sagt prustend jedem Erstklässler: “Ohne gute Schreiber kein guter Text, ohne guten Text keine treuen Leser, ohne treue Leser keine willigen Anzeigenkunden.” Anders ausgedrückt: Das Geschäft kommt im Journalismus immer erst ganz zum Schluss, und ein Journalist läuft auch nicht der ‘Awareness’ hinterher, er schafft sie, und das zu nahezu jedem beliebigen Thema durch die Art seines Schreibens – fragt sich, wann wohl der Herr Armstrong erstmals auch zu diesem Schluss kommen wird:

“Naive editors? Who “thought it was ready to go live” and just have such low standards for their expectations for content that it took this magnificent CEO to swoop in and “catch that issue”? How about the fact that paying less-than-professional “writers” a pittance to turn in thousands of “stories” is just a stupid attempt at compiling content which defies editorial oversight? Crowdsourcing on the cheap makes not a curated, well-organized content-site …”

Merke: Nur weil du CEO geworden bist, und deinen Hayek und Friedman herbeten kannst, heißt das noch lange nicht, dass du auch Ahnung hast …

Verleger vs. Verkäufer

Donnerstag, 04. Februar 2010

Das eine funktioniert nicht ohne das andere – deshalb gab es in Zeitungen früher die Redaktion und die Anzeigenabteilung. Die Verkäufer waren für die Garnitur mehr oder minder interessanter Artikel mit bunten Anzeigen zuständig und für die Abonnentenwerbung, die Redaktion hatte den Auftrag, eine möglichst große Öffentlichkeit durch ihre Geschichten zu erzeugen.

Heute stecken die Zeitungen in einem echten Dilemma: Versuchen sie eine möglichst große Reichweite – auch online – zu erzielen, dann müssen sie die Schotten zur Öffentlichkeit weit öffnen. Sonst bleiben sie allein zu Haus. Versuchen sie aber, ihre (angeblich) kostbaren Inhalte vor unverantwortlichen, weil unbezahlten Zugriffen zu schützen, dann panzern sie ihren Dampfer mit hohen ‘Paid-Content-Verhauen’, so wie die Reeder es derzeit vor Somalias Küsten tun. Mit dem Effekt, dass kaum jemand – weder ‘Piraten’ noch zahlende Fahrgäste – zu ihnen an Bord klettert, weil die meiste informationelle Ladung nahezu unverändert ja auch anderswo zu finden ist. Prompt bleibt auch die Werbung aus, die ja auf ‘Masse’ setzt. Die bestehende Wahl lautet also: Pest oder Cholera, kein Geld durch freie Verfügbarkeit, oder kein Geld durch mangelnden Zulauf.

Wir lagen vor Madagaskar, und hatten die Pest an bord ...

Wir lagen vor Madagaskar, und hatten die Pest an Bord ...

Vorangetrieben wird die Entwicklung noch dadurch, dass auf allen Vorstandsbrücken die Verkäufer mit den Gelfrisuren die Verleger mit den Denkertollen längst verdrängt haben. Dabei verspricht – mittelfristig, und soweit ich das sehe – nur der Weg des Verlegers auf dem Meer der Nachrichten noch Erfolg. Der Weg desjenigen also, der mit einem bestimmten politischen oder sozialen Ziel vor Augen eine Nachrichtenquelle seriös betreibt, um gesellschaftlich bestimmte Ziele zu erreichen, indem er einen klaren Kurs fährt.

Die Wahl stellt sich also so dar: Gleich die Ventile öffnen, um das lecke Schiff mittels Paid Content und aus Angst vor den Piraten sofort auf Grund zu setzen, wie es die Verkäufer wollen. Oder doch zu versuchen, die rettende Küste noch zu erreichen, in der Hoffnung, dass bis dahin ein tragfähiger Schlepper namens ‘Bezahlmodell’ aus dem Küstennebel auftauchen könnte.

Zur Zeit regieren allerdings weithin die Selbstversenker … ich würde, vor die Wahl gestellt, mich für die ‘Cholera’ entscheiden, und sei es nur, um Zeit zu gewinnen. Die Mortalität ist bei dieser Krankheit einfach geringer, die Cholera ist besser als die Pest an Bord …

Beerdigung der Öffentlichkeit

Mittwoch, 18. November 2009

Ich habe mir einfach mal die Mühe gemacht, in meiner Dissertation alle Zitate und Annotationen kapitelweise durchzuzählen. Es sind mehr als 400. Ginge es nach den neuentwickelten Rechtspositionen deutscher Verleger, dann hätte ich damals schon mehr als 400 Mal gegen ihr ominöses ‘Leistungsschutzrecht’ verstoßen, das sie sich jetzt für den weihnachtlichen Gabentisch von der Politik wünschen. Jedenfalls klingt ganz so der ‘Leistungsschutzexperte’ Mathias Schwarz auf den Zeitschriftentagen (noch so’n Beispiel übrigens für die grassierende Expertenepidemie, die längst vom ‘Aasgeier-’ bis zum ‘Zystologieexperten’ reicht):

“Zur Bedrohung werden Rip-Offs für die bestehende Presse insbesondere dann, wenn nur kurze, aber mit hohem professionellen Aufwand erstellte Textausschnitte übernommen werden, für die nach deutschem Recht kein Urheberrechtsschutz besteht.”

