Artikel mit ‘Witz’ getagged

Im Auge des Beobachters

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Von jemandem, der persönlich vor Ort gewesen ist und alles in Augenschein nahm, glauben wir allzu gern, dass er uns auch mit absolut objektiven Beobachtungen verwöhnt. Dabei sollten wir, die wir inzwischen alle durch die harte Schule der Gehirnforscher und der radikalen Konstruktivisten gingen, doch wissen, dass alle Beobachtung bis über beide Ohren subjektiv kontaminiert ist. So auch in diesen Fällen, auf die ich bei der Lektüre von Arno Schmidt stieß (BA, III.3., 154). Im Abstand weniger Tage besuchten in den 1820er Jahren zwei Menschen den alternden Weimarer Dichterfürsten Goethe. Hier zunächst Wilhelm Hauff mit seinen ‘Beobachtungen’:

“Die Tür ging auf – er kam! Dreimal bückten wir uns tief – und wagten es dann, an ihm hinauf zu blinzeln: ein schöner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle wie die eines Jünglings; die Stirn voll Hoheit, der Mund voll Würde und Anmut. Er war angetan mit einem langen schwarzen Kleid, und auf seiner Brust glänzte ein schöner Stern … mit der feinen Wendung eines Weltmannes lud er uns zum Sitzen ein.”

Kurz darauf traf der Ritter von Lang beim Dichterfürsten ein, auch er kein ganz kleiner Stern am Himmel der Literatur:

“Ein langer, alter, eiskalter, steifer Reichtstagssyndicus trat mir entgegen in einem Schlafrock, winkte mir, wie der steinerne Gast, mich niederzusetzen, blieb tonlos nach allen Seiten, die ich anschlagen wollte … es war mir, als wenn ich mich beim beim Feuerlöschen erkältet hätte.”

Kurzum: Die Vorerwartungen – die ‘Frames’ – der Besucher prägen das Beobachtete auf jeder Ebene. Hier das junge Haupt der schwäbischen Dichterschule, das sich seinem Vorbild Goethe nähert wie heutzutage ein Teenager dem Justin Bieber, dort der abgebrühte und desillusionierte Spätaufklärer und Zyniker, der sich in jeder Lebenssituation kein X mehr für ein U vormachen lassen will. Dementsprechend konträr fällt die beobachtende Beschreibung dann auch aus. Die Wahrnehmung des alten Sacks gefällt mir übrigens besser als der demutsvolle Jugendschwulst des schwäbischen Pathetikers. Der Witz stellt sich eben erst mit fortschreitendem Alter ein …

Soziale Raubtiere

Montag, 22. März 2010

Woran erkennen wir diese Wesen eigentlich sprachlich? Nehmen wir das folgende informative Beispiel, verfasst – vermute ich jetzt mal – von einem jüngeren und heutzutage sicherlich nicht sonderlich atypischen Mitglied privater Krankenversicherungen, der altersbedingt noch nicht in die immer lauter klappernde Mühle der steigenden Beiträge im privaten Bereich geraten ist. Diese Mühle nimmt ihre Arbeit bekanntlich erst dann auf, wenn ‘in den besten Jahren’ die chronischen Zipperlein immer massierter auftreten:

“Ich kann immerhin bei der PKV noch selber bestimmen, was ich haben will und was nicht und muss nicht mit meiner Zwangsabgabe jeden Hartzie und Rentner, der jede Woche bei quersitzendem Furz, aus Langeweile und den Genuß, ein kostenloses “Bunte”-Abo zu nutzen, im Arztzimmer hockt.”

Zunächst einmal kann diese Nase, die sich selbst mit dem Pseudo ‘Besserverdiener’ unübersehbar sozial charakterisiert, noch “selbst bestimmen”, ob sie überhaupt Solidarität praktizieren will. Bei solchen Leuten ist zehn zu eins zu wetten, dass sie eben das dann nicht wollen. Das Hippie-Ideal des selbstbestimmten Lebens wurde hier, am neoliberalen Ufer der Gesellschaft, längst ins Ökonomische gewendet und es wird mit dem Portemonnaie begründet.

