Artikel mit ‘Web 2.0’ getagged

Der Weg zum Alphajournalisten

Samstag, 13. August 2011

Constantin Seibts großartiger Rant gegen die schwarzgelbe Hassgesellschaft hat Kreise gezogen. Bei Facebook wurde schnell die Verlinkungsgrenze erreicht und die Kommentarspalte im ‘Tagesanzeiger’ will gar nicht mehr enden. Selten hat ein Mensch mit einem einzigen Artikel eine derartige publizistische Bugwelle ausgelöst, er schrieb offensichtlich das, was die Menschen wirklich hören wollten, er traf den Punkt. Spätestens seit dem 8. August 2011 ist er damit im erlauchten Kreise deutschsprachiger Alphajournalisten angekommen, in meinen Augen überragt er all das publizistische Pressfleisch der Matussek, Poschardt und Jörges sogar noch um einiges. Weil nur er es schaffte, zugleich einer bürgerlichen Leserschaft, einem wachsenden Netzpublikum und auch dem aufgeklärten Denken mit seinem Brandartikel “Der rechte Abschied von der Politik” gleichzeitig zur Sprache zu verhelfen. Der Graben zwischen Netz und Presse wurde hier endlich einmal zugeschüttet.

In jener Nacht, wo Seibt diese Meinung wie im Rausch niederschrieb, hat er alle Standards bisheriger ideologischer Betrachtungsweisen verändert. Das Publikum in den Kommentarspalten ist nicht länger jenes, das in ‘Welt’ und ‘Spiegel’ die Kotzrinnen meterhoch mit Gülle füllt, hier artikuliert sich ein waches und aufgeklärtes Bürgertum, dem die übliche Presse schon längst kein Forum mehr bietet. Wagt sich dort doch einmal ein versprengter SVP’ler, ein neoliberaler Jubelperser oder ein anderes Plappermaul aus der Fraktion der Argumentarmen in diesen fortlaufenden Kommentar hinein, dann wird er höchst sachlich und fachlich so abgeledert, dass er das Wiederkommen vergisst. Das Publikum, das sich Constantin Seibt mit seinem Artikel erschrieben hat, ist zugleich jenes, von dem alle Verleger träumen.

(weiterlesen…)

Der feuchte Finger

Donnerstag, 10. Februar 2011

Gerade in Zeiten des Medienwandels hat der Beruf der Kassandra Konjunktur. Hier warnt uns der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Lesen vor den verderblichen Folgen dieses absolut sozialschädlichen Zwischennetzes, das doch bekanntlich nur legasthenische ‘Lese-Zapper’ produziere:

“Die regelmäßig von der Stiftung Lesen im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erstellten Studien zum Leseverhalten in Deutschland belegen, wie sehr “Lese-Zapping“ zunimmt. Texte werden nicht als Ganzes rezipiert, oft wird eine Passage übersprungen – oder die Lektüre abgebrochen.”

Da ich nun altersbedingt jene ‘guten alten Zeiten’ kenne, wo noch kein Bildschirm die Schreibtische zierte, kann ich mir einen Vergleich zwischen Einst und Jetzt nicht verkneifen. Auch in jener grauen Vorzeit habe ich manche Bücher nur mit dem feuchten Finger gelesen, dabei nicht nur einige Absätze überflogen, sondern ganze Kapitel überschlagen, ja so manches Buch habe ich nach zehn oder zwanzig Seiten entnervt in die Ecke gefeuert. Kurzum – das ‘Lese-Zapping’ ist so alt wie die Lektüre: Unsere kulturbarmenden Weltuntergangspropheten beschwören ständig einen Mythos von einem besseren Gestern, dessen Faktenferne jede empirische Untersuchung ratzfatz zu Konfetti schreddern würde. Ganz abgesehen davon, dass die Stiftung Lesen ihrem Namen zum Trotz völlig unfähig scheint, selbst etwas Lesenswertes zu produzieren:

“Gesellschaft, zumindest im Kleinen, aktiv mitzugestalten: So lautet das Hauptmotiv ehrenamtlicher Helfer in Deutschland. Unabhängig vom Feld, in dem sie tätig sind. Der Anstieg des entsprechenden Engagements im Bereich Leseförderung ist daher auch ein Indiz dafür, dass die gesellschaftliche Relevanz dieses Themas zunehmend in den Blick kommt.”

