Artikel mit ‘Web 2.0’ getagged

Fermentierte Grasnahrung

Montag, 22. Juni 2009

Eigentlich hatte ich den folgenden Text als einen Kommentar geschrieben, drüben in Ugugus Blog. Da der Beitrag mir aber recht gut gelungen ist, weil er viele Punkte meiner Klagelieder zusammenfasst über die Termitenplage, welche die Bewohner von Holzhausen befallen hat, sei er hier nochmals eingestellt. Es ist ja schließlich mein Text. Wer ihn schon kennt, soll diesen Beitrag schlicht überschlagen. Hier also meine Rede und die Gegenrede von André Marty:

Ich antwortete auf André Marty: “@ André: … Medien sind nicht geil – sondern die größte Sackgasse, in die ein junger Mensch derzeit hineinstolpern kann. Weil es zwar weiterhin ein Pendant zum werten Berichterstatter geben wird (vermute ich jetzt mal), wozu dann aber Medien gar nicht mehr zwingend erforderlich sind. Es geht auch ohne ‘Mittler’, denn nur die Information ist im Kern eine Ware, nicht das Portal oder der Titel auf dem bedruckten Papier, sei es ‘Spiegel’ oder ‘NZZ’ – allen Branding-Knallköpfen zum Trotz. Bleibt die Frage, wer bezahlt uns dann den Tanz der Tippfinger auf der Tastatur? Der gute Gott des Idealismus, der auch die Lilien auf dem Felde … ? Also, wer schützt zunächst einmal den Nachwuchs, indem er seine altmodischen Träume platzen lässt – von einer Medienwelt, die es längst nicht mehr gibt?

André said, on Juni 22, 2009 at 6:27:
@Chat Atkins: Falls dem so wäre, wie Sie bloggen, dann können sie uns sicher auch erklären, weshalb das Vernetzen des Netzes einfach nicht funktionieren will. Und Sie können mich ach’ so altmodischen bloggenden Journalisten sicherlich auch aus der Sackgasse führen in Sachen Medien als Teil des demokratischen Meinungsbildungsprozesses – und sagen Sie mir jetzt bitte nicht, die Bloggerei werde auch in Westeuropa schon bald, bald public opinion beeinflussen, gell. Denn Sie wissen zu gut, dass dem nicht so ist, zu recht oder unrecht.

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Blogschreiber: Don Alphonso

Freitag, 22. Mai 2009

Als Beispiel für den neuen Stil, der durch das Web 2.0 in die schreibende Zunft Einzug hält, wähle ich einfach mal einen stark kommentierten Beitrag aus den FAZ-Blogs. Don Alphonso stellte ihn am 18. März 2009 dort ein – unter dem Titel „Klassenkampf oder was davon übrig ist“.

In seinen Beiträgen dort – wie auch anderswo – gefällt sich der Don in der Rolle eines vermögenden Sohnes aus der Haute Bourgeoisie, selbst allen materiellen Sorgen enthoben, der trotzdem unentwegt bereit ist, auch gegen den Stachel der Upper Class zu löcken. Folgerichtig beginnt der Artikel mit einem revolutionären Mission Statement, das der arglose Leser nicht ausgerechnet in seiner kreuzkonservativen FAZ zu lesen erwarten durfte:

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Horch, was kommt von unten her?

Donnerstag, 07. Mai 2009

Das Internet ist eine mediale Szenerie, die auf dem Prinzip der Selbsterfahrung basiert – wie ein Abenteurer zieht der Netzbewohner hinaus ins Ungewisse, um sich vom unendlichen Web überraschen zu lassen. Jeder, so er dies will, ist dabei nicht nur als Publikum unterwegs, er ist selbst Partizipant: Er artikuliert sich unbeschränkt öffentlich – ganz ohne exorbitante Vertriebs- und Druckkosten, die zuvor den Zugang zur Medienwelt begrenzten – und dort, wo es ihm gefällt, hinterlässt er in Form von ‚Links‘ seine Visitenkarte.

Das trifft die bisherige ‚Expertenwelt‘ tief unterhalb der Wasserlinie, denn die Habermas’sche Sphäre gepflegter Kommunikation, wo intellektuelle Mandarine vom Lehrstuhl herab stellvertretend den Willen einer allgemeinen Vernunft verkündeten, die doch meist die ihre war, die versinkt in einem unabsehbaren Ozean des Diskurses, wohl auch des Geplappers, wo es keinerlei Zugangsbeschränkungen mehr gibt. Auch die Unvernunft hat damit jetzt eine Stimme erhalten.

