Über die ‘Zeitungskrise’ ist viel und oft geschrieben worden. Ein erneutes Auswalzen des Themas kann ich mir hier schenken. Dass aber die publizistische (Rest-)Qualität vieler Zeitungen in auffälliger Weise von ihrer Struktur abhängt, das wird erheblich weniger diskutiert. Dort, wo die Herausgeberposition stark geblieben ist, genügt die publizistische Qualität auch heute noch halbwegs den Ansprüchen eines Publikums, das sich nicht für dumm verkaufen lassen will. Als Beispiele nenne ich hier ‘Zeit’, ‘FAZ’ oder auch ‘Spiegel’. Dort aber, wo die Verlage sich in Form einer AG der Logik der Börse unterworfen haben, dort kann man den allseits beliebten ‘Qualitätsjournalismus’ rapide dahinsiechen sehen, so wie einst die TBC-Kranken auf dem Balkon des Grand Hotels zu Sankt Moritz.
Dieser Effekt liegt in der Logik der Strukturen. Natürlich sinken derzeit die gewohnten Werbeeinahmen auf breiter Front: Immobilien-, Auto-, Partner-, Stellenmarkt und viele Märkte mehr gingen unwiderruflich ans Internet verloren. In einer Aktiengesellschaft aber liegt die Entscheidungsmacht über Konsequenzen dann allemal bei einer Gruppe anonymer Investoren, die ausschließlich an wirtschaftlichen Kennzahlen interessiert sind, denen mediale und publizistische Gesichtspunkte Hekuba sind.
Sinkt deren Rendite, dann muss auch in ihren Augen natürlich etwas geschehen. In der Logik solcher Geldnasen darf es sich aber niemals um eine Kürzung ihrer Gewinnerwartungen handeln; ein geschäftsführender Vorstand, der dies verträte, wäre seinen Posten innerhalb von Tagen los. Es gilt, einer gewinnfixierten BWL-Logik zufolge, allemal die ‘Ertragsstruktur’ zu verbessern, zum Beispiel durch Entlassungen, durch ‘Syndication’, durch PR-Dienstleistungen, durch ein allgemeines Schneller, Mehr und Flüchtiger im publizistischen Bereich. In der Folge kommt es zur bekannten ‘Boulevardisierung’, zum rudelhaften Hinterherhecheln, zu Zeitungen ohne Gedächtnis, die heute dies und morgen das verkünden, zu einer redaktionellen Linie, die sich strikt am Auf und Ab der Excel-Charts bemisst.
Kurzum: Ich frage mich, ob Aktienrecht und Qualitätsjournalismus überhaupt vereinbar sind? Ob BWL und Öffentlichkeit Arm in Arm gehen können? Die viel bekakelten ‘Gefahren aus dem Internet’ aber sind – strukturell und mit den Augen des lesenden Publikums betrachtet – für den Journalismus doch eher ‘Gefahren aus dem Aktienrecht’ …