Beckmessern wir mal ein wenig an der ‘Stiftung Lesen’ herum: “Gesellschaft, zumindest im Kleinen, aktiv mitzugestalten [falscher Infinitiv]: [hier besser Gedankenstrich statt Doppelpunkt] So lautet das Hauptmotiv [nebenbei, was wären denn 'Nebenmotive'?] ehrenamtlicher Helfer in Deutschland. Unabhängig vom Feld, in ['auf' wäre hier die korrekte Präposition!] dem sie tätig sind ['tätig sein' ist bekanntlich eines der denkbar schwächsten Verben, ein Allwetterjäger für notorisch Spracharme]. Der Anstieg des entsprechenden Engagements im Bereich Leseförderung [eine solche attributive Maulsperre tötet jede Lesbarkeit] ist daher [woher noch bitte?] auch ein Indiz dafür, dass die gesellschaftliche Relevanz dieses Themas [typische Politikerstanze, klingt zwar bedeutend, besagt aber nichts] zunehmend [abnehmend?] in den Blick kommt [jaja, ich sehe es vor mir, wie der Blick des Lesers 'zunehmend kommt' und ganz schnell wieder flieht].”

Bester Rolf Pitsch, hat nicht der heutige Leser jedes Recht, angesichts dieses Wortmülls, den Sie ausgerechnet in Ihrer so grottenfalsch benannten ‘Stiftung Lesen’ dem Publikum unverdrossen in die Tröge kippen, hat dieser Leser da nicht das Recht, ausgiebig ‘Lese-Zapping’ zu betreiben, um nicht durch Ihre Stanzen ganz und gar verdorben zu werden? Ist es nicht verständlich, wenn er sich stattdessen ganz schnell etwas Gehaltvollerem zuwendet? Was in den Weiten des Netzes ja auch nicht schwer zu finden ist …

Wolf Schneider erklärt das Web

Mittwoch, 07. April 2010

Sprachprodukte, die besonders schwach, langweilig oder schlecht sind, in die Welt hinaus zu lassen – das gab es früher nicht.”

Vielleicht erinnert Wolf Schneider sich wirklich nicht mehr an den Verlautbarungsstil und das hochgestemmte Feuilleton-Geschwurbel in dieser ‘guten alten Zeit’. Der Hang zur Verklärung scheint im Alter nahezu unausweichlich. Dann aber sagte er auch noch das:

“Es gibt Texte, die könnten genauso gut bei Luther, bei Goethe oder der “Bild”-Zeitung stehen – und das sind dann gute Texte.”

Ach ja – “Bumm-Bumm-Becker” … Kinners, wat waren das Zeiten!

Die Medialkonservativen

Freitag, 02. April 2010

Interessant sind für mich vor allem jene Blogs, die mich zum Widerspruch reizen. Je haarsträubender, desto besser. Im Rahmen der blogger.de-Community zählt dazu der Verfasser von ‘Klartext’, der sich als Ex-Readers-Digest-Redakteur höchstselbst und dankenswerterweise in das Getümmel der Blogosphäre gestürzt hat. Dieser Markus Reiter veröffentlichte zuletzt unter dem Titel ‘Dumm 3.0′ ein voluminöses Buch, in dem er die ‘Social Media’ als veritable Kulturbedrohung inszeniert. Ich will mich hier gar nicht auf diesen Text kaprizieren, sondern auf seine Blog-Artikel, also auf seine ganz persönlichen Beiträge zum ‘Dumm 3.0′.