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Im medialen Antiken-Saal

Mittwoch, 15. April 2009

Drüben im Jakblog spießte der Herr Jakubetz kürzlich ein Zitat auf, das streng nach eingeschlafenen Journalistenfüßen müffelte. Ein ehrbarer Offliner vom beschaulichen Westfalen-Blatt versuchte darin, dem werten Publikum das innovative ‘Zwischennetz’ von seinem Dreifuß herab näher zu verklickern:

“Das Internet ist heute als Informationsquelle und Kommunikationsmittel von großer Bedeutung. Nicht nur im Beruf, auch im privaten und schulischen Bereich ist der Zugang zur weltweiten Datenautobahn sehr wichtig”.

Antiquarium München, Bild: Gryffindor, Public Domain, Wikimedia

Antiquarium München, Bild: Gryffindor, Public Domain, Wikimedia

Allein schon der Begriff ‘Datenautobahn’ wirkte auf mich derart gestrig, dass ich zunächst gar nicht glauben konnte, dieses Zitat könne der Jetztzeit entstammen. Die Autobahn-Metapher stammt meines Wissens aus den 90er-Jahren, als die halbe Welt sich noch mit quietschenden und fiependen Modems herumschlug, als es noch 5,25″-Disketten gab, als den meisten Zeitgenossen das biedere ISDN als rasend schnelles Teufelswerk erschien und es fast schon magisch anmutete, wenn ein Text innerhalb von einer Minute von Castrop-Rauxel nach Auckland gelangen konnte. Darüber aber wundert sich heute niemand mehr. Kurzum: Ein Schreiber, der den Begriff ‘Datenautobahn’ fürs Internet verwendet, der ist ebensoweit hinter seiner Zeit zurück. Und eine Redaktion sollte so viel Pietät besitzen, dass sie einen solchen Schreiber nicht gerade hinter die zeitgemäßen Themen klemmt.

Auch sachlich ist das Bild einer ‘Datenautobahn’ als Synonym fürs Internet grundfalsch. Ein Jongleur – um ein anderes Multitalent heranzuziehen – der wird ja nicht wegen Schnelligkeit bewundert, sondern wegen seiner Geschicklichkeit. Zwar kann das Netz große Datenmengen sehr viel rascher transportieren als noch zu Olims Zeiten, wo es dessen Kinderschuhe auftragen musste. Trotzdem sind die wirklichen ‘Datenschleudern’ des informationellen Weltverkehrs sehr viel näher an den ‘Backbones’ des Datenverkehrs zu suchen. Moderne Rechnernetzwerke verwenden für die Datenübertragung zwischen Banken, Satelliten, Mobiltelefonen oder Unternehmen alles, unter anderem Stand-by-Leitungen – aber zumeist nicht das vergleichsweise langsame und dazu höchst unsichere Internet eines providergebremsten Publikumsverkehrs. Das Internet – das ist für mich so etwas wie das Straßennetz des globalen Dorfes – man kann sich dort unterhalten, man kann spazierengehen, einkaufen, arbeiten oder kommunizieren. Und so, wie man auf einer Straße der realen Welt das Kanalsystem, die Stromleitungen, die Mobilfunkmasten oder die Telefondrähte nicht sieht, obwohl sie dazugehören, so ist es eben auch im Internet. Das Internet ‘as we know it’, das ist nur ein kleiner Teil des Netzes – und der ist noch nicht einmal das schnellste. Es ist auch meistens keine ‘Daten-Autobahn’, sondern der Schleichverkehr dort gleicht der Londoner City zur Rush Hour, so dass allüberall längst über einen Ausbau nachgedacht wird.

Dieser sichtbare Teil des Internet ist aber der wichtigste – soweit es unser soziales Zusammenleben betrifft. Darüber müssten wir reden, wollen wir seine Bedeutung richtig verstehen. So macht das öffentliche Internet beispielsweise die hilflosen Interventionen eines ‘Westfalen-Blatts’ demnächst (vielleicht) überflüssig, weil es die Mittler und Makler von Information – die deshalb so genannten ‘Medien’ und die dort arbeitenden Journalisten – weitgehend entbehrlich machen könnte. Es dereguliert ferner die Information auf eine bisher ungekannte Weise, wodurch Kontrolle und Zensur zunehmend zu kommunikativen Unmöglichkeiten werden könnten. Und es bricht ‘auf Sicht’ wohl nahezu alle bestehenden Informationsmonopole, indem es alle Archive öffnet. Auf diese und auf viele andere Weisen wirkt das ‘Zwischennetz’ sicherlich revolutionär, aber nicht, indem man diese Staustrecke eine ‘Datenautobahn’ nennt …


Flüchtig und irrelevant?

