Griff ins Klo beim ‚Cicero‘

Sind denen in der Kantine beim ‚Cicero‘ die Tofu-Burger verschimmelt? Hat das ökologische Terror-Regime den Zigarettenständer im Supermarkt abmontiert? Gab’s etwa Geld von der Großstadt-CDU, diesem politischen Oxymoron? Jedenfalls wirkt der derzeitige Online-Auftritt ein wenig multipel in seiner Themeneinfalt:

1. Das neue Öko-Bürgertum: Autoritär, etatistisch, regelungsverliebt.

2. 20 Gründe, warum Ökobürger nerven!

3. Möchtegern-Elite: Öko-Konsum bedeutet nicht Bürgertum

Ergänzung: Das leicht verschnarchte Thema scheint dort beim Möchtegern-Großstadtmagazin gerade unendlich aktuell zu sein. Inzwischen treiben die Monomanen dort ihr Spiel noch weiter: „Die Grünen blasen zum Angriff auf die CDU.“ Tscha – ich muss es wohl an den Ohren haben, denn ich habe bisher so gar keine Trompeten gehört. Klar ist jedenfalls, dass der ‚Cicero‘ auf dem medialen Meer etwas fährt, was wir umgangssprachlich eine ‚Kampagne‘ zu nennen pflegen. Bleibt die Frage, was das bloß bewirken soll?

Der ‚Cicero‘ trat einst an, um das neue intellektuelle Großstadtmagazin zu werden – so etwa in der Nachfolge von Enzensbergers ‚Transatlantik‘. Denker und Lenker sollten dort zu Wort kommen. Davon sind sie heute weit entfernt. Inzwischen müssen wir dort solche Sätze lesen, von einem Alexander Grau, die den Beweis führen, dass der Verfasser nachweislich weder das eine noch das andere ist:

„Das so genannte neue Bürgertum ist eine Sammlungsbewegung der Furchtsamen, der Übervorsichtigen und Mutlosen: Man ängstigt sich vor Kernkraftwerken, Elektrosmog, vor Gentechnologie, „den Märkten“ oder auch nur den Ungleichheiten, die das Leben so mit sich bringen kann.

Gut, wir haben es hier also klarerweise mit einer Publikumsbeschimpfung zu tun, mit einer Eigenpublikums-beschimpfung sogar. Denn die Frage ist doch, welches Publikum hier beschimpft wird. Es ist die gebildete, bürgerlich kultivierte Leistungselite aus den Reihen der ‚LoHas‘, die sich hier derart niedermachen lassen muss, obwohl sie im urbanen Raum längst die Mehrheiten stellt. Der ‚Cicero‘ schießt derzeit aus allen Rohren auf sein eigenes Leserpotenzial, das man doch eigentlich zu gewinnen trachten sollte.

Alexander Grau aber möchte wohl lieber jene Leute erreichen, die in den Ferien vor Kernkraftwerken campen, die jeden Morgen mit Elektrosmog duschen, sich mit Vorliebe Genfood aufs Brötchen schmieren, trotz aller Erfahrungen noch immer ‚den Märkten‘ vertrauen und jede Form von Ungleichheit für gottgewollt halten. Denn das seien die wahren Aufgeklärten. Nun ja, nachts sind auch alle Katzen Grau. Folgerichtig melden sich seine Geistesgenossen, die hier vorurteilsmäßig adressierte kleinbürgerlich-wissenschaftsferne Schicht der ‚Klimaskeptiker‘ und sonst irgendwie Verrannten als erstes zu Wort. Die äußern sich in ihrer Blindheit beispielsweise so, ohne je den Balken im eigenen Auge zu sehen:

„Was vielleicht auch noch zu erwähnen wäre, ist die überbordende Liebe des Öko-Kleinbürgers zu Tieren. Leid und Not anderer Menschen sind diesem Typus weitestgehend egal, aber wehe jemand wagt es, ein Tier auch nur schief anzusehen, geschweige denn in den Verdacht zu geraten, es schlecht zu behandeln. Ebenfalls würde ich in diesem Milieu die Neigung verorten, sich, sofern man dabei auch schön anonym bleibt, pöbelnd, geifernd und mit Schaum vorm Mund über alle Dinge und Personen, die nicht in das grüne Weltbild passen, in Internet-Foren und Kommentar-Bereichen von Zeitungen Luft zu machen.

Gut, gut, lass das Geifern, Kleinbürger, wir haben verstanden – es geht um diese angeblich geifernden Grünen, wie sie auf jedem Parteitag zu besichtigen sind. Erst allmählich, nach einer Pause angemessener Reflexion, meldet sich dann auch jene Schicht zu Wort, die doch das eigentliche Publikum des ‚Cicero‘ sein sollte:

Was hat die Energiewende mit Fortschrittsfeindlichkeit und Technikpessimismus zu tun? Warum ist die Homosexuellenehe antiliberal? Wieso ist Obama-Verehrung „antiamerikanisch“? Warum bedeutet der Besuch staatlicher Schulen den Willen zur „Gleichschaltung“? Der Autor reiht seine persönlichen Feindbilder munter aneinander, und nichts passt zusammen.

