Wenn, wenn, wenn …

Konditionalsätze scheitern zumeist nicht erst an einer unzulässigen Schlussfolgerung, sondern oft schon an der Prämisse, die sie eingangs setzen. Trotzdem wirken sie im Politbetrieb deshalb überzeugend, weil sie aus einer blindlings erhaschten Voraussetzung folgerichtige Schlüsse zu ziehen scheinen. „Wenn im Himmel Jahrmarkt wäre …“ so pflegt der Volksmund diese Form der angewandten PR-Sprache zu glossieren. Hier ein besonders inhaltsleeres Beispiel – mit nachfolgender Dekonstruktion:

„Wenn sich die Union dazu durchringen könnte, mehr partizipative Elemente in ihre parteiinterne Willensbildung aufzunehmen, wenn sie im Gegensatz zu Hamburg oder Baden-Württemberg wahltaugliche Kandidaten aufstellen würde und wenn sie Innovationsfreudigkeit mit Traditionalismus zu verbinden vermochte – könnte sie wirkungsvoll ihre Zukunftskompetenz nachweisen.“

1. „Mehr partizipative Elemente in der parteiinternen Willensbildung“: Abgesehen mal von dem Floskelcharakter dieser rundgelutschten Sprache, Mitgliederbefragungen führen die Parteien jeder Couleur schon seit den 80er Jahren durch. Was hat es genutzt? Die Beschlusslagen werden zumeist von den ‚Realpolitikern‘ unter Verweis auf ‚Sachzwänge‘ rasch wieder kassiert. Solange derartige Befragungen nicht verbindlich sind, sondern nur – wie hier – als „Spurenelemente“ und Parteivolksberuhigungsmaßnahmen eingeführt werden sollen, ist eine solche Forderung schlichtes Faselblasülz. Außerdem ist die werte Wählerschaft nicht umstandslos mit der Mitgliedschaft einer Partei gleichzusetzen …

2. „Wahltaugliche Kandidaten“: An wen mag er bloß gedacht haben? Gottschalk? Justin Bieber? Hinter dieser Vorstellung steckt eine geradezu pop-musikalische Auffassung von der Politik: Ein Star, und schon drängen die Fans massenweise ins Parteikonzert. Der Gegenbeweis ist denkbar einfach: Die Grünen gewinnen derzeit, obwohl bei ihnen weit und breit kein Publikumsmagnet in Sicht ist. Anders ausgedrückt: Glaubwürdigkeit ist inhaltlich und eben nicht personell zu verorten …

3. „Innovationsfreudigkeit mit Traditionalismus verbinden“: Das ist nun eine blanke Sprechblase, dazu noch eine Paradoxie – der Mann musste hierzu nur Feuer mit Wasser verbinden, um jede Menge heißen Dampf zu erzeugen …

Kurzum – der Beweis, dass die Wahlniederlagen vom 27. März geradezu die Voraussetzung für den Triumph von Schwarzgelb im Jahr 2013 seien, der ist unter diesen ‚Konditionen‘ nicht zu haben. Von einem renommierten Markt- und Sozialforscher hätte ich doch ein wenig mehr erwartet, als uns das ‚Prinzip Hoffnung‘ auf eschatologischer Ebene zu verkünden: „Liebe Gemeinde der vereinigten Wirtschafts- und Atomfreunde, die wir uns hier um diesen Artikel versammelt haben – immer wenn ihr denkt, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her!“ Ein Lichtlein – aber keine Leuchte …

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2 Antworten zu “Wenn, wenn, wenn …”

  1. Dierk sagt:

    Für mich scheitert das Wenn-Textchen aus ganz formalem Grund: Viel zu viele Prämissen UND viel zu viele Konditionalformen. Das was dort steht ist ‚Wenn der Hund nicht gesch… hätte‘ hoch 6 oder 7. Das ganze taugt nicht mal als Ausgangspunkt für eine Alternativhistorie/-welt. Aristoteles hätte den Kopf traurig hängen lassen, sich umgedreht und gekuckt, ob Sokrates noch was im Becher gelassen hat.

    Das ganze wäre etwas besser, hätte der Autor jener Zeilen, das ganze würde-los formuliert:

    “Wenn sich die Union dazu durchringt, mehr partizipative Elemente in ihre parteiinterne Willensbildung aufzunehmen, wenn sie im Gegensatz zu Hamburg oder Baden-Württemberg wahltaugliche Kandidaten aufstellt und wenn sie Innovationsfreudigkeit mit Traditionalismus verbindet – könnte sie wirkungsvoll ihre Zukunftskompetenz nachweisen

    Jetzt sind das nicht mehr Hirngespinste, sondern machbare Handlungen, die umgesetzt werden können, um den Wunsch, den der einzig verblieben Konjunktiv ausdrückt, zu erfüllen.

  2. Klaus Jarchow sagt:

    Ohne Konjunktiv-Prämissen aber klingt es, als reihe Schwatzgelb seit längerem nur dumme Fehler an dumme Fehler. Weshalb sie wiederum der Wähler zu recht bestraft. Dieser Eindruck liegt – glaube ich – nicht in der Intention des Schwurblers.