Artikel mit ‘Walsroder Zeitung’ getagged

Walsroder Cross-Posting

Samstag, 05. November 2011

Weil’s mir sonst die Galle hochgetrieben hätte, habe ich diesen Artikel aus meiner ‘Sargnagelschmiede’ hier noch mal verhackstückt, auch deshalb, weil die örtliche Presse ihre Funktion auf Wunsch der Anzeigenabteilung in irgendeiner Grabbelkiste verlegt zu haben scheint:

In Walsrode, jenem unbekannten Heideort, wo ein unbekannter WK-I-Soldat als Hermann-Löns-Plagiat in jedem Jahr unter seinem Findling devotes Gelalle durch selbstgewisse Lodenträger unbekannter Provenienz ertragen muss, einen Sermon, für dessen dürftigen Inhalt sich ein Germanist im ersten Semester schämen müsste, dort darf ein Geschäftsmann nicht als jener mehr oder minder anonyme Rockerboss gelten, deren Schatzmeister er doch ist. Und deshalb war auch gestern die ‘taz’ in Walsrode komplett ausverkauft, wegen dieses Artikels, während in der ‘Walsroder Zeitung’, wo man mit dem örtlichen Geschäftsleben besonders eng verbandelt ist, nur allgemeines Geschwafel zum Thema stand: Unbekannte hätten aus unbekannten Gründen eine unbekannte Mülltonne angezündet, und wären dem unbekannten Reporter dann unbekannterweise entkommen …

Die Welt hat 24 Seiten

Samstag, 28. August 2010

Jeder Heidjer in unserem schönen Aller-Leine-Tal liest die ‘Walsroder Zeitung’, ein höchst informatives Presseprodukt, randvoll mit Meldungen über Schützenkönige, Fahrraddiebstähle oder Bürgersprechstunden in der Region. Vornedrauf pappt dann immer die große Politik.

Was mich erstaunt: Dieses außerordentlich gediegene Presseprodukt hat an jedem Tag der Woche 24 Seiten, die bis in den letzten Winkel gefüllt sind. Außer sonntags, sonntags ist bei uns nichts los. Sommerlöcher aber und nachrichtenarme Zeiten kommen einfach nicht vor.

Mit anderen Worten: Die Ereignishaftigkeit der Welt verhält sich stets so präzise und ökonomisch, dass alles Geschehen genau auf 24 Zeitungsseiten passt. Ich finde das erstaunlich, ganz egal, ob wir die hintergründige Gewalt, die uns diese gewisslich nicht zufällige Quantität alles Geschehens zumisst, nun Gott oder Kairos nennen …

Lokus statt lokal

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Im niedersächsischen Wietze will die Hähnchenschlachterei Rothkötter aus dem Emsland einen neuen Betrieb eröffnen, der täglich 100.000 Hähnchen schlachten soll, um den wachsenden Bedarf an Chicken McNuggets und anderem Fingerfood im Land zu stillen. Im heimischen Emsland sind die Auflagen inzwischen so hoch, dass keine neuen Mastbetriebe mehr genehmigt werden. Um genügend Rohstoff zu liefern, sollen mindestens 100 Landwirte im Umkreis von 100 km um Wietze herum einen Maststall für jeweils knapp 40.000 Küken errichten – auf eigene Kosten, versteht sich. Von einem Informationsabend im Gasthof Mehding im schönen Dorfmark, einem Flecken in der Nordheide, berichtet die ‘Walsroder Zeitung’ am 28. Oktober 2009 durchweg begeistert, in einem Artikel, der leider nur teilweise im Internet zu finden ist.

Der ungenannte Lokaljournalist berichtet ‘vom Hörensagen’ von einer Veranstaltung, an der er selbst gar nicht teilgenommen hat – anders ist der folgende Satz nicht zu deuten: “Rund 100 Landwirte sind gekommen, sehr viele junge darunter, wie Kreislandwirt Heiner Beermann später berichtet“. Ob der Berichterstatter für diesen Termin selbst keine Zeit hatte, so dass ihm ‘später berichtet’ werden musste, oder ob die Presse nicht zugelassen wurde, erfährt der Leser nicht.

