Untauglicher Versuch

Ulf Poschardt versucht, Henryk M. Broder vor jenem ideologischen Tsunami zu retten, der aus Norwegens Fjorden derzeit auf unsere Rechtspopulisten zurollt. Dem Broder sei das gegönnt. Eine „Blamage“ sei es, so Poschardt, wie mit Deutschlands wortmächtigstem Provokateur jetzt umgegangen wird. Natürlich mal wieder von den ‚Gutmenschen‘. Um einem solch argumentativen Salto Mortale einen Anschein von Restplausibilität zu verleihen, bedarf es zunächst einer krassen und fast schon karikaturhaften Verzeichnung des schrecklichen Simplifikators zum streitbaren Humanisten:

„Wer in bewusster Verkennung Broders dessen anarchischen Humor und seinen kämpferischen Humanismus in den Zusammenhang mit einem Massenmord eines wohl persönlichkeitsgestörten Attentäters bringt, sortiert die Welt allzu simpel nach Gut und Böse und errichtet einen moralischen Hochsitz, von dem aus die Debatte herrschaftlich verwaltet werden soll.“

Über den Hochsitz als Verwaltungseinrichtung mögen Berufenere nachdenken. Ansonsten ist es ein altes Lied – die publizistische Herrschaft üben mal wieder die anderen aus, so als ob nicht jahrelang und in allen erreichbaren Kolumnen Islam und Islamismus über einen Kamm geschoren worden wären. Simpel wäre demnach nicht der Broder, simpel wären vielmehr die Kritiker, vermutlich jene linke Geistesverschwörung Hirnamputierter, die in Broders monothematischer Lego-Welt immer im Zentrum des narrativen Fäkabulierens steht … keinesfalls aber unser „Tag und Nacht hämmernder Polemikroboter der deutschen Publizistik“, der allen Affen so hingebungsvoll und säckeweise den Zucker in den Mors bläst.

Was dessen Form der Brachial-Kommunikation mit ‚Humanismus‘ zu tun haben soll, das muss mir erst mal jemand erklären: „Broder: Du bist ein ungebildetes Riesenarschloch!!!“ – (Unruhe im Publikum) – Broder: „Du mit deinen Positionen bist ein blöder Lümmel (Pause), du bist ein linker Penner!“ Wer dies hilflose Schimpfen eines alten Mannes ‚anarchischen Humor‘ nennt, der sieht dann wohl auch den Alfred Tetzlaff als seinen Bruder im Geiste. Sagen wir’s doch einfach, wie’s ist: Henryk Broder ist nur der wortmächtigste Geistesverwandte jener hochgeschäumten Kloake aus den Welt-Online-Foren, der als Unüberhörbarer – anders als seine Mitgenossen, manchmal sogar gedruckt wird. Er ist die Sechstonfanfare der Argumentbefreiten.

Die Folge ist klar. Wer sich an der Verteidigung des Häuptlings einer islamophoben Herde rechtspopulistischer Brüllaffen versucht, der muss notwendig scheitern – so wie dies auch Ulf Poschardt tut. Prompt verwandeln sich sogar die Metaphern in illustrative Lachnummern, denn die Sprache lässt sich nur verbiegen, aber nicht betrügen:

„Bei all den Attacken wurde nicht nur diese Zeitung, „Die Welt“, angegriffen, sondern insbesondere unser Autor Henryk M. Broder, der als Polemiker und Freigeist mit seinen Büchern, Texten und Fernsehshows wie kaum ein anderer Publizist in Deutschland der aufgeklärten Gesellschaft ihre blinden Flecken spiegelt.“

Hä? – Wo wäre denn beim Spiegeln blinder Flecken ein Aufklärungsgewinn? Ein gespiegelter blinder Fleck bleibt auch gespiegelt ein blinder Fleck. Anders ausgedrückt: Die Lektüre eines Broder’schen Textes verließe man demnach so blind wie zuvor.

