Artikel mit ‘Zitat’ getagged

Qualitätsjournalismus 2.0

Montag, 05. November 2012

Zitate entstehen so: „Nehmen die Rufe nach Ihnen zu?“ „Es sind hauptsächlich Mentions auf Twitter, in letzter Zeit schon mehr“. (Daraus wurde das Zitat „Die Rufe nach mir nehmen zu.“) Oder sie fragt: „Aber wäre es nicht das Beste für die Piraten, wenn Sie kandidieren?“ Und ich antworte kopfschüttelnd: „Für die Piraten mag es vielleicht das Beste sein, aber für mich? Ich weiß nicht, ob ich für den Politikbetrieb gemacht bin.“ (Daraus wurde das Zitat: „Für die Piraten ist es wohl das Beste, wenn ich kandidiere.“)

Kennzeichnend für diese Krawallform des Journalismus – immerhin im ‘Spiegel’ zu finden – ist ein induktives Verfahren. Der Schreiber hat vorab eine fixe Idee im Kopf – “Story” nennt er dieses Phantasiegebilde wohl – und solchen Wahn gilt es jetzt auch herbeizuführen, die Folie einer bloßen Vision trägt er in die Interviews hinein. Der Journalist und Mikrofonständer verhält sich also keineswegs ‘unvoreingenommen’ und objektiv, er ist allein an publizistischer Rendite interessiert. Passt ein Zitat nicht zur “Story”, wird es durch Weglassen solange passend gemacht, bis es zu diesem frei erfundenen Narrativ passt, das wir auch gleich ‘Roman’ nennen könnten …

Fleischhauers Abschied

Montag, 08. August 2011

Auf das übliche Gebrabbel des Spiegel-Rechtsaußen Jan Fleischhauer lohnt es sich kaum mehr einzugehen, er sitzt im Chor anderer quakender Frösche tief im Sumpf ewig Unverstandener, wo mangels Fell und Fluss noch nicht einmal mehr solche davonschwimmen können.

Dass er jetzt aber den “Kronjuristen des Dritten Reiches”, den ausgewiesenen Antisemiten, autoritären Staatsrechtslehrer und Antidemokraten Carl Schmitt im Hause ‘Augsteins Erben’ zustimmend zitieren darf, das soll hier doch nicht unerwähnt bleiben.

Eigentlich war dies ja auch zu erwarten: Weil unsere NeoCons vorn nicht mehr weiter wissen, greifen sie nach hinten tief ins Braune zurück. Die meisten tun dies bisher allerdings nicht so beherzt, sondern zumeist noch mit spitzen Fingern.

Was mag dieser Kanalarbeiter des ‘Spiegel’ uns wohl als nächstes aus seinem Kramkasten mit Schmittiana hervorwühlen? Vielleicht dies: Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. Tscha – das läge fast schon auf Breiviks Linie. Oder folgt am Ende die Exkulpation jeden Scheißdrecks, sofern es nur ein bürokratischer Scheißdreck ist: „Dass es die zuständige Stelle war, die eine Entscheidung fällt, macht die Entscheidung, unabhängig von der Richtigkeit ihres Inhaltes“? Jaja, war’s nur die zuständige Stelle – damit wäre natürlich auch Auschwitz zu legitimieren. Oder wird er vielleicht unseren Islamophoben Zucker geben, mit der gebotenen „Achtung jedes Volkes als einer durch Art und Ursprung, Blut und Boden bestimmten Lebenswirklichkeit“? Das wäre eine fast schon fleischhauernde Lebenswelt, in deren Lodenduft der schächtende Muselmann dann allerdings keinesfalls hineinpasst …

Sag mir, wen du wie zitierst, und ich sage dir, wer du bist.

Verschiedene Zitierweisen?

Montag, 16. Mai 2011

Mit dem kreativen Argument, dass es “verschiedene Zitierweisen” gebe, versucht der FDP-Europapolitiker Jorgo Chatzimarkakis jetzt Kopf und Promotion zu retten. Ihm sei gesagt, dass es im wissenschaftlichen Bereich exakt zwei Formen des Zitats gibt, das ‘direkte’ und das ‘sinngemäße’:

“Ein großer Teil der Doktorarbeit von Jorgo Chatzimarkakis (FDP) steht unter Plagiatsverdacht. Der Parteifreund Silvana Koch-Mehrins verweist auf verschiedene Zitierweisen. … Bisher hätten sich auf fast 22 Prozent der Seiten Plagiate gefunden.”

Ein direktes Zitat wäre bspw. eine solche Konstruktion: “‘Warte nur balde ruhest du auch’ – mit diesen Worten weist uns Goethes Wanderer in seinem ‘Nachtlied’ auf die Unausweichlichkeit des Todes und auf die Kürze des menschlichen Lebens hin.” Genau an dieser Stelle würde, abgedrängt in eine Fußnote, dann der exakte Quellennachweis folgen, zudem wäre dieser der anerkannten Weimarer Ausgabe entnommen.

