Journalisten in der Balz
Montag, 12. Dezember 2011Einstmals stand die ‘Neue Zürcher Zeitung’ für Qualität im Journalismus, heute muss sich der Leser zunehmend durch sinnfreie Beilagen schlagen, die anzeigenförderliche Titel tragen wie “Z – die schönen Seiten”. Anonyme Schreiber erfreuen uns dort vom Olymp des Wolkig-Flockigen herab mit Sätzen wie diesen:
“Die mythenumwobene «Crème de la Mer» sorgt für ein zartes, leuchtendes Hautbild.”
Vermutlich strahlen die Anwender prompt wie Zombies in der Neumondsnacht. Weshalb mir aber der Mythos von der ‘Creme des Meeres’ völlig unbekannt ist, wo doch das Mythische synonym zum ‘kollektiv Unbewussten’ zu setzen wäre, zeigt mir nur meine ignorante Devianz zum Alltagswissen. Vielleicht meint Dero beduselte Schreibseligkeit ja auch das Nordseewatt. Bevor wir noch Antwort auf solche Fragen finden, geht’s Hals über Kopf schon weiter mit einer innigen Vereinigung von Natur und Theorie:
“Wirkstoffe aus Meeresalgen vereinen sich mit Erkenntnissen aus der Wissenschaft.”
Mein Gott – das arme Kind! Überboten wird dies synästhetisch von ‘zwinkernden Düften’ im Folgetext:
“Kokett mit einem Augenzwinkern, so sind die Damendüfte «Lola» und «Oh, Lola!» von Marc Jacobs.”
I smelled her in a club down in Old Soho … da bleibt für mich als Resumée: Die bemühte Werbesprache solch dienstfertiger Transvestitentexte im Journalismus überfordert jede Vorstellungskraft und auch meinen Drogenbestand. Überhaupt, wie muss jemand geartet sein, um Derartiges ohne Selbstekel auf den Bildschirm zu schmaddern. Um mich der Ausdrucksweise mal anzunähern: Hier kollidiert die Macht der Vernunft aufs Schönste mit mangelnden sprachlichen Mitteln, glücklicherweise in einem völlig inhaltsleeren Raum, so dass es nur zu verbalen Blechschäden kommt …
Hinweis auf das Medium via: Zorn und Zeitung