Bei den ‘Rip-Offs’ – einem neuentwickelten Kampfbegriff, der ein angeblich kriminelles Tun aus durchsichtigen Gründen ratzfatz ins Wortbild packt – handelt es sich schlicht um unsere guten alten ‘Zitate’. Deren Gebrauch ist im deutschen Zitatrecht längst völlig zureichend geregelt. Dazu zählt zum Beispiel auch jenes Zitat ein paar Zeilen weiter oben, wo ich den Herrn Schwarz ‘im O-Ton’ mit einem Satz zu Wort kommen ließ, um seine mentale Verfasstheit zu illustrieren.

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Ach ja, die gute alte Zeit

Donnerstag, 17. September 2009

Führe ich mir journalistische Klagelieder in Zeiten der Medienwende zu Gemüte, dann muss ich über jenes nostalgische Übermaß lächeln, mit dem eine mickrige Gegenwart an einer vorgeblich strahlenden Vergangenheit gemessen wird. Eine ‘Heldenzeit’ des Journalismus wird historisch festlich illuminiert, ein Damals, wo es noch echte Verleger gegeben habe, wirkliche Charakterköpfe mit unbeugsamem Willen und verkümmertem Geschäftssinn, die für einen guten Artikel bereitwillig ihre größten Anzeigenkunden in die Wüste jagten; dazu heldenmütige Schreiber in jeder Redaktion, die den Gewaltigen auf die Füße traten, bis sie bereuten oder sich endlich Schuhe mit Stahlkappen zulegten; und eine interessierte Leserschaft, die zum Frühstück auf blendend recherchierte und gut formulierte Geschichten pochte.

Ach Kinder, was war das schön! Anderen stößt dies realitätsferne Gebarme der Journalistenzunft ebenso sauer auf wie mir:

“Hartnäckig hält sich das Lamento über die Verflachung des Journalismus. Leidenschaftslos, glattgebügelt und austauschbar kämen sie daher, die Beiträge des real existierenden Medienschaffens, beklagen Praktikerinnen und Theoretiker immer wieder wortreich.”

Insbesondere der darbende Lokaljournalismus wird von vielen als rückwärtsgewandte Utopie inszeniert. Bei allen Verdiensten des Kollegen Jakubetz, wo er sein Paradepferd zäumt, dieses Passauer Käsblatt dort, bildet auch bei ihm ‘der Verfall des Lokaljournalismus’ eine helle Folie, vor der er – wiederum zu Recht – das aktuelle Geschehen als dunkles Schattenspiel inszeniert. Die Folie aber ist falsch, nicht der beschriebene Ist-Zustand:

“Statt also sich die Schlaglöcher der Umgehungsstraße genau anzusehen, statt die Menschen zu Wort kommen zu lassen, statt also kurz gesagt: das alltägliche wahre Leben abzubilden, liest, hört und sieht man in den Lokalmedien häufig ebenso Langweiliges wie Irrelevantes: Haushaltspläne werden in epischer Breite seziert (ganz so, als ob irgendein Normalbürger der Unterschied zwischen einem Vermögens- und einem Verwaltungshaushalt interessieren könte), Bürgermeister, Landräte und Abgeordnete dürfen sich nahezu ungehindert ausbreiten und dazwischen immer und immer wieder dröger Termin- und Verlautbarungsjournalismus. Viele Lokalteile schaffen es einfach nicht, irgendetwas halbwegs Sinn- und Gemeinschaftsstiftendes zu produzieren. Stattdessen sind viele nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Partikularinteressen, was sich schnell in einer absurden Spirale nach oben schaukelt: Wenn der Fußballverein 80 Zeilen oder 2 Minuten bekommen hat, muss man das aber auch den Landfrauen zubilligen.”

Genau so ist es. Inhaltlich ist diese Zustandsbeschreibung völlig richtig. Das Problem ist nur: Wann hätte es denn – abgesehen von mehr Redakteuren und höherer Bezahlung – in deutschen Lokalredaktionen jemals die vermissten journalistischen Qualitäten gegeben? Je mehr ich mich einlese, desto zweifelhafter wird mir all diese Nostalgie. Der Journalismus ist in der Krise zu seinem eigenen Mythos geworden. Denn im Grunde war es immer ein Scheiß-Beruf – vor allem in der Provinz.