Das sinngemäße Zitat darf zwar die Umgangssprachlichkeit eines Ausspruchs ‘aus dem Kopf heraus’ nutzen, ohne eine Namensnennung geht es aber auch hier nicht ab: “Wie Max Weber schon sagte, ist Politik ein schwerblütiges Geschäft, das vor allem im ‘mühsamen Bohren dicker Bretter’ besteht.” Das Zitat ist hier ‘nur so ungefähr’ und nicht im Wortlaut ausgewiesen, die geistige Quelle wird dennoch klar benannt.

Weitere ‘verschiedene Zitierweisen’, die es einem Schreiber erlauben würden, ganz ohne Quellenangabe zu arbeiten, die gibt es nun mal nicht. Es sei denn, eine Ente wolle als Pfau zum Karneval gehen, dann käme während der tollen Tage vielleicht auch mal das ‘Zitat à la Chatzimarkakis’ zum Einsatz. Wenn dann alles über ihre aufgedonnerte “spätrömische Dekadenz” (Westerwelle) lacht, darf sie sich nicht wundern, wenn sie Federn lassen muss – und ‘Promotion’ sollte sie ihre Maskerade auch nicht nennen …

Alles schon mal dagewesen:

Dienstag, 16. November 2010

Schau ich jetzt von meinem Berge
In das deutsche Land hinab
Seh’ ich nur ein Häuflein Zwerge,
Kriechend auf der Riesen Grab.

Muttersöhnchen gehn in Seide,
Nennen sich des Volkes Kern,
Schurken tragen Ehrgeschmeide,
Söldner brüsten sich als Herr’n.”

(Heinrich Heine: Lyrisches Intermezzo)

Beerdigung der Öffentlichkeit

Mittwoch, 18. November 2009

Ich habe mir einfach mal die Mühe gemacht, in meiner Dissertation alle Zitate und Annotationen kapitelweise durchzuzählen. Es sind mehr als 400. Ginge es nach den neuentwickelten Rechtspositionen deutscher Verleger, dann hätte ich damals schon mehr als 400 Mal gegen ihr ominöses ‘Leistungsschutzrecht’ verstoßen, das sie sich jetzt für den weihnachtlichen Gabentisch von der Politik wünschen. Jedenfalls klingt ganz so der ‘Leistungsschutzexperte’ Mathias Schwarz auf den Zeitschriftentagen (noch so’n Beispiel übrigens für die grassierende Expertenepidemie, die längst vom ‘Aasgeier-’ bis zum ‘Zystologieexperten’ reicht):

“Zur Bedrohung werden Rip-Offs für die bestehende Presse insbesondere dann, wenn nur kurze, aber mit hohem professionellen Aufwand erstellte Textausschnitte übernommen werden, für die nach deutschem Recht kein Urheberrechtsschutz besteht.”

Bei den ‘Rip-Offs’ – einem neuentwickelten Kampfbegriff, der ein angeblich kriminelles Tun aus durchsichtigen Gründen ratzfatz ins Wortbild packt – handelt es sich schlicht um unsere guten alten ‘Zitate’. Deren Gebrauch ist im deutschen Zitatrecht längst völlig zureichend geregelt. Dazu zählt zum Beispiel auch jenes Zitat ein paar Zeilen weiter oben, wo ich den Herrn Schwarz ‘im O-Ton’ mit einem Satz zu Wort kommen ließ, um seine mentale Verfasstheit zu illustrieren.

(mehr …)

Unfassbar fies sein

Montag, 18. Mai 2009

Zu manchen Gelegenheiten möchte jeder Schreiber richtig gemein sein – und auch mal kräftig ausschenken. Da wir aber im Mimosen-Zeitalter leben und hinter jeder Straßenecke abmahnbereite Anwälte lauern, gilt es, die richtige Taktik zu wählen, um diese Straßenräuber ins Leere laufen zu lassen. Zum Beispiel durch übertriebenes Lob, zum Beispiel durch vergiftete Komplimente – oder aber durch das ‚Aus-dem-Sarg-heraus-Reden’, aus dem Sarg der anderen natürlich, von wo aus man mit gebrauchten Zitaten zuschlägt. Am Beispiel unserer Paragraphenritter illustriert zum Exempel so: “Die Kunst der meisten Juristen erschöpft sich doch darin, bei der Rechtsbeugung Formfehler zu vermeiden” (Carlos Widmann). Kurzum: ein Zitat ist immer nur ein Zitat – es ist durch die Autorität eines großen Verstorbenen gedeckt und auch kaum justiziabel.

(mehr …)