Zunächst einmal ist der Herr Reiter in höchst antiquierten Vorstellungen befangen, darin, dass es überhaupt eine Trennung zwischen ‘Nachricht’ und ‘Meinung’ gäbe beispielsweise:

“Viele Blogger scheinen ja zu glauben, Journalisten machen im Prinzip das selbe wie sie – herumsitzen und vor sich hinmeinen. Wenn sie ihren Job ernst nehmen, sollten Journalisten aber vor allem recherchieren und Fakten prüfen. Qualitätsnachrichten heranschaffen also, auf deren Grundlage sich dann der Einzelne seine Meinung bilden kann.”

(weiterlesen…)

“I had a dream!”

Donnerstag, 25. März 2010

Dies ist eine moderne Fabel: Am Anfang hatte ein frisch gekürter amerikanischer Verleger nächtens einen feuchten Traum. Er feuerte am nächsten Tag ungefähr sechs Siebtel seiner Mitarbeiter – und malte sich als erstes ein dickes Plus auf die Einnahmeseite. Aber irgendetwas aber musste er ja jetzt verkaufen, sonst würde das nichts werden am Jahresende mit den dicken Boni:

“Die Kurzform des Konzepts, mit dem AOL nach Abspaltung von Time Warner selbst an der Börse reüssieren w[ollte]: Eine Software filtert aus dem Internet die gerade aktuellen Schlüssel- und Reizwörter heraus, ein Heer von freien Schreibern liefert Texte dazu, die wiederum nach dem Erfolg bei Klicks und Werbung honoriert werden. … Wer auf einer bestimmten Seite werben will, kann einen passenden Promotion-Text selbst einfügen oder passgenau dazubestellen; gegen Bezahlung natürlich.”

Dann lief auf dem legendären texanischen South-by-Southwest-Festival die nächste Folge dieser modernen SEO-Seifenoper – es war sozusagen die Nagelprobe, ob sich mit zusammengegoogeltem Bot-Wissen und PR-Lyrik am Ende sogar publikumswirksamer Journalismus statt bloßem Klickidiklick-Patchwork erzeugen ließe. Fazit: Der Schuss ging gewaltig in den Ofen, die intellektuelle Ware erwies sich als leicht verderblich, der Geist verweigerte sich mal wieder den neoliberalen Weltgesetzen – und mit allen verfügbaren Fingern zeigt unser Verleger jetzt auf andere, auf ‘seine Leute’ nämlich:

“Tim Armstrong, Chef des als Medienunternehmen neu strukturierten Internet-Riesen AOL, zeigt sich bestürzt (“horrified”) über die Leistungen seines Teams: Er f[indet] die Berichterstattung … chaotisch und unausgegoren.”

So chaotisch und unausgegoren wie Google höchstselbst vermutlich, wo die meisten Suchanfragen noch immer das Thema ‘Porno’ und Artverwandtes betreffen. Bei Valleywag machen sie sich nur noch lustig über diesen Armstrong, der nie auf dem Mond gelandet ist, obwohl er doch offenkundig auf dem Mond lebt, inmitten von Bergen aus Excel-Sheets, die ihm mittels der tollsten CEO-Erfolgsformeln allesamt sagen, dass alles gaaanz wunnebar hätte laufen müssen sollen.

Der gesunde Menschenverstand, also nicht derjenige unserer ökonomistischen Mondkälber, der lacht sich derweil schlapp und sagt prustend jedem Erstklässler: “Ohne gute Schreiber kein guter Text, ohne guten Text keine treuen Leser, ohne treue Leser keine willigen Anzeigenkunden.” Anders ausgedrückt: Das Geschäft kommt im Journalismus immer erst ganz zum Schluss, und ein Journalist läuft auch nicht der ‘Awareness’ hinterher, er schafft sie, und das zu nahezu jedem beliebigen Thema durch die Art seines Schreibens – fragt sich, wann wohl der Herr Armstrong erstmals auch zu diesem Schluss kommen wird:

“Naive editors? Who “thought it was ready to go live” and just have such low standards for their expectations for content that it took this magnificent CEO to swoop in and “catch that issue”? How about the fact that paying less-than-professional “writers” a pittance to turn in thousands of “stories” is just a stupid attempt at compiling content which defies editorial oversight? Crowdsourcing on the cheap makes not a curated, well-organized content-site …”