Ein Hauch von Klassenkampf durchweht im Folgenden die Zeilen: Eingebildete Kranke seien diese “Rentner” und “die Hartzies”, die stets doch nur unter imaginierten Beschwerden leiden, obwohl jede seriöse Statistik unserem Denkdussel zeigen könnte, dass soziales Ausgegrenztsein ernsthaft krank macht und dass im Alter die Morbidität ansteigt. Ein Skandal, so unser Intellektualzwerg weiter, sei es angesichts von “quersitzenden Fürzen” beim Pöbel schon, wenn diese Figuren sich überhaupt noch zum Arzt trauen, bloß um dort die “Bunte” kostenlos schnorrend zu lesen. Und das gelte ausnahmslos für “jeden Hartzie” und “jeden Rentner” in “jeder Woche”. Differenzbildung wurde diesem Mann wahrlich nicht in die Wiege gelegt – und seither ist mental auch nichts hinzugekommen.

Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder kann ich diese Figur für vollkommen verblödet halten und von aller Vernunft unbeleckt. Was aber unwahrscheinlich ist, sofern er wirklich ein Besserverdiener ist. Was bekanntlich nicht vor der ungewollten Mitgliedschaft in den eher ‘bildungsfernen Schichten’ schützt. Auch das Herabsehen auf ‘grüne Blättchen’ wie die “Bunte” spricht für einen gewissen Elitarismus, der sich nicht auf Synapsen, sondern auf den Kontostand und Statussymbolik gründet. Oder aber, der Mann redet konsequent wider sein besseres Wissen – wiewohl konform mit seinen Interessen. Das dürfte die wahrscheinlichere Variante sein. Was mir aber an all diesen westerwallenden Zynikern und Realitätsverleugnern mit den eiskalten Herzen am meisten aufstößt, ist ihr bemühter Versuch, mit untauglichen sprachlichen Mitteln selbst bei einem Thema noch witzig zu sein, das überhaupt nicht witzig ist. Mich ekelt’s nur noch vor ihnen …

Fünfmal um den Blog

Mittwoch, 29. Juli 2009

Ein neuer Vorstoß in unbekanntere Blog-Gefilde. Heute soll’s hier Artverwandtes geben – wir besuchen also einige jener Blog-Wigwams, die über und über mit Buchstaben und Satzzeichen bedeckt sind.

1. Die Protextbewegung ist derzeit vor allem eine Bande wilder Weiber von den Weiden des Westens, die sich für vernünftige Preise und lesbare Qualität bei der Textproduktion einsetzen. Da das Textbewusstsein in Deutschlands Unternehmen – mit wenigen Ausnahmen – derzeit auf breiter Front den eingeseiften Content-Hang hinabrauscht, ist ein solcher Einsatz sicherlich aller Ehren wert. So weit ich das verstanden habe, steht diese Netzlobby übrigens auch Testikelträgern offen.

2. Kristins Sprachblog kümmert sich um die Feinheiten grammatischer Sprachverbiegungen und -verbeugungen, um Lautverschiebungen und noch so allerlei, von dem ich bisher noch gar nicht wusste, wie fadenscheinig mein Wissensteppich an diesen Stellen ist. Geradezu akribisch wird mir meine Ignoranz vor Augen geführt. Die Sprache, das lerne ich daraus, ist doch ‘ein weites Feld’ (Fontane) …

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Witzfiguren (4)

Dienstag, 21. April 2009

Was wäre eine zutiefst unglaubwürdige Übertreibung? – Ein Nazi mit einem IQ von 100 …

Leiterfunktionen

Freitag, 20. Februar 2009

Mit der Steigerung, oder der Klimax, lassen sich verblüffende rhetorische Wirkungen erzielen. Auch Witz und Paradox gedeihen an den steilen, meist dreistufigen Hängen dieser Stilfigur.

Ein Klassiker der Werbung lautet: “Gut. Besser. Paulaner“. Dieser Weißbier-Slogan ist das wohl bekannteste Beispiel für ‚die Leiter’, was die Übersetzung des griechischen Wortes ‚Klimax’ ist. Ein Begriff wird über seinen Komparativ gesteigert, weshalb der Leser als drittes Moment dann den Superlativ erwartet, eine Stelle, die an prominenter Position dann ein Produktname besetzt. Gewissermaßen ist dies das Schwarzbrot des Werbetexters. Und natürlich des Ironikers: “Gut. Besser. Pofalla“.