Natürlich gibt es gegen die Hähnchenmast aus verschiedenen, durchaus einsichtigen Gründen massive Kritik. Sehr viel differenzierter berichtet zum Beispiel das Isenhagener Kreisblatt:

“Besonders beliebt sind Hähnchenmastställe als Nachbarn nicht. Henning Pieper von der Landwirtschaftskammer rechnet mit Widerstand gegen die Neubauten. “Ich bin nicht blauäugig. Das ist mein täglich Brot, mich mit Bürgerinitiativen auseinander zu setzen.” Auch im Landwirtschaftsministerium geht man davon aus, dass es Proteste geben wird, setzt aber auf das Argument, durch die Ställe würden Arbeitsplätze geschaffen. Die jedoch werden bei den Mastbetrieben wohl eher spärlich entstehen. Kein Wunder, denn bei einem Reingewinn von gerade mal 8 Cent pro Hähnchen für den Mäster, der in der Branche kolportiert wird, darf eine Mastanlage nicht viel Arbeit machen.”

Tscha, das macht dann gerade mal 3.200 Euro Gewinn je Hähnchengeneration, wovon noch 500.000 Euro Kredit für die Mastanlage zu bedienen wären. Die meisten Bankberater zeigen bei solchen Gewinnaussichten dem Bauern die Tür. Von solchen Perspektiven erfährt der Leser aber in der Walsroder Zeitung nichts. Auch die Grünen im Kreisverband Celle fassen alle Argumente gegen das Projekt übersichtlich zusammen, auch diejenigen Probleme, die sie mit den landwirtschaftsfrommen Jubelpersern von der ‘Celler Zeitung’ (CZ) haben – unter anderem so:

“Die Zahl neugeschaffener Arbeitsplätze für Wietze spielt in der Argumentation der Befürworter eine wichtige Rolle. Leider werden diese Zahlen auch zur Stimmungsmache in der Öffentlichkeit benutzt. Im ersten Pressebericht der CZ und in den Informationen des Bürgermeisters gegenüber dem VA war von 1.000 neuen Arbeitsplätzen die Rede. Inzwischen ist man bei Zahlen von 250 bis 500 angekommen. Trotz dieser inzwischen erfolgten Korrektur taucht die Zahl 1.000 Arbeitsplätze immer noch in der Berichterstattung der CZ auf.Welche nachteiligen Beeinträchtigungen sich aus der Konzentration der Massentierhaltung in einer Region für die Umwelt ergeben können, ist für eine breite Öffentlichkeit am Beispiel Emsland ohne größere Schwierigkeiten nachvollziehbar. Diese ökologischen Probleme sind also bekannt: Industrielle Tierhaltung auf Kosten der Gesundheit von Wasser, Luft und Boden. Emissionen durch Lärm, Feinstaub, Gase und Gerüche.”

Von all dem aber erscheint beim Kollegen von der Walsroder Zeitung wiederum nichts. Im Gegenteil, im Emsland sei die Hähnchenmast “auf große Zustimmung” gestoßen, heißt es. Zur Kritik an den Hähnchen-KZs fällt ihm Folgendes ein: “Der Widerstand gegen solche Projekte kommt oft aus Unkenntnis, gepaart mit unbegründeter Angst“. Mir scheint da doch eher, der Berichterstatter selbst hat sich in bewusster Unkenntnis gehalten, schön an den warmen Schreibtisch in der Redaktion gekuschelt, die angeblichen bäuerlichen Interessen im Auge – kein Reporter, sondern ein Rapporter.

Apropos – eine Frage an unsere journalistischen Sachwalter ‘landwirtschaftlicher Interessen’: Wer trägt eigentlich im Falle einer Vogelgrippe die Kosten? Etwa der arme Bauer, der doch schon 500.000 Euro für seinen neuen Maststall aufnehmen musste? Und in welchem Umkreis würde dann gekeult? – Anders gewendet, kann man es natürlich auch so ausdrücken:

Es wird dem Printfeudalismus ergehen wie dem echten Feudalismus, ein paar Paläste werden stehen bleiben und gegen Geld zu besichtigen sein, aber die Kaschemmen wird man wegreissen, weil es weder finanzierbar sein wird, noch gefragt.”