Verwandlung durch Wandel

Mein Freund Udo kam Anfang der 80er Jahre aus Poona zurück, braun gebrannt und mit einem seligen Grinsen auf dem Gesicht. Am auffälligsten war die rote Kleidung, die er trug, die plötzlich allen in der WG rosafarbene Unterwäsche einbrockte, dann, wenn eine seiner Unaussprechlichen in die gemeinsame Wäsche geriet. Stellten wir ihn deswegen zur Rede, mussten wir ihn auf seinen Wunsch hin Swami Bodi Prenh nennen (oder so ähnlich). Er sei nämlich ‚erweckt‘ worden, sagte er, und hätte sich in einen neuen Menschen verwandelt. Tatsächlich – der Junge lachte viel mehr als früher, er war anscheinend immer gut drauf, das ewige Grübeln war verflogen, und auch ich in meiner Neugier begleitete ihn gelegentlich in das Center in der Roonstraße, wo er seine zweite Heimat gefunden hatte, um herauszufinden, was mit seinem Gehirn wieso geschehen sei.

Dort im Center gab es dann Tee und vegetarisches Essen, es wurde heftig meditiert, im Fernsehen liefen ständig irgendwelche ‚Lectures‘ des bärtigen Wunderrabbis, alle lachten wie die Honigkuchenpferde und abends jobbten viele in der Bhagwan-Disco. Probleme gab es einfach nicht, ‚Das ist doch dein Ding!‘ lautete die rituelle Antwort auf alles Negative, begleitet von einem ‚Finde es selbst heraus!‘. Wer Fragen stellte, geriet unweigerlich in eine gefährliche selbstreflexive Zone: „Hast du dir schon mal überlegt, warum du mich das jetzt fragst?“. Auf alle Fragen gab es Fragen …

Für mich unverbesserlichen Heiden bestand die angenehmste Erfahrung in dem Frauenüberschuss unter diesen Mala-Behängten. Verbunden mit einem strikten Verbot, irgendwelche festen Beziehungen einzugehen, außer spirituell zum großen Bhagwan natürlich. Lauter ehemalige Psychologinnen, Lehrerinnen und Sozialwesen suchten dort regelmäßig nach Triebabfuhr, ohne mir auch nur einmal ‚Ich liebe dich‘ ins Ohr zu säuseln. Für einige Monate verwirklichte sich für mich der alte Sponti-Spruch: „Wer zweimal mit derselben pennt …“ – oft genug in einer einzigen Nacht, schließlich hatten alle Schlafräume sechs Betten. Was war ich damals noch fit!

Mitte der 80er Jahre war der Spuk verflogen. Besonders überzeugte Rotröcke entschwanden gen Oregon, andere zogen ins Center nach Freiburg, viele stiegen aus. Auch in der Bhagwan-Bewegung setzte eine ‚Rationalisierung‘ der Strukturen ein. Einige Versprengte blieben in Bremen zurück und gründeten Osho-Buchhandlungen oder etwas in der Art.

So wie die ‚Bhaggies‘, nur in unterschiedlichen Szenen, lebten damals fast alle, die jemals eine Universität von innen gesehen hatten. Die heutige Frage ‚Was machst du?‘ spielte kaum eine Rolle, die Frage ‚Wer bist du?‘ war viel entscheidender. Alternative Betriebe gab es an jeder Ecke, kaum jemand arbeitete in fester Stellung, es wurde immer nur ‚gejobbt‘ oder ‚ein Projekt durchgezogen‘. Auch ich schrieb freischwebend für Stadtillustrierte, für die taz und andere Medien – und wurde dann grüner Pressesprecher, als Nachfolger übrigens von Hubertus Knabe, der heute die Ex-Stasis jagt. In Mitte und in der östlichen Vorstadt trieben wir die verschnarchte SPD vor uns her. Das Zentrum der Stadt Bremen war grünes Hoheitsgebiet geworden.

Prägende Erfahrungen bestanden nicht in Assessment-Centern, sondern darin, dass man beispielsweise abends an der Weser saß und still dem Fluss zusah. Der konnte einem Betrachter viel vom ‘richtigen Leben’ erzählen: Das Funkeln der Wellen in der Sonne, die Kraft des Strömens, die Ewigkeit des Geschehens. Worte wie ‚Karriere‘, ‚Beruf‘ oder ‚Einkommen‘ waren demgegenüber nicht relevant.