Von solchen Texten allerdings hat die ‚Welt‘ genug, wie auch diesen von Ulf Poschardt, der plötzlich im schönsten Broder’schen Blechklempnerstil selbst daherschwadroniert, dass die platte Islamkritik – äh, ‚Aufklärung‘, die uns rechte Krakeeler über muslimische Gebärmaschinen und die bevorstehende Einführung der Scharia in Hinterdeppenstedt geben, im ureigensten Interesse der Muslime läge:

„Wer angesichts der Toten versucht, islamkritische Debatten zu unterbinden oder im Umfeld des Rechtsradikalen zu vertäuen, schadet auch dem emanzipatorischen Interesse jener säkularen Muslime, die nur mit der Rückendeckung einer breiten gesellschaftlichen Diskussion Fortschritte in ihren Communitys erkämpfen können.“

Ja, Herrgott – was soll denn das nun wieder sein: ein ’säkularer Muslim‘? Etwa so etwas wie ein ‚gottgläubiger Atheist‘? Broders islamkritische Alarmtrompete der Welt-Kolumnistik trötet demnach im Interesse jener Muslime, die es faktisch gar nicht geben kann? Meinten Sie das, Ulf Poschardt? Dann danke ich Ihnen für diese notwendige Aufklärung. Auch für mich schmierte ein Henryk M. Broder publizistisch und hingebungsvoll die Achse jenes Guten, auf der ein Breivik zum Showdown rollte. Um mit Friedrich Küppersbusch zu reden:

„Wenn es je „Salonbolschewiken“ gegeben hat, haben wir es längst mit Salonnazis zu tun.“

Vielleicht sollten wir auch einfach nur mehr auf die Stimmen der Überlebenden des Massakers hören:

„Um dem steigenden Rechtspopulismus entgegenzutreten, sind zwei Dinge notwendig: Zum einen muss man Islamophobie als die Form erkennen, in der Faschismus und Rassismus heutzutage auftritt. Zum zweiten müssten die anderen Parteien wieder als echte, verlässliche und vielleicht auch radikale Alternative zu den rechtspopulistischen Parteien auftreten.

Anmerkung: Fairerweise muss ich nachtragen, dass die ‚Welt‘ in ihrer Widersprüchlichkeit heute auch Gediegeneres präsentiert als das Poschardt’sche Schlagwortgefuchtel. Ob sie deshalb vorsichtshalber die Kommentarfunktion unter diesem Artikel abgeschaltet hat?

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6 Antworten zu “Untauglicher Versuch”

  1. retabuisieren sagt:

    […] untauglichen Versuch bezeichnet stilstand.de den Versuch Henryk M. Broder […]

  2. Glanzlichter 76: Prüderie, Vorhersagen und Rückblicke « … Kaffee bei mir? sagt:

    […] Internet Jetzt ist das Geschrei groß, dabei wurden Projekte gegen Rechts gezielt eingestellt. Auch Klaus Jarchow und Kathrin Zinkant beschäftigen sich mit dem Thema […]

  3. Florian sagt:

    Tolles Blog, gerade entdeckt und ab in die Favoriten.

    Weiter so!

  4. Glanzlichter: Prüderie, Vorhersagen und Rückblicke | Ruhrbarone sagt:

    […] Internet Jetzt ist das Geschrei groß, dabei wurden Projekte gegen Rechts gezielt eingestellt. Auch Klaus Jarchow und Kathrin Zinkant beschäftigen sich mit dem Thema […]

  5. Emer Genz sagt:

    Ach, der Poschard. Nimmt den eigentlich irgend jemand ernst? Das ist doch ein Suppenkasper der Konservativen, der seit „DJ Culture“ nichts vernünftiges mehr getippt bekommen hat.

  6. stilstand» Blogarchiv » Anekdotisches sagt:

    […] er stolz auf all die unvermeidbaren ‘Edelfedern’ wie Benjamin von Stuckradt-Barre, Henryk M. Broder, Andrea Seibel oder Alan Posener verwies. Sehen Sie, Herr Keese, und genau auf diese Verklärung […]