Wenn der Jörges erzählt (2)

Um den Typus des Alphajournalisten, diesen Gottlieb Wendehals der deutschen Publizistik, besser zu verstehen, versuche ich’s diesmal mit einem kleinen Quiz. Hier die Frage: Welches der folgenden Jörges-Zitate stammt aus dem Wonnemond des Neoliberalismus im Jahr 2006, und welches stammt aus dem Sommer 2009? Und wie erklären Sie sich den Weltanschauungs-Gap, der in ein- und demselben Kopf dort zwischen Neoliberalismus gestern und Staatsinterventionismus heute klafft? Zwischen dem Mann, der heute die reichen Banker geißelt, so wie er einst die Armen Mores lehren wollte?

Der scheinbar brutalste Abbau staatlicher Stütze in der deutschen Sozialgeschichte entpuppte sich als ihr komfortabelster Ausbau. Statt Arbeit unter allen Umständen zu erzwingen, eröffnete Hartz den Weg zu einem gesellschaftlichen Grundeinkommen, das Arbeit verhöhnt und Nichtstun belohnt”.

“Die Politik hat die Wende zu anderen, zu seriösen Geschäftsmodellen nicht erzwungen. Die Zocker, die Investmentbanker, sind an ihre Schreibtische zurückgekehrt – und wieder umworben. Ihre Boni wurden gekürzt, der Optik wegen, dafür die Grundgehälter heraufgesetzt, das lässt sich leichter verschleiern.

“Eine wahre Honigroute zum Kommunismus eröffnet die Möglichkeit, das Arbeitseinkommen auf Hartz-IV-Niveau zu heben, falls es unter der vielfach gepolsterten Stütze liegt. Mehr als eine Million Menschen haben sich als “Aufstocker” registrieren lassen.

“Wenn die Banken die Wirtschaft austrocknen, müsste die Stunde ihrer eigenen Trockenlegung schlagen. Oder eines Staatskommissars im Vorstand. Oder gar der Verstaatlichung. Bloß: Wer mag das, nach allem, noch glauben?

“Die Dämme der Scham scheinen zu brechen. Galt es früher selbst bei Bedürftigen als Makel, zum Sozialamt zu gehen, wird heute fantasievoll erkundet, wie ein Platz an den Fleischtöpfen des Sozialstaats erobert werden kann.

Man sieht – die Weltanschauungen kommen und gehen, die Kassandra-Pose aber bleibt. Anders ausgedrückt: Der Typus der Überzeugungslosigkeit ist eben auch ein Typus, der Typus desjenigen nämlich, der auf den Konjunkturen diverser Weltsichten mühelos zu surfen versteht. Aber auch die Textsorte ‘Kolumne’ ist es, die so etwas bewirkt: Wie ein Hyde-Park-Redner kann sich der Großmufti der jeweiligen Redaktion allwöchentlich auf seine Seifenkiste stellen und folgenlos seine ‘ewigen Wahrheiten’ in die Landschaft donnern, weil sie nach der nächsten Ausgabe ja doch wieder vergessen sind …


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5 Antworten zu “Wenn der Jörges erzählt (2)”

  1. Axel sagt:

    Ach Mensch, ich habe mir so viel Mühe gemacht, den einzelnen Zitaten das entsprechende Jahr zuzuordnen, um dann festzustellen, dass der erste Satz jeweils auf den Artikel verlinkt ist.
    Ich hatte aber alles richtig zugeordnet – ich schwöre!

    Nun zur Frage:
    Sie, lieber Herr Jarchow, haben sie ja schon selbst beantwortet: Überzeugungslosigkeit als Typus, das ist es. Ich bin überzeugt, dass Sie damit recht haben. Restlos überzeugt.

    Übrigens eine feine Serie, dieses WDJE. Freue mich schon auf Teil 3.

  2. Klaus Jarchow sagt:

    Naja – die Lösungshöhe dieses Quiz’ lag immerhin auf Sportschau-Niveau: Wer schoss das Wembley-Tor? A: Helmut Kohl B: Niemand, denn es war ja keins …

    ;-)

  3. Dierk sagt:

    Ich habe, mal wieder, ein Problem, womöglich zurückzuführen auf meine kurze Aufmerksamkeitsspanne:

    Eine wahre Honigroute zum Kommunismus eröffnet die Möglichkeit, das Arbeitseinkommen auf Hartz-IV-Niveau zu heben

    Was meint Herr Jörges hier?

    Ich meine, die Unternehmen haben doch kein Interesse am Kommunismus, oder? Und den Arbeitnehmern kann ich doch nicht vorwerfen, dass sie genügend Geld zum Leben haben möchten. Der Staat [in diesem Fall tatsächlich der Staat = wir alle] sind verpflichtet, sogar ein würdiges Leben zu ermöglichen. Wer also will lt. Jörges den Kommunismus, wer schiebt ihn an?

    Ich gehe sicherlich zu Recht davon aus, dass Kommunismus von ihm als Schimpfwort benutzt wird, wie üblich in der pseudo-politischen Diskussion.

    Besteht die eigentliche Schande nicht darin, dass Unternehmen sich eine Subvention durch die Hintertür holen, indem sie einfach läppische Löhne zahlen und dann die armen Schweine, die die Gewinne erwirtschaften zu staatlichen Stellen zum Betteln schicken? Ich vermute wohl auch richtig, dass Herr J. meint, der Mindestlohn sei eine sozialistische Errungenschaft zu Gunsten der Arbeitnehmer. Obwohl er nichts weiter ist, als ein Instrument, jene ‘kalten Subventionen’ zu verhindern – und damit das Ausplündern des Steuerzahlers durch Privatunternehmen.

  4. Klaus Jarchow sagt:

    Ist doch klar, was er meint: Die Einführung von Hartz IV durch die rotgrüne Bundesregierung und das Abkoppeln weiter Bevölkerungsschichten von der Wohlstandsgesellschaft, das war deshalb eine ganz perfide Methode, den ‘Kommunismus’ in Deutschland einzuführen, weil ja die ‘Kommunen’ dieses Geld den luxurierenden Arbeitslosen in den unersättlichen Rachen schmeißen müssen – auf Kosten unermüdlich arbeitender Leistungsträger, wie der Herr Jörges einer ist, die dadurch gewissermaßen teilweise ‘verstaatlicht’ werden. Oder so …

  5. Dierk sagt:

    Ah! [Hier stelle sich der ungeneigte Leser bitte eine strahlende Glühbirne über dem Kopf einer Cartoonfigur vor.]

    Es ist schön zu sehen, dass es Menschen mit gutem Textverständnis gibt, Menschen, die sogar durch Jörges Gefasel Sinn erkennen können.