Ende der 80er veränderte sich das – verbunden mit einem plötzlichen Wechsel der genossenen Drogen: Das ‚Bistro Brazil‘, der ‚Airport‘ oder ‘Borchers’ galten plötzlich als Koks-Kneipen. Aus vormals kuscheligen und halbdunklen Szene-Kneipen wie dem ‚Piano‘ verschwanden die Sofa-Ecken und der Plüsch, weißgekachelte Wände verbreiteten neonhelle Schlachtstuben-Atmosphäre, unbequeme Designer-Stühle malträtierten den verwöhnten Hintern. Betrat ich einen solchen Laden, dann war zunächst ein allgemeines ‚Dröhnen‘ zu hören: Buchstäblich jeder sabbelte auf den anderen ein, keiner hörte mehr zu, nirgends brannte noch ein Joint, nach etlichen bunten Cocktails quasselte sich so mancher um Kopf und Kragen, weil er dank seiner weißen Nasenringe nicht mehr bemerkte, wie besoffen er doch schon war. In allen Klokabinen häckselten die Rasierklingen rhythmisch auf arme Toilettendeckel ein. Gut durchgesnieft ging man dann wieder hinaus, um am Tresen Hof zu halten und zu ‘repräsentieren’. Aus den Menschen wurden damals die Rollen.

Das betraf natürlich auch die Kleidung: Die Bundfaltenhose verdrängte die Jeans, und zwar nicht nur deshalb, weil die Bäuche dicker wurden. Jacketts kamen in der Szene auf, auch wenn man darunter zunächst noch schamhaft weiterhin ein T-Shirt trug. Statt mit ‚Projekten‘ winkte man jetzt mit ‚Business-Plänen‘, alle Welt hatte plötzlich einen Anlageberater, jeder hatte ‚Erfolg‘ zu haben – und die Manie seltsamer Berufsbezeichnungen grassierte, während die ‚selbstverwalteten Betriebe‘ plötzlich diesem oder jenem ganz privat gehörten. Jeder Trottel war von irgendetwas ‚Geschäftsführer‘ geworden.

Nun gut, was soll uns dieses Gemöhre, wird sich mancher fragen. Nun, ich glaube, dass der Wandel der Drogenmoden tiefgreifende gesellschaftliche Auswirkungen hat. Wenn Haschisch, Pilze und Weizenbier durch Cocktails, Koks und Speed verdrängt werden, dann ändern sich mit den Drogenerfahrungen auch die Menschen und ihre Sprache. Die Auswirkungen neu aufgekommener Drogen sind bis heute zu bewundern …

Bild ‘Östl. Vorstadt, Bremen': ROMWriter, wikimedia, GNU-Lizenz

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5 Antworten zu “Verwandlung durch Wandel”

  1. GrooveX sagt:

    das viertel muss sauber bleiben!

    gibt es irgendeine peinlichkeit, die zwischen theater am goetheplatz und friesenstraße ausgelassen wurde?

  2. Klaus Jarchow sagt:

    Wohl kaum – lies mal ‘Neue Vahr Süd’ vom Sven Regener.

  3. GrooveX sagt:

    ich hab ihn in buten und binnen gesehen. das reichte mir. vor allem kenne ich das alles (von blues inn bis capri bar, von bandoneon bis gerken) schon ziemlich lang. ich glaube länger, als er auf der welt ist.

  4. Klaus Jarchow sagt:

    Man könnte auch sagen, zwischen ‘Halbem Mond’ und ‘Oblomow’, zwischen ‘Casablanca’ und ‘Brommy-Eck’ …

  5. nnier sagt:

    Tja, als etwas jüngerer und erst Anfang der 90er zugezogener Mensch habe ich davon durchaus noch Reste mitbekommen: Die heroinspritzenden Menschen hinterm Litfasz-Tresen, z.B., auswärtige Besucher mochten es kaum glauben, die gab es wirklich und hatten sogar noch gute Sprüche parat. So beschwerte sich einer meiner Besucher beim Hinausgehen über das wirklich indiskutabel abgestandene Bier mit den Worten “Euer Bier schmeckt scheiße!”, worauf der Barkeeper ihn ansah und sprach: “Macht nix!”

    Die heimliche Oma-Kneipe in der Ritterstr., manchmal schlief Opa schon, manchmal nicht.

    An der erblühenden Eso-Szene kam man auch nicht unbeschadet vorbei, und als junger Mensch, der noch ans Gute glaubt, nutzt man ja nicht mal die Gelegenheiten, die du da oben ansprichst. Dabei hätte mich eigentlich nichts mehr wundern dürfen, hatten wir doch schon als Schüler mit einer rotgewandeten Osho-Kosho-Lehrerin zu tun, die zwar nett war, aber auch nicht gerade aufklärerisches Gedankengut brachte.