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BBC on Future of Journalism

Mittwoch, 15. Juli 2009

Zum gefälligen Gebrauch für die Bürger Bloghausens folgt hier ein Link zu einer Studie der BBC über die Zukunft des Journalismus. Vieles von dem, was von deutschen Verlegern gern als ‘Brainfuck’ einer wildgewordenen Bloggerbande abgetan wird, findet sich jetzt dort in Form einiger steiler Thesen, direkt vom Parnass des Journalismus herab. Das Fin de Siècle ist damit gewissermaßen zur altmedialen Hausprophezeiung geworden, die weiße Frau schleicht den eigenen Enkeln hinterher, weil die das verlegerische Erbe verprasst haben. Wirklich umwerfend ist der Artikel zum Ende des ‘Festungsjournalismus’, der bei uns zumeist ‘Gatekeeper-Journalismus’ oder schlicht auch ‘Welt der Massenmedien’ genannt wird.

Wer dieses vielseitige pdf liest, wird jedenfalls nicht dümmer …

Via: Jakblog

Burdadaismus

Donnerstag, 02. Juli 2009

Der Text kommt mir vor, als würde der Junkie fordern, alle Koks-Dealer zu erschlagen, damit er besser an sein Koks kommt. Oder als ob der Werbekunde alle Litfass-Säulen umhauen will, nur weil dort auf sein Trallalafitti hingewiesen wird. Google ist ja nichts als ein Wegweiser, der den Fokus erst auf jenen Focus lenkt, den der Burda in Gefahr wähnt. Was soll also das neidvolle Gegreine? Dankbar sollte er der großen Suchmaschine lieber sein.

Hinzu kommt, dass das, was dem Herrn dort ‘enteignet’ scheint, ihm – fundamental gedacht – gar nicht so sehr eigen ist, sondern allenfalls seinen Autoren. Jedenfalls dann, wenn’s keine Hausjuristen gäbe. Der Verlag ist nur eine leere Hülle, aus der die Schlange jetzt herausgeschlüpft ist. Zoologisch gesehen, wäre es eine echte Sensation, wenn sie in ihre alte Haut zurückfände. Anders ausgedrückt: Tempi passati – das Internet hat irgendwie die Funktion der Verleger verlegt.

So viel ist allerdings wahr – in der neuen Medienwelt bleiben derzeit nur Autoren und Rezipienten funktional. Was ja auch prinzipiell mehr als genug scheint … wenn bloß das liebe Geld nicht wäre. Nur deswegen braucht’s noch Sugar Daddies und Impressarios. Wenn die allerdings immer weniger herausrücken, dann sind sie zunehmend auch egal …

Der Hubert Burda sollte sich stattdessen lieber mal mitsamt Links und Feeds und Blogrolls ins große, weite Netz stürzen, statt dort am Strandpromenadenrand schwimmringartig-portalsmäßig mit dem großen Zeh im Ozean zu plätschern – und sich dabei schon wunder wie ‘online’ vorzukommen …

Hinweis: Weil mich diese zunehmend sachferne Argumentation wirklich ärgert, mit der Deutschlands Verleger auf Dummenfang in den internet-retardierten deutschen Parlamenten gehen, habe ich diesen Text aus meiner ‘Sargnagelschmiede’ etwas aufgebohrt – und dann hier nochmals eingestellt.

Gut auch das … und vor allem natürlich auch das …

Übers Schreiben im Web 2.0

Sonntag, 08. Februar 2009

Der Kollege Jakubetz hat ja zunächst einmal völlig recht, wenn er sich über Journalisten lustig macht, die einfach ihre gebrauchten Publizistikprodukte im Web 2.0 verklappen möchten – und die dann noch meinen, sie wären wunder wie cool und zeitgemäß:

“Aber warum in einem Blog, das sich Blog nennt und unglaublich viele neue kleine Kreativkunstformen böte, Peter Hahne Kolumnen schreibt, die sich wie Peter-Hahne-Kolumnen lesen, und warum Elmar Theveßen Kommentare schreibt, die sich wie Kommentare lesen, bleibt ein Rätsel.”

Stilistisch gesehen ist jedes Blog ein neues Medium, das als primäre Ausdrucksform einer demokratischen Medienrevolution entstanden ist. Blogs benötigen daher vor allem neue Stilformen statt Bericht, Artikel, Feature oder Interview; sie benötigen eben nicht die Holzhausener Grabbelware aus dem wackeligen Redaktionsregal. Einige grundlegende Regeln:

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