Damit wurden so ziemlich alle realitätsfernen Ansichten des Alexander Grau mit dem Mittel der rhetorischen Frage auf den Meeresgrund geschickt. Denn plausible Antworten gibt es auf solche Fragen nach Begründungen für massive Vorurteile nun mal nicht. Das bringt mich auf meine These zurück: Nicht das Internet macht es, dass die Zellulosemedien untergehen, es sind diese Medien höchstselbst, die sich gerade unter großem Blubb-Blubb auf Grund setzen. Leser aus der Zielgruppe sehen das ähnlich – ganz ohne Geifer vor dem Mund:

„Ich erinnere mich daran, daß ich meiner ältesten Tochter die erste Ausgabe von „Cicero“ schenkte. Das war damals ein kluges Blatt. Heute würde die mich angucken, als ob ich sie nicht mehr alle hätte, wenn ich ihr ein neues Heft mitbringen würde. Wenn man diesen Artikel liest und die ihm innewohnende Unfähigkeit sieht, das „Andere“ auch als solches zu erkennen, kann man das verstehen. Stammtisch pur … und das in dem, was ich mal „mein Cicero“ nannte. Schade. so schnell kann’s bergab gehen.“

Vermutlich liegt die Unfähigkeit falsche publizistische Strategien zu erkennen, ja, überhaupt eine sich ändernde Welt zu erblicken – das jedenfalls ist meine Vermutung – an einer schlichten rekursiven Schleife der Weltwahrnehmung: Der ‚Cicero‘ guckt, was die Kollegen vom ‚Spiegel‘ meinen, der ‚Spiegel‘ guckt in die ‚FAZ‘, die ‚FAZ‘ in die Süddeutsche‘, die ‚Süddeutsche‘ in die ‚Zeit‘, die ‚Zeit‘ wieder in den ‚Cicero‘ – im Kern aber bleibt es eine Gruppe nahezu Gleichaltriger auf allen Chefsesseln, die einst im Hedonismus der 90er Jahre aufwuchsen, und die jetzt nicht merken oder merken wollen, wie ihre alte Welt hinter dem Horizont versinkt. Deshalb, weil ja der Kollege auch nichts darüber schreibt.

Die Medienkrise wäre also primär das Problem einer begrenzten Alterskohorte, die strikt darauf achtet, dass niemand ins System gelangt, der nicht ihre Ansichten teilt. So kommt es, dass solche Schlachtkreuzer im Extremfall sogar aus allen Rohren auf das potentiell eigene Publikum ballern, wie derzeit just der ‚Cicero‘ … andererseits aber ist am Wochenende auch CDU-Parteitag, und da gilt es im Vorfeld, die aufflammende Schwarz-Grün-Debatte mit allen medialen Mitteln auszutreten.

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3 Antworten zu “Griff ins Klo beim ‚Cicero‘”

  1. H.G. sagt:

    Mein Mittschnitt letzter Zeit ist! Jene Nachrichtenauftraggeber sind Verleger für Anweisungseinleser; Projektoren der Früheinsteiger, für aufrückende Mittelschichten, suspendierend die Nachtschichten; O, was gäbe die diese Dreiklassen; gut! Die eine davon, war die, mit der ich nie geringer dümmer – Besserwissen – auskam. Sie Ist die, die für mich – Wohl-vor-und über mich nachdenken…das Beste aus dem pädagogischen – wollte! Sie bestätigen ihre Synästhesie… an Generationen mittelschichtig.
    Ja gut noch…da wäre, jene Delikatessen, der verminderte BioLeb – Ökonom, es sind die zuschnapper – und diese Ökonomie Panscher. Ein folgender Leser… wohl auch… dem Greifer nahe, schnappen nur zu, bei lebendiger fleischiger Petit Four… schmatzen ihrem Esels Möhren… aus verdacht das der Esel denken Lesen, Schreiben, bejahen… – Er mag, Generationen ausführen können… doch unmöglich sein fröhliches Tun…und Tat; soviel Ökomat! Zuviel Stroh regeneriert in seiner Art … H.G.

  2. Griff ins Klo beim Cicero — Carta sagt:

    […] aufflammende Schwarz-Grün-Debatte mit allen medialen Mitteln auszutreten.   Crosspost von Stilstand Sind denen in der Kantine beim ‘Cicero’ die Tofu-Burger verschimmelt? Hat das […]

  3. Aufgelesen … Nr. 61 – 2012 | Post von Horn sagt:

    […] es im Vorfeld, die aufflammende Schwarz-Grün-Debatte mit allen medialen Mitteln auszutreten. Aus: Stilstand b. Wir brauchen neue Verleger Es gibt eine Menge Blogs, die sehr erfolgreich Sparten bedienen, es […]