Montag, 02. März 2009

Ha – diese Blogtexte, die seien doch schnell hingehuscht und bloß für den Moment geschrieben! So lautet ein gängiges Vorurteil, vor allem derjenigen, die sich diesem fuuuchbaa’n Netz nur von Journalisten am Patschehändchen geführt nähern mögen. Die Zeitung dagegen, öhem! die sei dagegen – - – hmmm! die sei dagegen? – - – nun eigentlich sei die ja auch bloß für den Papierkorb geschrieben. Jedenfalls dann, wenn einer dieser hochverehrten Vorurteilsträger mal kurz seine holzfarbene Brille abnehmen möchte, um auf die Realien zu blicken: Die Zeitung wandert am nächsten Tag schon ins Altpapier und ab ins Nirwana, Blog- und Online-Texte erscheinen dagegen nach Jahren noch auf dem Bildschirm, weil die große Gurgelmaschine einfach nichts vergisst. Google hat nämlich den Papierkorb zu seinem Archiv ernannt – und leert ihn niemals aus …

Das Dahinsterben der Holzmedien führt daher keineswegs zu mehr Huschhusch- oder Wie-gerülpst-so-geschrieben-Texten. Genau andersherum wird ein Schuh daraus. Nur hat sich das noch nicht recht herumgesprochen: Während ein Holzjournalist sich um sein Elaborat keinen großen Kopp machen muss, weil für ihn am nächsten Tag immer Aschermittwoch ist, da sind online alle Texte ein Produkt wie Rotwein – sie reifen im Netz. Ein Roman Libbertz kriegt dann nach Jahren plötzlich erneut eine höchst fragwürdige Publicity, weil ein anderes Blog neu auf einen älteren Beitrag anderswo verlinkte. Kurzum: Blog-Content never dies …

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Übers Schreiben im Web 2.0

Sonntag, 08. Februar 2009

Der Kollege Jakubetz hat ja zunächst einmal völlig recht, wenn er sich über Journalisten lustig macht, die einfach ihre gebrauchten Publizistikprodukte im Web 2.0 verklappen möchten – und die dann noch meinen, sie wären wunder wie cool und zeitgemäß:

“Aber warum in einem Blog, das sich Blog nennt und unglaublich viele neue kleine Kreativkunstformen böte, Peter Hahne Kolumnen schreibt, die sich wie Peter-Hahne-Kolumnen lesen, und warum Elmar Theveßen Kommentare schreibt, die sich wie Kommentare lesen, bleibt ein Rätsel.”

Stilistisch gesehen ist jedes Blog ein neues Medium, das als primäre Ausdrucksform einer demokratischen Medienrevolution entstanden ist. Blogs benötigen daher vor allem neue Stilformen statt Bericht, Artikel, Feature oder Interview; sie benötigen eben nicht die Holzhausener Grabbelware aus dem wackeligen Redaktionsregal. Einige grundlegende Regeln:

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Das Ende der Überlängen

Montag, 08. Dezember 2008

Das alte Wort ‘Zeilenschinderei’ funktionierte bekanntlich in beide Richtungen: Zum einen – vom Umfang und den redaktionellen Vorgaben getrieben – musste sich der entnervte Redakteur etwas aus dem Gehirn nudeln, obwohl ihm zu dem Thema schon längst nichts mehr einfiel. Die rasanten Hühnerzüchter-Jubiläumsveranstaltungs-Dichtungen für die Regionalseiten der Lokalzeitungen entstanden meist so: “Zu einem abwechslungsreichen Musikprogramm schwang dann Jung und Alt bis in den frühen Morgen hinein das Tanzbein“.

Aber auch in Gegenrichtung mussten Zeilen geschunden werden: Oft passte der fertige Text in das Schema ‘Zwei Spalten’ oder ’4.000 Anschläge’ nicht mehr hinein. Also galt es, der fetten Glucke die Flügel zu stutzen, was nicht so leicht war. Denn die Zahl der entbehrlichen Füllwörter ist selbst bei Reporter Schmaddermann endlich, und die verknoteten Formulierungen lassen sich irgendwann an einer Hand abzählen, zumindest dann, wenn man das Schreibhandwerk routiniert genug betreibt. In solchen Fällen kommen die Sätze nämlich schon glattgebügelt aus der Spaghetti-Maschine. Also ging’s irgendwann doch dem Inhalt an den Kragen. Der Text wurde dadurch ärmer, grobgewirkter, langweiliger und manchmal auch unverständlicher, auf der Suppe fehlten die Fettaugen, weil alles Unterhaltsame Ockhams Rasiermesser geopfert wurde. Denn in ‘Holzhausen’ standen – textlich gesehen – in jeder Redaktion die Prokrustesbetten herum.

Das Bloggen hat die Schreiber von diesen Textverarmungszwängen endgültig befreit. Ein Text ist prinzipiell jetzt erst dann am Ende angekommen, wenn alles gesagt wurde. Zwar ist der Bildschirm für die Romanform noch immer nicht das geeignete Trägermedium – das mag mit dem Elektronischen Buch ja noch kommen – aber für jene kürzeren, neujournalistischen Genres, die sich im Web 2.0 durchsetzen, gilt dies schon: Ein Schreiber muss keine Zeilen mehr schinden … und der Online-Journalist zählt die Anschläge nur noch der Abrechnung wegen.