Merke: Nur weil du CEO geworden bist, und deinen Hayek und Friedman herbeten kannst, heißt das noch lange nicht, dass du auch Ahnung hast …

Unternehmenskommunikation

Donnerstag, 03. Dezember 2009

Wir alle wissen oder ahnen, dass mit der so genannten ‘Unternehmenskommunikation’ vieles im Argen liegt. So wechselte meine Bank, aus welchen Gründen auch immer, ihren zuständigen Kundenbetreuer. Ich möge mich jetzt an Herrn XYZ wenden. Prompt erhalte ich für einen Vorgang, für den ich absolut nichts kann, von dieser Bank einen Brief, der mich in die Rolle des Schuldigen versetzt: Im befehlsgewohnten Kasernenhofton werde ich fast schon angeschnauzt, umgehend meine Kontaktdaten ‘entsprechend’ zu ändern. Oder ein Unternehmen, nur weil ich in grauer Vorzeit dort mal etwas Hipperes online kaufte, sieht mich prompt als windeltragendes Subjekt, dem es mit einer aufgesetzten Jugendsprache zu Leibe rückt. Andere Informationsmaterialien wurden anscheinend gleich auf der Marketing-Etage erstellt, denn man nudelte sie mit Buzz-Words und Bullshit-Bingo so übermäßig, dass die Hälfte der avisierten Kundschaft nur noch ‘Bahnhof’ verstehen dürfte … oder, oder, oder.

Der Tilo Timmermann, Textverantwortlicher in der Agentur achtung!, hat also völlig recht, wenn er deutschen Unternehmen die Leviten liest und ihnen den Star zu stechen versucht, denn der Text ist das unterschätzteste Instrument im Werkzeugkasten strategischer Unternehmensführung. Zugleich ist diese Missachtung ein schwerer Fehler in Zeiten des Web 2.0, wo alle in ihren Festreden zwar auf Dialog und ‘Social Media’ setzen, aber nichts dafür tun. Die meisten Unternehmen haben üblicherweise niemanden, der die Disziplin des verlangten neuen Stils beherrscht. Der Schreibknecht kommt immer noch in den Keller – oder die Agentur liefert diesen ‘Grauwert’ für ihre bunten Medien:

“Können Unternehmen diesen Dialog aus den alten Positionen heraus führen? Was auch immer sie tun: Sie werden es mit Sprache tun. Neben der Bildsprache und der persönlichen Präsenz von Unternehmensvertretern ist es vor allem Text, der ein Image schafft. Das Problem dabei: Guter Text hat keine Lobby. Eine Diskussion, wie eine gute Unternehmenssprache zum Erfolg beitragen kann, findet kaum statt. Und darüber, wie die Sprache eines Unternehmens zwischen Geschäftsbericht, Mailing und Tweet authentisch und glaubwürdig bleiben kann, auch nicht.”

So weit, so gut, so weit auch kein Widerspruch. Wenn der Herr Timmermann dann aber das Instrumentarium des Old-School-Journalismus als probate Medizin aus der Schublade holt, dann beginne ich an der Kompetenz meines eigenen Berufsstandes zu zweifeln. Denn der Text in einer medialen Welt im Wandel wird sich begreiflicherweise ebenfalls wandeln müssen. Er wird und darf nicht mehr der alte sein! Beim Herrn Timmermann aber klingt es, als wolle er alle Verantwortlichen auf der Stelle auf einen Journalismus-Lehrgang verfrachten, obwohl doch der dort gelehrte Einheitsstil für die meisten der aufgestauten Probleme verantwortlich zeichnet. Im Journalismus wie auch in der Unternehmenskommunikation:

(weiterlesen…)

Verbohrte Welt

Sonntag, 01. November 2009

Eigene Klischees sind es, die vielen Journalisten beim Blick auf die Blogosphäre die Einsicht verwehren. Am Beispiel der Frau Eva Schweitzer will ich versuchen, die Vorurteilsstruktur teilweise herauszuarbeiten, die solchen unzutreffenden Ansichten zugrundeliegt. Ich beschränke mich dabei strikt auf die von ihr kommentierten Kommentare, die sie – vermutlich in humoriger Absicht – in ihrem taz-Blog zum Besten gab. Los geht’s:

“Da wollte ich schon Philipp vom Haken lassen, und jetzt schreiben mir seine Freunde dauernd emails.”