Wahrhaft durchschlagende Wirkungen erzeugt die Klimax, wenn sie auf diese Weise Erwartungen ‚enttäuscht’, wenn wir also die dritte Stufe mit einem an sich leiterfremden Begriff besetzen, der an dieser Stelle zunächst deplaziert erscheint: “Er war ein Idiot. Ein totales Schwein. Ein richtiger Alphajournalist“. So etwas sorgt in der Folge immer für Alarm beim Adressaten. Deswegen ist Vorsicht geboten, denn mit gut plazierten rhetorischen Stilfiguren kann man sich auch dauerhaft Feinde schaffen. Oder den Eingang in die Aphorismenkammer mit ihren Klassizismen erzwingen: “Es gibt Feinde, Todfeinde und Parteifreunde …“.

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Witzfiguren (3)

Sonntag, 30. November 2008

Betritt Ulrich, frisch ernannter NPD-Funktionär, von seiner alkoholgesättigten Verdauung getrieben, mal wieder das heimische WC, um dort, auf dem Becken sitzend, versonnen das schwarzweißrot-bekränzte Führerbild gegenüber zu betrachten, dann ist ihm trotz seines dicken Kopfes wieder unmittelbar klar, wo sein Platz auf dieser Welt ist, welche Atmosphäre ihm einzig behagt. ‘Dort, wo die Wahrheit hinfällt, ist Deutschland’, denkt er und wischt rasch ab, um zurück zu den Kameraden zu eilen …”

Mit Kontrasten arbeiten, nennt sich so etwas wohl: Hehre Gedanken mit unwürdigen Verrichtungen kombinieren, Pseudo-Empathie. Oft auch ‘Situationskomik’ genannt …

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Witzfiguren (2)

Donnerstag, 20. November 2008

Pars pro toto ist auch ein Prinzip mit viel Humorpotential. Wenn man ‘ein Teil für das Ganze’ sprechen lässt, dann lassen sich an dünnste Voraussetzungen die dicksten Folgerungen knüpfen. Als Witz ist das Prinzip meist in eine Frage-Antwort-Form gefasst. Beispiel:

“Warum klatschte sich der Führer die Tolle immer nach links in die Stirn? – - – ??? – - – Na, ist doch klar, irgendwo musste sich der ‘Sozialismus’ dieser Nationalsozialisten doch zeigen!”

Witzfiguren (1)

Mittwoch, 19. November 2008

Zur Erläuterung von Witzfiguren greife ich natürlicherweise auf Witzfiguren zurück: Ich rede vom gemeinen Bräunling, so wie er sich mit Vorliebe hinter Reichskriegsflaggen und in einem zu kurz geratenen Gedankenkostüm der erstaunten Öffentlichkeit präsentiert. Mal sehen, ob hier im Stilstand so eine kleine Serie über die Funktionsweisen von Witz und Humor entstehen kann …

Nehmen wir heute die Analogiebildung: Bei ihr kommt alles darauf an, dass die vorgestellten Ähnlichkeiten auf beiden Seiten auch wirklich vorhanden sind, dass sie bisher nur noch nicht aufgedeckt wurden und deshalb als Beobachtung frappieren und zum Lachen reizen. Zum Beispiel so:

“Ihre Landsknechttrommeln schleppen die Bräunlinge auf Demonstrationen deshalb so gern mit sich herum, weil sie sich in ihnen wiedererkennen: Beide sind am hohlen, oberen Ende – beim Bräunling ist das dort, wo keine Springerstiefel zu sehen sind – mit einer kahlgeschorenen, straffen Haut bespannt. Wird dieses Ende bekloppt, wird’s immer laut und unverständlich.”

Es ist ein Kreuz!

Montag, 20. Oktober 2008

Ein Satz, der im Folgesatz seine Aussage umkehrt und so den Sinn vertieft, der erscheint uns ‘witzig’, sein Sprecher gilt fast schon als Intellektueller. Wie bei einem Kreuz oder in einem X – also wie in dem namensgebenden griechischen Buchstaben Chi – umspielen beim ‘Chiasmus‘ die Satzglieder die grammatische Position im Satzgefüge.

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Gut formuliert war es ja …

Sonntag, 05. Oktober 2008

Ein Mensch, der auf den Titel eines Freundes weiterhin Anspruch macht, sagte gestern zu mir: “Du hast es dir doch in der Besucherritze zwischen Journalismus und Literatur bequem gemacht“. Ja, soll das etwa witzig sein?