Wat’n Skanda-al! Lauter böse E-Mails kriegt sie jetzt! Und der Philipp hat schuld! Wichtiger aber ist das Bild, das uns dieser Satz vermittelt: Sie ist die Anglerin am großen Datenstrom, der Philipp aber, diese arme Socke von Bloggerbarsch, der ist jener kleine Fisch, den sie jetzt doch nicht mehr ins Wasser zurückwerfen will, obwohl er den Maßen des Deutschen Sportfischerverbandes keineswegs genügt. Wir stellen sprachlich zunächst den Befund einer realitätsverweigernden Macht-Metaphorik: Frau Schweitzer glaubt, sie hätte die Situation – die Angel also – fest in der Hand, obwohl doch ‘der Schwarm’ der Blogosphäre  längst aufgeflogen ist und den Kopf der holden Anglerin jetzt von allen Seiten umsurrt. Welch ein bildverrannter Irrtum! Wenn schon eine Fisch-Metapher, dann doch lieber eine zutreffende: Die gute Frau hat ihren großen Zeh als Köder ins Wasser getaucht, und die bösen Fische haben – haps! – die ganze Anglerin angeknabbert. Was an jedem Satz zu spüren ist. Weiter im Text:

(weiterlesen…)

Informationshäppchen

Mittwoch, 09. September 2009

Nein, ich werde hier das hochbedeutsame ‘Internet-Manifest’ nicht nochmals verlinken. Der Text ist trotzdem ein Schulbeispiel dafür, wie man mit überholten Anschauungen eben keine Welt aus den Angeln heben kann. Auch nicht online. Am Beispiel des Informationsbegriffs will ich versuchen, das zu erklären. Bei den Berlinern heißt es:

“Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen.”

So eben ist es nicht: Informationen sind nichts, was außerhalb eines menschlichen Kopfes wie ‘Dingliches’ umherfliegt – also bspw. wie ‘Kokosnüsse’, ‘Regenschauer’ oder ‘Tastaturen’. Auf diese Weise existieren Informationen nicht. Auch in den großen ‘Informations- und Datenspeichern’ finden sich vor allem Buchstaben und Zahlen, die sinngebende Instanz kommt erst als Leser oder Programmierer hinzu. Dort außerhalb von uns gibt es nur Ereignisse, Geschehnisse, ‘Perturbationen‘, ‘Reize’, von mir aus auch ‘Fakten’ – aber eben keine Informationen: Ein Blitz schlägt in eine Platane ein, ein Tsunami rollt auf die Küste Javas zu, äthiopische Panzer rollen über die somalische Grenze, einer Frau in Detmold fällt die Blumenvase aus der Hand usw.

(weiterlesen…)

Kampagnen-Journalismus

Montag, 10. August 2009

Je älter man wird, desto mehr überzeugt man sich, dass Ihre Heilige Majestät, der Zufall, dreiviertel aller Geschäfte in diesem elenden Universum erledigt“, schrieb Friedrich der Große am 26. Dezember 1773 an Voltaire. In diesem Satz lagen noch der ganze Fatalismus und die Schicksalsergebenheit der Menschen des Barock, die sich ihren Gott bestenfalls als ‘blinden Uhrmacher’ vorzustellen vermochten. Mir jedenfalls – knapp 250 Jahre später – fällt es immer schwerer, noch an Zufälle zu glauben. Zum Beispiel angesichts eines Gewitterhagels von Zitaten gegen das Internet innerhalb nur zweier Tage:

1. Das ‘scheußliche’ Internet: Kann das Internet völlig frei sein? Müssen wir nicht die Menschen vor Denunziation, Entwürdigung oder unseriösen Geschäften schützen wie im Zivilrecht? Ähnlich wie auf den Finanzmärkten brauchen wir mittelfristig Verkehrsregeln im Internet. Sonst werden wir dort Scheußlichkeiten erleben, die jede Vorstellungskraft sprengen. [Meine 'Vorstellungskraft' wird eher heute schon überstrapaziert, wenn ich mir die realen 'Scheußlichkeiten' anschaue, die sich im Kongo oder im Iran ereignen]

2. Das wohlstandszerstörende Internet: Das Internet hat die Welt auf das Format eines Laptop-Bildschirms reduziert. Das Globalisierungsmedium par excellence hat aber auch neue Räume eröffnet – rechtsfreie Räume. … Die schöne neue Laptop-Welt befreite die Finanz­wirtschaft von Recht und Gesetz. Doch auch die Internet-Industrie selbst kennt kaum rechtliche Skrupel. Was online machbar ist, wird in den allermeisten Fällen auch gemacht. … Der Gesetzlosigkeit im World Wide Web fällt gegenwärtig gerade die Kulturindustrie zum Opfer. Schriftsteller und Musiker verlieren im Netz das Recht auf ihre Werke: Alles kann, alles darf heruntergeladen werden. Gratis. Die Enteignung der Kulturschaffenden durch Google und Konsorten ist schon fast vollendete Tatsache. [Ach - und ich Dussel dachte immer die Finanzkrise hätte etwas mit realen Personen zu tun, wie bspw. einem Herrn Madoff, oder mit dem unseligen Wirken einer 'realen' Allianz aus Journalismus und Lobby-Organisationen wie der INSM, die doch bisher niemand als 'Internetgestützt' bezeichnen würde ...]

3. Das verbrecherische Internet: Das Internet ist ein “Wurzelwerk darunter ein Pilzgeflecht aus Intrigen, Täuschung und Terror … Die Refugien der Diebe, Rufmörder, Kinderschänder entziehen sich weitgehend der Kontrolle des Rechtsstaats. Nur einer transnationalen Instanz kann es gelingen, Ordnung zu schaffen.” [Na, das klingt für mich doch eher wie die Beschreibung des Alltags in einem redaktionellen Großraumbüro bei einem holzmedialen Premiumangebot.]

4. Das entliberalisierte Internet: Westerwelle kündigt schärfere Sicherheitsgesetze an. … Die Aussage dürfte einen in der letzten Woche an die Öffentlichkeit gelangten Wahlkampfleitfaden der FDP einiges an Nutzwert nehmen. Darin werden Jungliberale dazu angewiesen, dass sie auf den Vorwurf, dass der Grundrechtsschutz besser bei der Piratenpartei aufgehoben wäre, unter anderem entgegnen sollten, alte Koalitionszugeständnisse seien Vergangenheit und die Liberalen hätten aus Fehlern wie der Zustimmung zum Großen Lauschangriff gelernt. [Joho - wir Liberalen verteidigen unsere Positionen immer solange unerbittlich, wie der Koalitionspartner nichts anderes von uns verlangt.]

… und, und, und.

Lokale Blogportale

Mittwoch, 08. Juli 2009

Der folgende Text ist aus dem Jahr 2006 – er müffelt also doch schon etwas nach alten Socken in dieser schnelllebigen Zeit. Da aber gerade eine Diskussion entbrannt ist um die Möglichkeit, den Lokaljournalismus von jener Holzbahre zu holen, auf der er dem Grab entgegendämmert, ist diese schon etwas ältliche Idee eines lokalen Blogportals, das ‘eine ganze Stadt abbilden’ sollte, vielleicht doch dem einen oder anderen nützlich. Lilienthal ist übrigens eine Kleinstadt im Speckgürtel vor den Toren Bremens. Los geht’s – aber Vorsicht, es ist ein langer Riemen, der hier jetzt folgt:

(weiterlesen…)